23.01.2018

Weinprobe im Schriesheimer Zehntkeller: Eine Lastwagenladung schwarzen Humors

Kurzkrimi-Preisträgerin Ingrid Reidel las im Zehntkeller - Subtil ging es dabei nicht zu

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Ingrid Reidel singt nicht, sie grölt. Aus gutem Grund: Begleitet von ihrem Mann Volker Nau an der Drehorgel gibt sie auf der Bühne des Zehntkellers eine umgeschriebene Version von "Mackie Messer" aus Brechts Dreigroschenoper zum Besten: "Eine Leiche ward gefunden, mit ’nem Messer in der Brust", röhrt die Weinheimer Krimi-Autorin ins Mikrofon, "und in Schriese sitzen Leute, die haben davon was gewusst." Gleich zu Beginn von "Krimi und Wein" an diesem Samstagabend gibt sie damit den Ton vor: rau, manchmal derb, aber authentisch und höchst unterhaltsam.

Subtiles sucht man auch bei ihrer Vorstellung vergebens: Sie habe früher Sängerin werden wollen, habe deshalb Joy Fleming nachgeeifert. "Das ist mir auch gelungen, zumindest figürlich", bilanziert sie. Inzwischen ist sie aber auch eine ausgezeichnete Verfasserin von mörderischen Kurzgeschichten: Für den Text "Die schöne Aussicht" erhielt sie im vergangenen Jahr den Deutschen Kurzkrimi-Preis. Den liest sie, nachdem Astrid Spies von der Winzergenossenschaft deren Schlossberg-Riesling serviert und vorgestellt hat, aus einem roten "Kondolenzbuch" vor.

Im Folgenden geht es, begleitet von Häppchen und Weinen, um Intrigen, Affären, mordlustige Bestatter, auffällig häufig um Frauen mit "üppigem Vorbau", Familienstreitigkeiten und nicht zufällig geschehende Unfälle. Da wird zerfleischt, verbrannt, erschlagen und vergiftet, und vor allem nie lange gefackelt. Nur der Gärtner ist in Reidels Kurzgeschichten kein einziges Mal der Mörder. Dazu gibt es keine Prise, sondern eher eine Lastwagenladung schwarzen Humor. Für den Slogan des Bestattungsinstituts der geschäftstüchtigen Frau Sonnenschein mit Hang zur aktiven Sterbehilfe ("Hast Du Sonnenschein geseh’n, ist das Schlimmste schon gescheh’n") gibt es spontanen Zwischenapplaus im ausverkauften Saal.

Präsentiert wird die Geschichte von Reidel in einem Bastsessel sitzend, ganz in Schwarz gekleidet, mit Schirm, Gehstock und Melone ausgestattet, unter den Augen von Jesus Christus, dessen Gesicht die Autorin von einer Grableuchte aus anblickt, die wiederum neben einer Urne steht. Das ist nicht unbedingt etwas für zart Besaitete, passt aber in die schummrige Atmosphäre des nur mit Bodenleuchtern und Elektrokerzen erhellten Zehntkellers. Ihre Requisiten hat Reidel selbst mitgebracht; für die Möbel hat Astrid Spies hat nach eigenen Angaben ihr halbes Wohnzimmer ausgeräumt.

Reidel ist bei der Krimi-Weinprobe Schauspielerin, Vorleserin und, um die Zeit während des Ausschanks zu überbrücken, Moderatorin in einem. Zwischendurch spielt ihr Mann Volker "Sherlock" Nau auf Drehorgel wahlweise "Ring of Fire" von Johnny Cash, die Titelmelodie von "Miss Marple" oder den "Kriminaltango" von Peter Alexander. Dazu gibt es Spätburgunder, Sauvignon Blanc und Gewürztraminer von der Winzergenossenschaft, souverän und schlagfertig vorgestellt von Astrid Spies.

Um Wein geht es auch in der Kurzgeschichte vor der Pause: Einige teure Tropfen werden auf geradezu ketzerische Weise verschwendet, das Familientreffen endet im Blutbad. Dass das Motiv für den Totschlag nicht nur in diesem Verlust liegt, wird gleich beim ersten Satz deutlich: "Ich hasste meine Frau", liest Reidel mit selbst aufgeschminktem Oberlippenbart zu Beginn von "Die Rotweinprobe".

Zweieinhalb Stunden dauert die Veranstaltung in Schriesheims guter Stube an diesem Samstagabend, kurzweilig ist sie trotzdem. Das Publikum fordert eine Zugabe, obwohl es auf nach einiger Zeit doch recht unbequemen Bierbänken sitzt. Reidel kommt der Bitte mit der einzigen Geschichte des Abends ohne Tote nach, einer rasant vorgetragenen Mischung aus einem Loblied auf Fertigpizza, Kochrezept und detaillierter Beschreibung einer Affäre. Als "Betthupferl" bekommen die Gäste noch eine Glühweinpraline vom Café Linde mit auf den Weg.

"Vielleicht denken Sie morgen noch: Das fand ich lustig und schön", sagt Astrid Spies zum Abschluss der Veranstaltung, die sie seit Oktober geplant und organisiert hat. Dieses Ziel haben sie und das Duo der "Krimi-Drehorgel" in jedem Fall erreicht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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