20.06.2014

In Schriesheim trutzte nur die Strahlenburg dem Fußball

Auf der Suche nach Ausgehmöglichkeiten ohne "Rudelgucker" bot das Wahrzeichen Schriesheims einen Ort himmlischer Ruhe.

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Hoffentlich fliegen sie raus, dann ist Ruh'". Mit diesem missmutigen Satz outet man sich dieser Tage schnell als Fußball-Verweigerer. Mancherorts würde er einem vermutlich den Zorn eines Lynchmobs eintragen, in Schriesheim sieht man das aber entspannt. Doch was tut jemand an einem Abend wie dem gestrigen, wenn er der WM aus dem Weg gehen, aber nicht unbedingt zu Hause bleiben will?

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist schwerer, einen "fußballfreien" Ort zu finden als einen, an dem "Public Viewing" angeboten wird: Restaurants, Vereine und sogar Kirchen bieten das "Rudelgucken" an. Das geht schon in der Nachbarschaft los, wo offenbar eine kleine WM-Party steigt. Ein Fan schreit und stöhnt so, wie man es sonst nur aus dem Kreißsaal kennt. Man möchte ihm so etwas wie "atme in den Schmerz hinein" zurufen.

Dann geht es los zur Tour durch Schriesheim, erste Anlaufstelle ist das "Kaffeehaus". Fehlanzeige. Fast alle Plätze draußen sind besetzt, die Augen der Gäste festgesaugt an der großen Leinwand. Der Kommentator spricht über Götze und Ronaldo, der "Fluchtweg" durch die Heidelberger Straße wird durch einen Bagger blockiert, der aus irgend einem Grund mitten auf der Fahrbahn abgestellt ist und der zuvor den Gehweg aufgegraben hat.

Nächste Station ist das "Ferrario". Ein Stammgast parkt vor dem Eiscafé und sagt: "Fußball ist nicht unbedingt meine Sportart, es reicht mir, wenn ich später die Zusammenfassung in der Tagesschau sehe." Er setzt sich auf die Terrasse, könnte aber auch nach drinnen gehen, wo ein gewaltiger Fernseher von der Decke hängt und den momentanen Spielstand anzeigt: 1:0 für Deutschland.

Im Hof des "Kakadu" wird eifrig geguckt, es ist voll, auf einer Hollywood-Schaukel kann man es sich gemütlich machen. Vor dem Hotel-Restaurant "Ludwigstal" hängt eine Flaggen-Girlande über der Straße. Seniorchef Willi Krämer hat eine große Leinwand im Saal aufgehängt, bietet aber auch die Möglichkeit, in den "fußballfreien" Wintergarten oder auf die Terrasse auszuweichen. Der letzte Versuch an diesem Abend führt auf die Strahlenburg. Ein Ort himmlischer Ruhe erwartet den Besucher hier, kein Fernseher flimmert, kein Radio plärrt.

Ein paar Leute sitzen auf der Terrasse, genießen den weiten Blick in die Rhein-Ebene und stoßen mit Gläsern voll kühlem Wein an.

Bei Wirt Ludger Evers finden all diejenigen Verständnis, für die die WM in etwa den Stellenwert des sprichwörtlichen Sacks Reis in China hat. Über das "Public Viewing" sagt er: "Wir machen das bewusst nicht. Bei uns rufen Leute an und fragen, ob man hier Fußball gucken kann. Wenn ich nein sage, dann sagen sie: ,Gut, dann kommen wir'". Aus der Kernstadt dringt lauter Torjubel nach oben, einige Unverdrossene schicken der Helligkeit zum Trotz Raketen in den Himmel. Eine Frau hebt kurz den Kopf - und widmet sich gleich wieder ihrem Essen.

Evers weiß: "Wer hierher kommt, der will seine Ruhe haben." Es gibt sie also noch, die friedlichen, fußballlosen Orte. Auch für die RNZ-Mitarbeiterin, die den Abend trotz allem mit einer Fernseh-Übertragung bei einer Freundin beendet. Allerdings nicht mit Fußball, sondern - Achtung: Frauenklischee! - der Aufzeichnung einer Folge von "Shopping-Queen".

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung