23.07.2014

"Rettet den Odenwald" warnt vor überdimensionierten Windparks

Die neue Bürgerinitiative will eine Verwandlung des Odenwälder Naturparks in eine Technik- und Energielandschaft verhindern - Sie fürchtet "Riesenräder" in jedem Dorf

Von Sabine Hebbelmann

Rhein-Neckar. Richard Leiner sieht sich selbst nicht als typischen Windkraftgegner. Der Heidelberger aus dem Stadtteil Handschuhsheim muss auch nicht befürchten, dass ihm jemand eine Windkraftanlage vor die Nase setzt. Und doch bringt ihn die Aussicht, dass sich schon bald viele Windräder auf den Odenwälder Höhen drehen könnten, mächtig auf die Palme. "Machen Sie sich auf was gefasst", warnt er. Nach den bisherigen Planungen sei vorgesehen, dass auf jedem Höhenzug im Odenwald Windräder stehen werden, so hoch wie der Fernsehturm in Mannheim. Auf das Thema war er Ende letzten Jahres durch einen Beitrag in der RNZ gestoßen. Seitdem lässt es ihn nicht mehr los. Jetzt hat er mit Mitstreitern aus Heidelberg und Schriesheim die Bürgerinitiative "Rettet den Odenwald" gegründet.

"Wir versuchen, darauf aufmerksam zu machen, dass die Odenwälder Naturparks in eine Technik- und Energielandschaft verwandelt werden", sagt Leiner und zeigt ein Foto vom Soonwald im Hunsrück: ein Höhenzug, gespickt mit 200 Meter hohen geflügelten Giganten. So könne es bald auch im Odenwald aussehen, fürchtet er.

Er sei niemand, der den Klimawandel kleinreden will, betont Leiner. Ganz im Gegenteil. Er habe Geografie studiert, weil ihm der Klimaschutz am Herzen liegt. Doch wichtig ist ihm auch der Odenwald als intakte Natur- und Kulturlandschaft. Ein Gemälde von Carl Philipp Fohr (1795-1818), einem Landschaftsmaler der Romantik, diente ihm als Vorlage für eine Fotomontage: Das Idyll des beschaulichen mittelalterlichen Neckarsteinach mit den malerischen Burgen an den Hängen des Neckar wird von den Höhen herab beherrscht von riesenhaften Windrädern (siehe Abbildung).

Leiner malt ein wahres Schreckensbild: "In jedes Dorf bauen wir den Mannheimer Fernsehturm", sagt er. Oder gleich eine ganze Serie dieser "Riesenräder", die eigentlich für Offshore konzipiert seien. Heddesbach etwa, ein unberührtes kleines Walddorf, das selbst kein Windrad haben wollte, sei in den jetzt veröffentlichten Plänen von Windvorrangflächen umzingelt. Und von der stillen Brombachhöhe aus hatte Leiner einst mit den Pfadfindern den Sternenhimmel bewundert. "Hier wird es künftig nur noch rot blinken", glaubt er.

Dass Neckarsteinach bereits Verträge für sechs Windräder im "Greiner Eck" zwischen Neckarsteinach, Schönau und Hirschhorn geschlossen habe, ärgert Leiner. Das für den Windpark vorgesehene Gelände ist als FFH-Gebiet ausgewiesen. Leiner spricht sich dafür aus, Waldgebiete in Naturparks und Biosphärenreservaten von der Bebauung durch Windkraftanlagen auszunehmen. Er sieht auch die Naturschutzverbände in der Pflicht, sich mehr dafür einzusetzen.

Über Leserbriefe, die beide zeitgleich in der RNZ verfassten, hat Leiner eine Mitstreiterin aus Schriesheim kennengelernt. Als Wanderin und Naturliebhaberin sieht sie ihr Naherholungsgebiet bedroht und weist darauf hin, was es bedeutet, wenn Windkraftanlagen auf bewaldeten Bergrücken errichtet werden. "Da müssen hektarweise Wald gerodet, Zufahrtswege angelegt und Stromleitungen gebaut werden", sagt sie. Auch mit der von den Romantikern beschworenen Waldesruh' dürfte es dann vorbei sein, fürchtet sie.

Das baden-württembergische Umweltministerium habe 2012 mit dem Windenergieerlass jede Kommune verpflichtet, Vorrangflächen für Windenergie auszuweisen, so Leiner. Im Teilregionalplan Windenergie der Metropolregion, der jetzt zur Offenlage online ist, seien diese Vorrangflächen lediglich zusammengetragen worden.

Der Geograf hat kein Verständnis dafür, dass es bei einem so sensiblen Thema keine nachhaltige überregionale Planung gebe. Er fordert ein Moratorium, eine Zeit des Innehaltens. Vielen sei noch nicht klar geworden, dass es um den größten Eingriff in die Landschaft seit der Industrialisierung gehe. "Das geht uns alle an, nicht nur die betroffenen Gemeinden." Deshalb sollen jetzt die vielen kleinen Bürgerinitiativen, die es im Odenwald gibt, vernetz und ein gemeinsamer Aktionstag organisiert werden.

Info: www.rettet-den-odenwald.de. Die Bürgerinitiative trifft sich am 28. Juli um 19 Uhr im Essighaus in der Plöck in Heidelberg.

Horrror-Vision nicht nur für die Bürgerinitiative 'Rettet den Odenwald': So wie auf dieser Montage, in der Windräder in ein Landschaftsgemälde von Carl Philipp Fohr (1795-1818) von Neckarsteinach montiert wurden, könnte es bald überall am Neckar und im Odenwald aussehen, befürchtet Initiativen-Vorsitzender Richard Leiner. Repro: Hebbelmann

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung