24.01.2018

Meningokokken-Tod in Lindenfels: Infoschreiben löste Angst bei Eltern in Schriesheim aus

Gesundheitsamt warnte in Schriesheim vor möglicher Ansteckungsgefahr mit Meningokokken

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Das "Informationsschreiben" des Gesundheitsamtes zeigte innerhalb eines Tages Wirkung: Am gestrigen Dienstag fehlten auf einmal fünf Kinder in einer zweiten Klasse der Kurpfalz-Grundschule in Schriesheim. Die Verunsicherung bei ihren Eltern ist groß, ebenso die Angst davor, dass sich der Nachwuchs mit Meningokokken infizieren könnte. Der Grund: Ein Familienmitglied der kürzlich an dieser Erkrankung verstorbenen Zweijährigen aus dem hessischen Lindenfels geht dort zur Schule. "Man will ja keine Panik machen", sagt eine Mutter, aber schließlich scheine ein gewisses Restrisiko vorhanden zu sein. "Es ist die totale Verunsicherung", sagt eine andere Empfängerin des Schreibens. Auch im städtischen Kindergarten Wolkenschloss wurde die Information per E-Mail verbreitet, dort wird ebenfalls ein Stiefgeschwisterkind der Zweijährigen betreut.

Im Schreiben des Gesundheitsamtes ist von einer "möglichen ansteckungsfähigen Person" die Rede, ein sofortiger Arztbesuch wird unter anderem bei plötzlich auftretenden Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und steifem Nacken empfohlen. "Ich fand das Schreiben nicht wirklich aufschlussreich", sagt eine Mutter. Ob das Stiefgeschwisterkind vorsorglich mit Antibiotika behandelt wurde, teilte das Gesundheitsamt darin zum Beispiel nicht mit. Gerade während der andauernden Grippewelle haben Eltern nun Angst, die Symptome einer Meningokokken-Infektion falsch zu deuten.

Die versuchen Sabine Grimm, Rektorin der Kurpfalz-Grundschule, Andreas Welker vom Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises, und der Schriesheimer Kinderarzt Christian Beck den Eltern wieder zu nehmen. "Es gibt keinen Grund zur Panikmache", sagt Grimm, "wir wollen nur, dass die Familien und Lehrer für das Thema sensibilisiert werden." Man habe sich in diesem Fall sofort an das Gesundheitsamt gewandt, das dann das Infoschreiben empfohlen habe. Alle Eltern in der Klasse des betreffenden Kindes seien informiert, heute werde das Thema bei der Gesamtlehrerkonferenz zur Sprache kommen. Außerdem sei das Kind vorsorglich mit Antibiotika behandelt worden.

Dass sich das Kind tatsächlich bei seiner Stiefschwester mit den Erregern infiziert hat, ist laut Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises unwahrscheinlich. Es zeige keine Symptome einer Hirnhautentzündung.

Und auch wenn Meningokokken durch Tröpfcheninfektion übertragen werden, seien dramatische Fälle wie in Lindenfels sehr selten, sagt Kinderarzt Beck: "Es gibt viele gesunde Träger von Meningokokken, und je älter die Kinder sind, desto seltener sind solche ernsten Verläufe." Die Eltern müssten auch jetzt nicht wegen jedes Schnupfens ihrer Kinder direkt zum Arzt gehen, so Beck: "Aber wenn es Grippesymptome sind, sollte man auf jeden Fall vorstellig werden und auf mögliche Meningokokken hinweisen."

Auch Andreas Welker vom Gesundheitsamt betont, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung "verschwindend gering" sei: "Mit dem Schreiben wollten wir einfach auf Nummer sicher gehen, das Informationsnetz möglichst weit auswerfen." Dass die beiden Stiefgeschwister der Zweijährigen mit Antibiotika behandelt wurden, sei "Standard" und nachgeprüft worden. Das auch im Informationsschreiben den Eltern mitzuteilen, sei "eine gute Anregung" für mögliche künftige Fälle, gibt er zu: "Wir haben in Schriesheim eine Art Standardvorlage verwendet."

Einige Schriesheimer Eltern haben sich trotz der geringen Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung bereits bei ihren Kinderärzten über Impfungen informiert. Das Problem dabei ist, dass die Immunisierung gegen den in Lindenfels festgestellten Meningokokken-Typ B von der Ständigen Impfkommission (Stiko) nicht empfohlen und daher von einigen Krankenkassen auch nicht bezahlt wird. "Wir machen die Eltern auf die Möglichkeit, aber auch auf die Kosten aufmerksam", sagt Kinderarzt Beck.

Auch einen Flyer habe er zu dem Thema bereits erstellt. Bei Kindern, deren Immunabwehr geschwächt ist, oder bei einem regionalen Ausbruch gebe es zwar eine Empfehlung der Stiko: "Aber das ist bei dem Einzelfall in Lindenfels ja nicht gegeben."

Ein begrenzter Vorrat des Impfstoffs stehe in seiner Praxis zur Verfügung, sagt Beck. Doch in vielen Fällen müssten die Eltern selbst für die Immunisierung aufkommen. "Wenn wir alle unsere vier Kinder impfen lassen, sind wir eine Stange Geld los", sagt eine betroffene Mutter.

Ihr Kind hat sie gestern trotz des Schreibens vom Gesundheitsamt in die Schule geschickt, auch wenn ihr die potenzielle Ansteckungsgefahr bei 29 Kindern von morgens bis nachmittags in einem Raum immer noch nicht so ganz aus dem Kopf will.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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