07.07.2018

Stolpersteine in Schriesheim: Würdiger Rahmen für wertvolles Gedenken

Zusammen mit Nachfahren der Familien Oppenheimer und Marx verlegte Gunter Demnig elf Steine der Erinnerung

Von Frederick Mersi

Schriesheim. "It means the world to me." Eine sichtlich ergriffene Susan Tabin, geborene Marx, bedankte sich bei der ganzen Stadt, als Gunter Demnig vor dem Haus ihrer Eltern und Großeltern in der Friedrichstraße 18 fünf Stolpersteine verlegte. Auf Deutsch etwa: "Es bedeutet mir unendlich viel." Tabin ergänzte: "Sie waren alle so gut zu uns. Es ist, als würde ich nach Hause kommen."

Weit mehr als hundert Schriesheimer, von Grundschülern bis zu Senioren, waren am gestrigen Vormittag gekommen, um derjenigen zu gedenken, die vor den Nationalsozialisten aus der Weinstadt fliehen mussten oder während deren Schreckensherrschaft ermordet wurden. 14 Nachfahren der jüdischen Familien Oppenheimer und Marx waren zu diesem Anlass aus den USA angereist.

"Seit nunmehr 15 Jahren ist diese Form der Erinnerungskultur gewachsen", sagte Bürgermeister Hansjörg Höfer vor dem Haus in der Römerstraße 15, in dem Seligmann Fuld bis zu seiner Flucht 1938 gelebt hatte. "Wir wollen mit der heutigen Verlegung aber kein Kapitel abschließen. Es soll vielmehr ein Anstoß für künftige Generationen sein."

Die junge Generation war mit Schülern aller Schulen des Kurpfalz-Bildungszentrums vertreten, die auf Deutsch und Englisch die Schicksale der Juden auf den Stolpersteinen vorstellten - und dabei selbst viel lernten.

"Es ist wirklich bewegend", sagte Alina, Neuntklässlerin am Kurpfalz-Gymnasium. Mitschüler Nick fand, es sei schön, bei solch einer Veranstaltung dabei zu sein: "Es ist auch sehr interessant, die Besucher aus den USA zu sehen." Die lobten ihrerseits das hervorragende Englisch der Gymnasiasten und Realschüler: "Ich bin sehr beeindruckt", sagte Rochelle Tobias, Tochter von Lora Tobias, geborene Sussmann, für die vor der Heidelberger Straße 8 ebenfalls ein Stolperstein verlegt wurde.

Wegen der vielen Teilnehmer wurden die Straßen während der Zeremonie durch das Ordnungsamt vorübergehend gesperrt, der Alltag zum Gedenken unterbrochen. Das sei auch der Sinn der Stolpersteine, sagte Martin Stepic aus dem vierstündigen Geschichtskurs des Kurpfalz-Gymnasiums, der für die Schriesheimer Jugend sprach. "Die Menschen, die in Konzentrationslagern zu Nummern wurden, bekommen ihre Namen zurück."

Die vorgestellten Schicksale der Vertriebenen und Getöteten seien eine Mahnung speziell an die Jugend, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Das betonte auch Joachim Maier seitens des Arbeitskreises "Stolpersteine": "Dass sich alle Schulen so intensiv auf diesen Tag vorbereitet haben, gibt uns eine Gewähr, dass wir unser Gedächtnis nicht verlieren. Sonst werden wir orientierungslos." Die Arbeit der Gruppe sei ein Dienst an der Stadt, die hohe Besucherzahl zeige den Rückhalt in deren Gesellschaft.

Auch die Evangelische und Katholische Kirchengemeinde beteiligten sich mit Gebeten an der Veranstaltung. Sie hatten sich ebenfalls für die Verlegung von Stolpersteinen stark gemacht, die in der Stadt allerdings trotz positiver Erfahrungen umstritten blieben. Erst im Oktober vergangenen Jahres hatte der Gemeinderat mehrheitlich den Weg frei gemacht, auch ohne Zustimmung der Eigentümer vor weiteren Häusern die goldfarbenen Gedenkplatten einsetzen zu können.

Es gehe aber darum, Frieden zu stiften, so Maier. Er zitierte Psalm 122: "Friede sei in deinen Mauern, Geborgenheit in deinen Häusern." Diesen Wunsch bekräftigten auch die Kurpfalz-Grundschüler, die an der Gitarre begleitet von Anke Schwertner das hebräische "Hevenu Shalom Alechem" sangen - "Wir wollen Frieden für alle". Die Besucher aus den USA um Susan Tabin und Lora Tobias stimmten schnell mit ein.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung