15.07.2018

Stadtbibliothek Schriesheim: "Nur fürs Ausleihen braucht man uns nicht"

Leiterin Johanna Krämer glaubt aber, dass die Bücherei als Veranstaltungsort und Bildungsstätte wichtig bleiben wird

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Johanna Krämer sitzt entspannt in ihrem Bürostuhl. Seit vier Jahren leitet die 29-jährige Walldorferin die Stadtbibliothek, und die Zahlen stimmen. 1,92 Medien hat jeder Schriesheimer 2017 durchschnittlich entliehen - 0,32 mehr als im Schnitt des Rhein-Neckar-Kreises. "Und auf Zahlen wird bei uns immer geachtet, der Zuspruch ist Teil unserer Daseinsberechtigung", sagt Krämer. Im Interview spricht sie über ihre ungewöhnliche Berufswahl, die Zukunft der Bibliothek und die Faszination des Lesens.

Frau Krämer, Sie haben sich 2014 gegen 39 andere Bewerber durchgesetzt. Warum wollten Sie nach Schriesheim?
Ich wollte eine Bibliothek leiten und nicht mehr als Stellvertreterin arbeiten. Ich hatte Ideen, die ich umsetzen wollte, und das geht in der Stellvertreterinnen-Position nur bedingt. Über Kollegen und Kolleginnen hatte ich von der guten Bibliotheksarbeit in Schriesheim erfahren. Die Bürger sind interessiert, und es macht Spaß, hier zu arbeiten.

Warum wollten Sie nach der Schule überhaupt ins Bibliothekswesen?
Als Kind habe ich in der Bücherei in Walldorf viel gelesen und habe mit 16 Jahren dort ein Praktikum gemacht. Ich habe mich in der Bücherei immer wohlgefühlt. Da habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit in diesem Umfeld Spaß macht. Dazu gehört auch die Auswahl von Veranstaltungen und neuen Medien zur Ausleihe.

Unter Ihrer Leitung kam auch die feministische Organisation "Pinkstinks" in die Bücherei, um mit Kindern über Geschlechterrollen zu sprechen. Inwiefern ist Ihre Arbeit auch politisch?
An sich bin ich neutral hier in meiner Arbeit. Aber dadurch, dass wir im Schulzentrum untergebracht sind und so viele Kinder hier vorbeikommen, haben wir bei diesen Themen eine besondere Verantwortung. "Pinkstinks" habe ich privat kennengelernt. Als dann die Möglichkeit bestand, dass sie hierherkommen, war es mir sehr wichtig, dass das klappt. Wir bekommen hier in den Schulpausen die Auseinandersetzungen zwischen den Kindern mit, und bei einigen haben wir uns nach der Veranstaltung gedacht: "Gut, dass Ihr da mal zugehört habt."

Haben Sie Rückmeldung zu dieser Veranstaltung bekommen?
Ja. Die bekommen wir meistens bei Angeboten für Kinder. Kurz nachdem ich angefangen hatte, haben wir ein Gästebuch angelegt. Darin schreiben vor allem Eltern, dass die Kinderveranstaltungen toll sind. Bei Schulveranstaltungen bitten wir meistens die Lehrer um Feedback, und das funktioniert gut.

Liegt die Zukunft der Bibliothek in kultureller und politischer Bildung?
Ich glaube schon. Nur fürs Ausleihen braucht man uns nicht mehr. Wenn man bereit ist, dafür zu bezahlen, kann man das inzwischen alles im Internet selbst machen. Aber fürs Drumherum braucht man uns. Persönliche Beratung oder Unterstützung beim Recherchieren bekommt man bei Google nicht. Wir merken, dass viele Leute die Bibliothek auch als Aufenthaltsort nutzen: Schüler in den Unterrichtspausen, Leute, die hier Zeitung lesen, und Eltern, die auf ihre Kinder in der Musikschule warten. Wir bleiben wichtig.

Auch das Lesen bleibt vielen Deutschen wichtig: Laut einer Umfrage 2016 lesen drei Viertel der Bevölkerung mehr als fünf Bücher im Jahr. Wie viele sind es bei Ihnen?
(lacht) Wenn ich Zeit habe und ein gutes Buch finde, schaffe ich eins am Tag. Im Alltag lese ich eins pro Woche, aber auch nicht immer. Im Bett kann ich aber nicht lesen, da schlafe ich ein. Ich mache das nebenher, in der Bahn oder auf der Couch.

Es gibt aber auch 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland. Können Büchereien auch etwas dagegen tun?
Ja, weil wir für alle Stufen der Lesekompetenz etwas anbieten. So sind wir für alle Leute Ansprechpartner, sie können einfach erst mal hierherkommen und sich umgucken. Vielen Leuten ist es sehr unangenehm, Analphabetismus vor uns anzusprechen. Wir haben zwar auch Medien extra für Menschen mit geringer Lesekompetenz, aber man kann sich stattdessen ja zum Beispiel Zeitschriften mit kurzen Artikeln anschauen. Es kommen aber auch viele Leute, die Deutsch lernen wollen. Für die haben wir Romane in leichter Sprache mit kürzeren Sätzen.

Was fasziniert Sie denn am Lesen?
Dass man völlig seine Umgebung vergisst und - bei einem guten Buch - nur noch wissen will, wie es weitergeht. Ich komme aus meiner eigenen Welt raus und tauche völlig in eine andere ein. Ich fühle mit, leide mit, empfinde Spannung und Angst - das finde ich toll.

Welche drei Bücher in der Bibliothek sollte man unbedingt lesen?
"Strafe" von Ferdinand von Schirach, "Ein anderes Brooklyn" von Jacqueline Woodson und "Der Zopf" von Laetitia Colombani.

Ab 30. Juli ist die Bibliothek für drei Wochen wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Wird sie danach anders aussehen?
Nein, es werden nur Trafos erneuert. Ausgeliehene Medien werden in der Zeit automatisch verlängert, damit unsere Kunden in den Ferien entspannen können.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

11. Schriesheimer Weihnachtsdorf

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