26.09.2003

"Wir haben noch nie Hilfe abgelehnt"

Schriesheimer Sozialstation feiert am Sonntag ihr 25-jähriges Bestehen - Vor 1978 war bei der ambulanten Pflege der Notstand ausgebrochen

Von Roland Kern

Schriesheim. Keine Frage, diese Einrichtung ist ein Segen für die Stadt und die ganze Bergstraße: Am Sonntag feiert die Kirchliche Sozialstation Schriesheim mit einem Festgottesdienst und einem Empfang ihr 25-jähriges Bestehen. Ein Vierteljahrhundert Erfolg, aber auch Kraftanstrengung liegen hinter den Menschen der Sozialstation.

Mehr als 40 Mitarbeiter, ein Jahresetat von rund einer Million Euro, fast 200 Patienten, Dienste in allen sozialen Bereichen rund um die Uhr (s. Kasten unten) - die Kirchliche Sozialstation Schriesheim, die auch Wilhelmsfeld, Hirschberg und sogar Teile Weinheims mitbetreut, ist heute ein modernes Pflegeunternehmen. Und doch viel mehr. "Wir heben uns deutlich ab von den privaten Dienstleistern", betonte jetzt Siegfried Wachter, der langjährige Vorsitzende. Die kirchlichen Wurzeln der Sozialstation geben der Jubiläums-Einrichtung seit ihren Anfängen eine besondere ethische Verpflichtung mit, wie es Wachter beschreibt. Der Vorsitzende: "Wir betreiben nicht einfach ein Geschäft." Deshalb betont Wachter auch: "Obwohl wir ein Jubiläum nach Jahren feiern, werden bei uns die Taten gezählt." Und derer gibt es zahlreiche segensreiche in den letzten 25 Jahren.

Dr. Karl Schuhmann und Dr. Franz Neumann, die beiden Human-Mediziner (im wahrsten Sinne des Wortes!) und CDU-Stadträte, Horst Grevé und Siegfried Wachter, Edel Brunn, die Bürgermeister Peter Riehl und Werner Oeldorf aus Hirschberg - das sind die Menschen der ersten Stunde, quasi die Geburtshelfer der Station. Diese Leute erkannten Mitte der 70er Jahre, dass die Kirchen mit ihren Ordensleuten nicht mehr alleine für die ambulante Krankenpflege zuständig sein konnten. Viele Jahre lang hatte diese Betreuung, wie Gesundheitsexperte Wachter weiß, "ganz unauffällig" bei der Kirche ihren Platz. Doch die Zeiten änderten sich. "Wir hatten einen beginnenden Notstand", sagt Wachter noch heute. Übrigens steckte der Katholik, der bis zu seiner Pensionierung auch hauptamtlich ein Krankenhaus organisierte, bei der Gründung der Sozialstation zunächst zurück und überließ dem nicht minder engagierten Horst Grevé, seinem evangelischen Pendant, den Vortritt und ersten Vorsitz. Am 30. August 1978 fand die Gründungsversammlung statt. Es war seinerzeit einfacher, die Sozialstation alleine unter der Trägerschaft der evangelischen Kirche arbeiten zu lassen. Die katholische Kirchengemeinde fungierte formal als "Kooperationspartner", wie es offiziell hieß. Wachter wurde Grevés Stellvertreter. Es war einfach die praktischere Rechtsform; an der Basis war die Sozialstation in Wahrheit schon immer ökumenisch. Auf dem Papier ist sie es offiziell erst seit wenigen Jahren. Traude Enders war die erste Geschäftsführerin, Jutta Stöhrer die erste Pflegedienstleiterin. Paul Gehrlinger hatte zunächst ehrenamtlich mit der Geschäftsführung begonnen. Christel Sauer, die diesen Management-Posten heute ausfüllt, begann gleich als Krankenschwester in der Pflege. Wachter löste Grevé 1994 als Vorsitzenden ab. Seit mehr als zehn Jahren gehört unter den Geistlichen die evangelische Pfarrerin Eva Beisel zu den großen Förderern der Sozialstation: "Niemand bringt das so gut rüber wie sie", bescheinigt Wachter.

In den ersten Jahren bestimmten übrigens noch die Ordensschwestern das Bild. Elfriede Rössle wurde mit ihrem klapprigen Mofa legendär, ebenso die katholische Schwester Rabana - viele ältere Schriesheimer werden sich noch gut erinnern. In Leutershausen war Schwester Aucta bei den Kranken und Bettlägerigen unterwegs.

Eine Sozialstation ist dem gesellschaftlichen und sozialpolitischen Wandel ausgeliefert. Wachter, Sauer und Pflegedienstchefin Petra Hölzel, das aktuelle Führungsteam, wissen von diesem Zustand ein Lied zu singen. Bis zum Jahr 1995 finanzierte sich die ambulante Pflegearbeit über die Krankenkasse und Zuschüsse der Kirchen, des Landkreises und der Kommunen. 1995 kam die Pflegeversicherung, gepriesen als eine der großen Errungenschaften des Sozialstaates, und alles war anders.

Seither und im Zuge ständiger sozialer Einschnitte, sind die Abrechnungsmodalitäten und Genehmigungsverfahren immer komplizierter geworden. "Unmenschlich", sagt Wachter. Fast 200 Patienten umfasst die Kartei der Sozialstation heute. "Wir haben noch keine Hilfeleistung abgelehnt", sagt der Vorsitzende mit berechtigtem Stolz. Am Sonntag haben sie Grund zum Feiern.

INFO: Feier zum 25-jährigen Bestehen der Kirchlichen Sozialstation Schriesheim am Sonntag, 28. September. 9.30 Uhr Ökumenischer Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche, 10.30 Uhr Empfang im Gemeindehaus, danach Vorführungen und Dokumentationen.

Sozialstation 1978

Patienten: ca. 60
Jahresetat: ca. 350 000 Mark
Finanzierung: Zuschüsse von Kirchen, Landkreis und Kommunen, Krankenversicherung
Personal: 6,3 Stellen, auch ehrenamtliche kirchliche Ordensleute
Sitz: Provisorische Räume in der evangelischen Kirche
Erster Träger: Diakonisches Werk
Vorsitzender: Horst Grevé (bis 1994)
Geschäftsführung: Paul Gehrlinger, Traude Enders
Pflegedienstleitung: Jutta Stöhrer
Arbeitsbereiche: Alten- und Krankenpflege, Nachbarschaftshilfe
Einzugsgebiet: Schriesheim, Hirschberg, Wilhelmsfeld.

Sozialstation 2003

Patienten: Knapp 200
Jahresetat: ca. 1 Mio Euro
Finanzierung: Kranken- und Pflegeversicherung
Personal: 22,3 Stellen, davon 14 examinierte Kräfte, ca. 40 Mitarbeiter
Sitz: Kirchstraße, Schriesheim
Vorsitzender: Siegfried Wachter
Geschäftsführung: Christel Sauer
Pflegedienstleitung: Petra Hölzel
Arbeitsbereiche: Alten- und Krankenpflege (70%), Dorf- und Familienpflege (10%), Hauswirtschaftliche Versorgung (10%), Nachbarschaftshilfe (10%), Tagespflegestätte in den Fensenbäumen.
Einzugsgebiet: Schriesheim, Hirschberg, Wilhelmsfeld, Weinheim.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung