23.08.2019

So arbeitet Fadime Tuncer als Bürgermeister-Stellvertreterin

Grünen-Stadträtin vertritt zum ersten Mal Hansjörg Höfer - Die Wahl wurde heftig diskutiert

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Etwas hat sich doch geändert im Bürgermeisterzimmer: Fadime Tuncer öffnet eine Schranktür, holt eine Glasflasche mit Milch heraus. "Die Kaffeesahne ist nicht so meins", sagt sie, während sich die Kaffeetasse füllt. Etwas leiser fügt sie an: "So richtig nachhaltig sind die Plastikkapseln ja auch nicht." Noch bis Montag übernimmt die Stadträtin der Grünen Liste zum ersten Mal als Stellvertreterin die Aufgaben von Bürgermeister Hansjörg Höfer, der in der Partnerstadt Uzès weilt. "Und Schriesheim steht noch", sagt sie und lacht.

Selten war eine Wahl zur Bürgermeister-Stellvertretung in den vergangenen Jahrzehnten so kontrovers abgelaufen wie nach der Kommunalwahl Ende Mai: CDU-Fraktionschef Michael Mittelstädt bewarb sich ebenfalls um den Posten, ein Bruch mit dem bisherigen Vorgehen bei diesem Thema. Das wiederum verleitete manche Grünen-Anhänger zu der Mutmaßung, die Christdemokraten wollten keine Frau mit Migrationshintergrund in diesem Amt. Nach heftigen Diskussionen wurde Tuncer im Juli mit 16 zu zwölf Stimmen gewählt, Mittelstädt ist jetzt ihr Stellvertreter.

"Das hat hinterher hier im Rathaus aber keine Rolle mehr gespielt", sagt Tuncer. Sie habe sich nach ihrer Wahl bei den Amtsleitern vorgestellt, auch ein Gespräch mit Bürgermeister Höfer und Stellvertreter Mittelstädt habe stattgefunden. "Das war alles sehr unaufgeregt", sagt Tuncer. "Ich komme ja auch nicht hier rein und sage, ich bin eine Grüne, ich entscheide jetzt nach meinem Parteibuch." Sie wolle zeigen, dass sie beiden Rollen gerecht werden könne: der als Stadträtin der Grünen Liste und der als Vertreterin der Stadtverwaltung.

Zu Beginn sei sie aber schon etwas nervös gewesen, gibt die 50-Jährige zu. "Als ich am Schreibtisch des Bürgermeisters stand, habe ich mir zuerst überlegt, ob ich mich nicht woanders hinsetzen soll", sagt Tuncer und lacht. "Aber man gewöhnt sich schnell an diesen Arbeitsplatz."

Dort setzt sie vor allem Unterschriften unter Arbeitsverträge, die Einladungen zum Straßenfest im September und andere offizielle Dokumente, sichtet die Post und die Presse - alles Tätigkeiten, die sie aus ihrer Arbeit als Leiterin des Wahlkampfbüros von Landtagsabgeordnetem Uli Sckerl (Grüne) gewohnt ist. "Das läuft alles sehr professionell hier im Haus, Überraschungen gab es bisher nicht", sagt Tuncer. Kein Grund zur Aufregung also.

Ein 90. Geburtstag ist heute der erste repräsentative Termin für die Politikwissenschaftlerin und zweifache Mutter. Von ihrer Arbeit als Büroleiterin ist Tuncer während der Zeit als Stellvertretung nicht freigestellt, trotz Sommerpause bekommt sie deshalb im Moment wenig Freizeit. "Wenn ich um 8.30 Uhr ins Rathaus komme, habe ich manchmal schon eineinhalb Stunden von Zuhause aus gearbeitet", sagt sie.

"Nachmittags hänge ich dann nach 16 Uhr noch einmal ein bisschen was dran." Die Zeit mit den Kindern soll trotzdem nicht zu kurz kommen: "Wir haben da feste Zeitfenster und Rituale, die wir versuchen einzuhalten."

Die Sommerpause macht den Spagat zwischen den beiden Jobs und der Rolle als Mutter etwas einfacher. "Wir schauen, dass das Geschäft hier in Herrn Höfers Abwesenheit weiterläuft", sagt Tuncer. "Die Verwaltungsmitarbeiter machen das sehr gut." Thematische Entscheidungen gebe es aktuell nicht zu treffen. "Aber ich würde hier auch keine Alleingänge durchziehen."

Dass Fadime Tuncer trotz betonter Gelassenheit stolz auf ihr Amt ist, wird deutlich, als sie nach ihrer Biografie gefragt wird. "Ich bin in der Türkei geboren, kam 1975 mit sechs Jahren nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, und 1994 nach Schriesheim", sagt sie und atmet kurz hörbar durch. "Jetzt bin ich die Stellvertreterin des Bürgermeisters."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung