17.01.2014

Was macht Schriesheim weltweit einzigartig?

Schriesheim. Wenn man an Schriesheim denkt, fallen einem zunächst wohl die Strahlenburg als Wahrzeichen, die Weinberge und der Mathaisemarkt ein. Weltweit einzigartig macht das Städtchen aber ausgerechnet eine Pflanze, die irgendwie nach Petersilie aussieht: In Schriesheim wächst eine Varietät der "Mauerraute", die es bislang auch nur dort gibt. Weltweit, wie gesagt.

In einer eigens aufgelegten wissenschaftlichen Beschreibung heißt diese spezielle Mauerraute, die zu den Farnen und somit zu den Sporenpflanzen gehört, nach ihrem Fundort: "Asplenium ruta-muraria L. subsp. ruta-muraria var. schriesheimense".

Im Jahr 2007 entdeckte der Oberflockenbacher Volker Schaffert, dass die Mauerrauten an einer Mauer in der Schriesheimer Branichstraße auffällig anders aussahen. Sie hatten wenige, dafür große, tief ausgefranste, unsymmetrische Fiedern und Fiederabschnitte. Er berichtete dem Hemsbacher BUND-Vorsitzenden Gerhard Röhner von seinem Fund, der wiederum Walter Bujnoch, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität Trier, kontaktierte. Er sandte ihm einige Weder der Schriesheimer Pflanze mit reifen Sporen zu.

In der Folge stellte sich heraus, dass die Schriesheimer Mauerraute nicht nur auffällig anders aussieht, als alle bisher beschriebenen Formen, sondern ihre Merkmale auch genetisch fixiert sind. Röhner und Bujnoch konnten durch eine Aufzucht aus Sporen belegen, dass die Merkmale nicht vom Standort abhängig, sondern vererblich sind. Sie werden somit an die Nachfolgegeneration übertragen.

Trotz intensiver Suche habe man bislang nur ungefähr 100 Exemplare der "Schriesheimer Mauerraute" an zwei Mauern an der Branichstraße gefunden, teilte Gerhard Röhner mit. Der Hauptbestand wächst an einer verfugten Granitmauer mit einigen Sandsteinen vor dem Gebäude der ehemaligen Gaststätte "Schauinsland". Ein zweiter kleiner Bestand wächst ungefähr 30 Meter entfernt an einer etwa drei Meter hohen Sandsteinstützmauer eines Grundstücks in der Straße "Zum Buchenhain".

Recherchen ergaben, dass die Mauerraute dort frühestens vor 80 Jahren durch eine Spore begründet wurde (Mauerrauten sind zur Selbstbefruchtung in der Lage). Möglich aber auch, dass sie durch eine Chromosomen- oder Genmutation direkt vor Ort vielleicht durch chemische Einwirkungen entstand. Theoretisch kämen bei Bodenuntersuchungen talabwärts festgestellte erhöhte Schwermetallkonzentrationen (Arsen, Blei, Thallium und Cadmium) durch das nur 400 Meter entfernte Bergwerk "Anna-Elisabeth" in Betracht.

Ob sich die einzigartige Schriesheimer Mauerraute behaupten wird, ist offen. Der bisher bekannte Hauptwuchsort konnte jedenfalls dank des Einsatzes von Stadtbaumeisterin Astrid Fath und dem Geschick der ausführenden Straßenbaufirma gesichert werden: In 2013 war ein Abriss der Mauer vor dem verfallenden "Schauinsland" geplant, um den hinter ihr führenden Fußweg sanieren zu können. Bis auf Weiteres kann die Mauer aber nun wohl stehen bleiben und die Stadt Schriesheim behält ihre einzigartige Pflanzenvarietät.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung