10.10.2019

Altenbach: Das erlebte Grünen-Bundestagsabgeordnete beim Praktikum beim Pflegedienst

Altenbach: Das erlebte Grünen-Bundestagsabgeordnete beim Praktikum beim PflegedienstAktion von Franziska Brantner - "Wir können nur lernen, wenn wir vor Ort sind" - Missstände im Pflegewesen kamen aufs Tapet

Auch wie schwer es ist, Hilfe zu bekommen, hörte die Bundestagsabgeordnete. Foto: Döring

Schriesheim-Altenbach. (adö) "Es hat mich niemand gefragt, was ich benötige", klagt Michaela Bernd über die Zustände im Pflegewesen. Die 52-Jährige liegt im Pflegebett am Fenster ihres Wohnzimmers in Heidelberg-Schlierbach mit Blick auf den Neckar. Schwer krebskrank und bettlägerig ist die ehemalige Krankenschwester. Ihr und ihren Pflegekräften aus Altenbach hört Franziska Brantner (Grüne) bei ihrem Besuch vergangene Woche aufmerksam zu.

"Praxis für Politik" heißt die Aktion, bei der die Bundestagsabgeordnete für Heidelberg und die Bergstraße ein Praktikum beim Pflegedienst "Gemeinsam Pflegen" von Sarah und Sascha Barniske macht. Sie fragt Michaela Bernd und ihren Lebensgefährten Peter Walter, der meist rund um die Uhr für seine Freundin da ist, nach ihren Erfahrungen und Sorgen. "Es hat mich genau da getroffen, wo ich früher gearbeitet habe", erzählt die krebskranke Frau. In der Onkologie, der Orthopädie, der Neurologie und im Reha-Sport hat sie anderen Menschen geholfen. Jetzt ist sie selbst auf Hilfe angewiesen. Doch die komme oft nicht so schnell und effektiv, wie sie und ihr Lebensgefährte sich das wünschen.

"Er soll nicht schwarz sein", war der einzige Wunsch, den Michaela Bernd in Bezug auf den von der Krankenkasse genehmigten Rollstuhl hatte. Gekauft werden muss er bei einem Vertragspartner der Krankenkasse, so ist die Regel. Tiefschwarz, viel zu groß und breit war das Gefährt, das die Firma anbot. "Ich konnte ihn nicht selbst in Bewegung bringen, und er passte auch nicht ins Auto", erzählt die 52-Jährige. Für 2000 Euro kaufte das Paar selbst einen passenden Rollstuhl. Leuchtend blau ist er. "Es geht nicht um die Patienten, sondern Schemata stehen im Vordergrund", fasst Michaela Bernd ihre Erfahrungen zusammen.

Auch von den Pflegekräften Sarah und Sascha Barniske, die Michaela Bernd zu Hause betreuen, will Franziska Brantner lernen. In Altenbach hat das Ehepaar sich im Mai vergangenen Jahres selbstständig gemacht. "Mund auf, Medikamente rein und tschüss, so läuft das nicht. Patienten sind keine Roboter", meint Sarah Barniske. Die Vergütung der Pflege berücksichtige ihrer Ansicht nach nicht angemessen den individuellen Aufwand. Weil sie und ihr Mann als Angestellte eines großen Altenheims mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden waren, haben sie sich selbstständig gemacht.

"Ich war als einzige Fachkraft für vier Stockwerke zuständig, also für etwa 80 Menschen", erzählt sie. "Ständig wurden Dienste verschoben, wir mussten den Urlaub absagen", ergänzt ihr Mann. Die beiden haben eine sechsjährige Tochter und beschäftigen mittlerweile sechs Mitarbeiterinnen. "Wir wollen familiär bleiben, nicht so werden wie unser ehemaliger Arbeitgeber", betont Sarah Barniske. Jetzt suchen sie händeringend weitere Mitarbeiter und könnten auch ausbilden. Gern würden sie Menschen aus Osteuropa einstellen, doch die haben oft Schwierigkeiten, Visa zu bekommen.

"Wir haben schon bei der Botschaft interveniert", berichtet die Bundestagsabgeordnete, die auch europapolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion ist. "Die Diplomaten schaffen es nicht, einen extra Service einzurichten. Das ist wohl politisch nicht gewollt", bedauert sie.

Nach Hilfe im Haus und bei der Pflege haben Bernd und Walter lange gesucht. Viele Pflegedienste glaubten, für ihren Stadtteil nicht zuständig zu sein. "Die Regeln, welchen Umkreis die Dienste betreuen dürfen, werden von den Kassen oft missverständlich kommuniziert", meint Sandra Schmidt, Landesbeauftragte des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. Sie begleitet die Politikerin beim Besuch. "Ihr seid für mich ein Glückstreffer", sagt Michaela Bernd zu Sarah Barniske. Als die kranke Frau wegen eines Sturzes im Krankenhaus lag, kam Barniske, um herauszufinden, was für die weitere Pflege nötig war.

Die zwei Jahre, die Michaela Bernd den Ärzten zufolge noch zu leben hätte, sind längst vorbei. Mit ihrem Lebensgefährten hat sie einen Zettel mit den Problemen verfasst, auf die sie Franziska Brantner hinweisen will. Die findet aufmunternde Worte für die alle und verspricht, sich "für die Verbesserung der Pflege-Bedingungen einzusetzen. Wir können nur lernen, wenn wir vor Ort sind."

Der Pflegedienst "Gemeinsam Pflegen" sucht händeringend Mitarbeiter, erfuhr Franziska Brantner. Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung