09.03.2004

Der nette Pfälzer riss niemanden vom Hocker

Die meisten Mittelständler waren enttäuscht über die Mathaisemarkt-Rede von Ministerpräsident Kurt Beck - "Keine Lösung für die Probleme"

Schriesheim. Nett und sympathisch, aber fürs Festzelt überraschenderweise ohne Saft und Kraft. Leidenschaftslos - so präsentierte sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck gestern bei seiner Mathaisemarkt-Kundgebung des BdS. Die Mittelständler waren enttäuscht.

Um dieser Rede positive Seiten abzugewinnen, brauchte man schon rhetorische Fertigkeiten wie Hans-Jürgen Krieger, der Realschulrektor und SPD-Fraktionschef im Schriesheimer Gemeinderat. "Ich mag so inhaltliche Reden, die einen großen Bogen spannen", wertete der Parteifreund des prominenten gestrigen Mathaisemarkt-Gastes. Er beschrieb damit ein knapp einstündiges politisches Referat des mit Vorschusslorbeeren und als Frohnatur angekündigten Pfälzers, das nur selten und spärlich von Reaktionen des Publikums unterbrochen wurde: Der Ministerpräsident des Nachbar-Weinlandes und Vizevorsitzende der SPD riss im immerhin voll besetzten Festzelt niemandem vom Hocker. Am Ende der BdS-Kundgebung erklärte Beck, fast entschuldigend, dass er im Sinne eines politischen Konsens auf "polemische Politisiererei" verzichte. Ein kleines bisschen davon hätte seiner müde dahinplätschernden Rede allerdings gut getan. "Das war mir viel zu staatsmännisch, ohne Lösungen für die dringenden Probleme des Mittelstandes", so urteilte Sparkassenchef Dr. Rüdiger Hauser sogar noch relativ milde. Auch sein Bankerkollege Friedrich Ewald von der Schriesheimer Volksbank konnte dem Beck-Besuch etwas Positives abgewinnen: "Ich finde es in Ordnung, wenn ein Politiker sich ganz auf der sachlichen Ebene bewegt", fand er.

Andere Mittelständler von der Basis drückten sich weniger diplomatisch aus. "So spricht ein Mitglied einer Regierung, die am Ende ist", lautete das vernichtende Urteil von Fritz Kreis, dem dienstältesten Mathaisemarkt-Aussteller. Und Manfred Kopp, der Hirschberger FWV-Gemeinderat ergänzte: "Eine Null-Acht-Fünfzehn-Rede aus der Schublade 17."

Beim anschließenden Rundgang durch das BdS-Zelt machte Beck zwar wieder Punkte gut, begrüßte fast jeden Aussteller mit Handschlag und mit freundlichen Worten, zeigte sich interessiert und kameradschaftlich - aber die allgemeine Enttäuschung mochte nicht weichen. "Jeder Schüler bekäme so einen Aufsatz in der Schule um die Ohren gehauen, Thema verfehlt", so schimpfte Hemsbachs Bürgermeister Volker Pauli. Und selbst SPD-Stadrat Frieder Menges musste etwas kleinlaut zugestehen: "Naja, etwas konkreter hätte er schon werden können. . . "

Eindeutig zu große Hoffnungen hatte anfangs sogar Weinkönigin Sandra Schulz, bekanntlich Spross eines sozialdemokratischen Hauses, in den Pfälzer gesetzt. "Wir wollen von Ihnen hören, was in Deutschland zu tun ist", forderte sie den Gast auf - der übrigens ganz im Gegensatz zur Tradition weder küssen noch am Weinkelch nippen wollte. Vielleicht blieb die Rede ja auch deshalb dröge.

Bürgermeister und Mathaisemarktchef Peter Riehl war es indessen, der bei einer kurzen Begrüßung den lautesten Applaus einheimste. Nicht nur, als er - ganz Kavalier alter Schule - den Weltfrauentag ansprach. Besonders bei seiner Aufforderung: "Schicken Sie Ihre ganzen Berater zum Teufel und ihre Ministeriellen zum Volk an die Stammtische".

Von Roland Kern

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung