20.08.2014

Ein Schriesheimer Ehepaar startet in Südafrika nochmal neu

Von Carsten Blaue

Wenn die beiden so vor einem sitzen im Schriesheimer "Kaffeehaus", dann kann man es kaum glauben. Seit gut anderthalb Jahren sind Jürgen und Susanne Schneider nun schon in Südafrika. Im vergangenen Oktober haben sie unweit von Stanford in der Region Overberg an der Atlantikküste ihr neues Gourmet-Restaurant "Springfontein Eats" eröffnet. Gäste, die etwas länger bleiben möchten, können sich auf lauschige Übernachtungsmöglichkeiten im Cottagestil freuen, was sich dann "Springfontein Sleeps" nennt.

Das Ganze haben die Schneiders in gerade mal gut neun Monaten aufgebaut. Gefühlt ging alles so schnell: "Ich begreif' es manchmal auch nicht. Es ist, als wäre man gerade erst weg", sagt Susanne Schneider, die Weinakademikerin. Nun sind die beiden mal wieder da - auf Urlaub für zwei Monate, von denen der größte Teil auch schon vorbei ist. Sie nutzen die Pause, in der in Springfontein alles ruht. Die Saison beginnt erst wieder im September, und dann geht es durch bis Ostern.

"Wir haben noch nie so saisonal gearbeitet", sagt Jürgen Schneider, während seine Frau mal wieder jemandem über die Tische mit ihrem strahlenden Lächeln zuwinkt. Freude auf beiden Seiten: "Das ist überall ein Hallo hier", freut sich Susanne Schneider: "In Stanford ist es schon ganz genauso." Stimmt, nickt ihr Mann: "Es hat sich nichts geändert. Meine Frau kennen alle, mich kennt kein Mensch." Was natürlich blankes Understatement ist. Überregional bekannt ist er, und das nicht nur in Gourmetkreisen.

Im Jahr 1998 übernahm er mit seiner Gattin den "Strahlenberger Hof" und erkochte sich 13 Jahre lang in Folge einen Michelin-Stern. Dann sollte in der Kirchstraße Schluss sein, verbunden mit dem Neuanfang in Südafrika. Jetzt oder nie mehr, sagten sie sich und brachen auf. Eine Wohnung in Schriesheim haben sie allerdings behalten. Viele fanden den Schritt der Schneiders mutig, in der "Fremde" noch einmal etwas ganz Neues aufzubauen.

Wobei schon die Wortwahl falsch war. Denn die beiden wussten bestens, wohin sie kommen. Irgendwie auch nach Hause. Denn die Schneiders gehören zu einer Eigentümergemeinschaft, die die ehemalige Rinderfarm "Springfontein" schon vor rund 17 Jahren erwarb, um hier Wein anzubauen. Im Jahr 1997 griffen die insgesamt zehn Gesellschafter zu und kauften das über 500 Hektar große Anwesen. Zum Vergleich: Die Schriesheimer Winzergenossenschaft baut Wein auf insgesamt 130 Hektar an.

Inzwischen ist das Weingut "Springfontein" mit seinen Top-Weinen längst etabliert, und auch mit ihrem Restaurant sehen sich die Schneiders auf dem besten Weg: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell anläuft. Klar, wir sind noch steigerungsfähig, haben aber schon jetzt unser Standing. Die zweite Saison wird noch besser, und nach dem dritten Jahr soll die Aufbauphase beendet sein", sagt Jürgen Schneider.

Auch alte Bekannte von der Bergstraße und aus der Region seien schon bei ihnen gewesen: "Wer bei uns in der Gegend ist, der kommt vorbei", so Susanne Schneider. Von "Springfontein" als Risiko will ihr Mann jedenfalls nicht sprechen: "Nein, das ist und war es nicht. Wir haben investiert. Das stimmt. Aber im Grunde leben wir in Südafrika zu 85 Prozent genauso wie hier. Es ist ein absolut kalkuliertes Risiko." Abgesehen davon sei man abgeklärter, ergänzt seine Frau. Da muss er lächeln: "Wir haben ja auch schon mal in Spanien ein Restaurant aufgemacht, ohne ein Wort Spanisch zu können."

Jürgen Schneider erläutert, dass sich auch sein Stil in der Küche nicht verändert habe: "Ich sammle noch immer vieles selbst und arbeite mit den Produkten der Region. Die haben eine hohe Qualität, es macht einfach Spaß. Daher war ich auch so froh, als wir mit der Baustelle fertig waren und ich wieder in die Küche kam." Susanne Schneider nickt: "Es war nach dem Aufbau gut, dass es endlich losgeht. Wir wollten das Neue gestalten, und jetzt läuft's. Wir sind gut reingekommen." Gewöhnungsbedürftiges gibt es eher auf anderen Ebenen.

"In Südafrika kennt man es nicht, dass der Chef mitarbeitet", sagt Jürgen Schneider: "Außerdem vermisse ich unser Duales Ausbildungssystem. Das ist wirklich das Gelbe vom Ei." Kochen lerne man in Südafrika in nur sechs Monaten ausschließlich an teuren Privatschulen, die sich nur Weiße leisten können. Schneider bildet jetzt lieber selbst aus. In seiner Küche arbeiten sie insgesamt zu siebt, machen alles selbst, backen sogar ihr Brot: "Dafür habe ich vorher noch ein Praktikum beim Bäcker Kapp in Edingen-Neckarhausen gemacht", so Schneider. Dazu kommen fünf Kräfte im Service.

Ein anderer Kulturschock des Lebens auf der Südhalbkugel betrifft das Klima: "An Weihnachten gibt's Erdbeeren", macht Susanne Schneider bewusst. "Und Weihnachten und Silvester ohne Frieren geht ja gar nicht", ergänzt ihr Mann.

Bleibt zum Schluss die unvermeidliche Frage, ob sie in ihrem Urlaub in Schriesheim denn auch im "Strahlenberger Hof" bei Marcus Schleicher und Meike Roschig vorbeigeschaut haben und wie das für sie war. Jürgen Schneider ist des Lobes voll für seinen Nachfolger, von dem man noch viel mehr hören werde. Und Susanne Schneider empfand bei der Rückkehr an die alte Wirkungsstätte "kein bisschen Wehmut": "Wir wollten ja das Neue."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung