18.11.2019

100 Jahre SV Schriesheim: Fußball-Kabarettist Ben Redelings hatte Bundesliga-Anekdoten dabei

100 Jahre SV Schriesheim: Fußball-Kabarettist Ben Redelings hatte Bundesliga-Anekdoten dabei

Spaßiger Abend über die Zeit als in der Bundesliga Bier und Schnaps noch dazugehörten

Viele Storys aus mehr als fünfeinhalb Jahrzehnten Bundesliga waren für die damaligen Protagonisten wohl weniger lustig als das Kabarettprogramm von Ben Redelings. So ist eine promillehaltige Getränke-Kombi in Bremen bis heute nach einem Schiedsrichter benannt. Foto: Dorn

Von Stefan Kern

Schriesheim. Fußball ist Leidenschaft und macht glücklich. Ein Satz, der in Deutschland für viele Millionen Menschen gilt. Und der hier, beim Sportverein Schriesheim (SVS 1919), in seinem 100. Jahr wohl der größte gemeinsame Nenner ist. Doch für wirklich alle gilt dieser Satz erst, wenn Ben Redelings antritt. Denn auch ausgewiesene Fußballmuffel werden von diesem Mann in die Fußballwelt mitgerissen. So geschehen am Samstagabend in der Turnhalle der Strahlenberger Grundschule.

Vor seinem Publikum breitet Redelings mit „55 Jahre Bundesliga“ eine Welt des urtümlichen Fußballs aus, die im Vergleich zur heutigen Fußballkonsumgesellschaft ziemlich ungeschminkt daherkommt. Von aalglatt war in den 70ern, 80ern und selbst 90ern noch nichts zu sehen. Im Gegenteil: Die Typen, die der Bochumer in der Schulsporthalle zur Parade bat, waren ungeschliffene Fußballdiamanten. Es war eine Welt, so ein sichtlich begeisterter Bürgermeister Hansjörg Höfer, in der die Spieler noch sagten, was sie dachten – und in der das Thema Geld weniger stark im Zentrum gestanden haben soll.

In Teilen konnte man kaum glauben, dass zwischen dem Hier und Jetzt und den Geschichten Redelings nur ein paar Jahrzehnte liegen. Und Redelings verstand es wie kein Zweiter, von diesem mehrere Lichtjahre entfernten Fußballuniversum zu erzählen. Legendenstatus und eine gute Frage für „Wer wird Millionär“ besitzen der Schiedsrichter Wolf Dieter Ahlenfelder und die Frage nach der kürzesten Halbzeit in der Bundesligageschichte.

Die Antwort: In den 1970er Jahren reisten Schiedsrichter meist einen Tag vor den Spielen an, um sicherzustellen, dass man rechtzeitig vor Ort ist. Das erwies sich im genannten Fall als schlechte Idee. Sowohl am Abend als auch am Morgen vor dem Spiel sollen Ahlenfelder und sein Team sich Gedecke aus Bier und Malteser gegönnt haben. Das zeigte Wirkung. Pfiff der Unparteiische anno 1975 das Spiel Bremen gegen Hannover doch nach 32 Minuten ab. Heute heißt das Gedeck aus Bier und Malteser in der Werder-Gaststätte „Ahlenfelder“. Die Bundesliga-Geschichte ist voll von solchen Anekdoten.

Unvorstellbar sei es heutzutage, dass die halbe Nationalmannschaft ein Etablissement der horizontalen Sorte besucht. Wobei sich der damalige Teamchef Franz Beckenbauer vor allem darüber ärgerte, dass die Spieler mit dem offiziellen DFB-Bus vor die Tür dieses Etablissement fuhren und das Fahrzeug dann weithin sichtbar und über Stunden hinweg dort herumstand.

Öffentlichkeitsarbeit? Damals offenbar ein Fremdwort. Mehr als deutlich wurde das angesichts der Sprücheparade, die Redelings zur Freude seiner Zuhörer zum Besten gab.

Den absoluten Ausnahmen-Status, sogar aus damaliger Sicht, kann der Spieler Thorsten Legat für sich verbuchen. Seine Sätze sind legendär. Von „Der Klügere lässt nach“ über „Da habe ich mich beirren lassen, von meiner Kompetenz“ bis hin zu „Ich wüsste mehr, wenn ich es wüsste“ zündete der Bochumer, der seine besten Fußballerjahre beim VfB Stuttgart bestritt, in der Sprüchewelt ein Brillantfeuerwerk.

Tief blicken lässt auch eine Geschichte über eine Begegnung Legats mit dem Winnetou-Darsteller Pierre Brice im Wartezimmer eines berühmten Arztes. Brice schrie offensichtlich vor Schmerzen und seine Frau fragte Legat, ob Brice vor ihm zum Arzt könne. Legats kurze Antwort: „Nö.“ Seine Erklärung dazu: „Indianer kennen doch keinen Schmerz.“

Es waren Typen, oft ungehobelt wie Uli Borowka, der den bezeichnenden Spitznamen „Die Axt“ trug. Sie verliehen der Bundesliga ihren Flair und ihre Geschichtchen. So deutete Borowka dem jungen Olaf Thon gegenüber an, dass er die Beine gebrochen bekomme, wenn er die Mittellinie überschreite. Und Andy Möller hörte den Satz, dass er sich über den Rückweg vom Platz in die Kabine keine Sorgen machen müsse: „Du wirst getragen.“

Redelings hatte noch Storys über Ata Lamek, Udo Latek, Erwin Kremers sowie Reporterlegende Rolf Töpperwien, Schiedsrichter Walter Eschweiler und „den gewichtigen Fußballfunktionär“ Reiner Calmund zu bieten. Das Publikum war hingerissen. Der 17-jährige Fabian war genauso begeistert wie Birgit Dworschak und Barbara Zelle. „Der Mann kann erzählen wie wenige“, so der Tenor in der Halle. Auch Charlotte Günther, die explizit betonte, dass sie mit Fußball eigentlich nicht viel am Hut habe, fand es „super“, Redelings zuzuhören.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung