23.10.2012

Sie machen im Herbst auch Wein - Apfelwein

on Stephanie Kuntermann

Schriesheim-Altenbach. Wer dieser Tage im vorderen Odenwald unterwegs ist, kann einen vertrauten Anblick genießen: Streuobstwiesen mit alten, knorrigen Bäumen voller Äpfel. Dass ein Großteil dieser reifen Früchte gar nicht geerntet wird, bedauern viele.

"Es ist aber auch eine ganz schöne Plackerei, auf diesen steilen Wiesen herumzuklettern", sagt Gerd Spiegelhalter. Der Altenbacher gehört zu denjenigen, die sich die "Plackerei" jedes Jahr antun. Mit dabei sind seine Frau Anita, die Nachbarn Kathy und Karl Bauder sowie Wanderfreund Lothar Pfeifer.

Sie greifen eine Tradition auf, die im Ortsteil schon beinahe in Vergessenheit geraten ist: "Früher haben die Leute hier alle Streuobstwiesen gehabt", erzählt Pfeifer. Das Ernten und Verarbeiten der Früchte lohnte sich allerdings irgendwann nicht mehr. Vor fünfzig Jahren begann der Obstanbau langsam unrentabel zu werden, viele Bauern betrieben die Landwirtschaft erst im Nebenerwerb und gaben sie schließlich ganz auf.

Weshalb heute viele dankbar sind, wenn jemand die Früchte erntet, was die fünf Altenbacher auch tun. "Das sind bestimmt acht Zentner", schätzt Gerd Spiegelhalter mit Blick auf unzählige Säcke voller Äpfel, die in seiner Garage stehen. Bohnäpfel, Boskop, Winter-Rambour und Goldparmäne heißen die alten, zum Teil schon seit dem 18. Jahrhundert angebauten Sorten.

Neben den Säcken steht ein Mahlwerk und daneben Spiegelhalters ganzer Stolz: eine Kelter aus dem Jahr 1905. Bekommen hat er das gute Stück in marodem Zustand. In mühevoller Handarbeit nahm er es auseinander, arbeitete es auf und ersetzte die morschen Holzteile. Wenn die Äpfel klein gehäckselt aus dem Mahlwerk kommen, werden sie in die Kelter geschüttet. Ein dicht schließender Deckel und mehrere Holzkeile sorgen dafür, dass der Saft mit Druck aus den Apfelstückchen gepresst wird. Aus der Saftrinne fließt schon nach ein, zwei Umdrehungen ein trüber, rotbrauner Saft. 50 bis 60 Liter kommen so aus einer Kelter-Füllung. "Das ist abhängig von der Sorte, aber auch vom Jahr", weiß Spiegelhalter, der seit drei Jahren mit seiner Presse Saft macht. Ein Teil davon wird in Tanks zu Apfelwein vergoren, etwa 100 Liter werden auf 82 Grad erhitzt, in einen Edelstahltank gefüllt und verschlossen: sie bleiben Saft. "Das Geheimnis ist die Dichtung. Wenn Luft an den Saft kommt, kippt er um", weiß der Altenbacher. Mit einem Schwimmdeckel und lebensmittelechtem Öl wird der Tank verschlossen. Ganz ohne Konservierungsmittel hält sich darin der Saft bis zu zwei Jahre lang frisch.

Ihren Apfelwein schenken Spiegelhalters auf der Altenbacher Kerwe aus. Da sind sie jedes Jahr mit ihrer Wandergruppe "Wetterfest" beim Kerweumzug dabei, im Schlepptau einen Leiterwagen und ein 30-Liter-Fass mit dem Wein, von dem die Altenbacher probieren dürfen. Die Geselligkeit ist schließlich auch beim Saftmachen ein angenehmer Nebeneffekt. Auf dem Tisch neben der Presse steht eine Schüssel mit frischem, noch warmem Apfelmus, daneben hat Kathy Bauder eine Schüssel mit duftenden Reibekuchen gestellt. Ins Glas kommt Apfelsaft direkt von der Kelter. So dass aus der Arbeit zum Schluss eine gemütliche Nachbarschaftsparty wird: Traditionspflege, die Spaß macht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung