25.03.2020

Schriesheimer Corona-Patient: "Als der Anruf vom Gesundheitsamt kam, waren wir erleichtert, wir hatten Gewissheit"

Oliver Röhrsheim war mit dem Coronavirus infiziert - Er hatte sich nicht in Ischgl, sondern auf der Arbeit angesteckt

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Oliver Röhrsheim und sein zwölfjähriger Sohn gehören zu den drei Schriesheimern, die positiv auf den Coronavirus getestet worden sind. Das sind die neusten Zahlen des Gesundheitsamtes; Bürgermeister Hansjörg Höfer hatte in der letzten Woche von vier Infizierten gesprochen.

Der 49-Jährige hatte sich bei der RNZ gemeldet, weil er sich über die Aussage Höfers gewundert hatte, alle Schriesheimer Infizierten hätten sich beim Skifahren in Ischgl angesteckt – und nicht etwa beim Mathaisemarkt. Im RNZ-Interview schildert er bemerkenswert offen, wie er und seine beiden Söhne die letzten Wochen überstanden haben.

Herr Röhrsheim, erst einmal: Wie geht es Ihnen und Ihrem Sohn?
Mein zwölfjähriger Sohn und ich sind wieder wohlauf. Mein Achtjähriger muss wegen des Kontakts zu Papa und Bruder als Verdachtsfall noch bis Ende dieser Woche in Quarantäne bleiben. Bislang hat er keinerlei Symptome, und wir sind optimistisch, dass das auch so bleibt.

Wo haben Sie sich angesteckt? War es beim Skifahren, wie Bürgermeister Höfer im RNZ-Interview über die Schriesheimer Corona-Fälle gemutmaßt hat?
Wir waren nicht verreist. Infiziert hatte ich mich im Kontakt mit einem externen Mitarbeiter im Arbeitsumfeld. Ich bin IT-Angestellter im Rhein-Main-Gebiet. Die weitere Infektionskette ist mir nicht bekannt. Persönlich habe ich übrigens nicht verstanden, warum offensichtlich risikoreiche Veranstaltungen im Rahmen des Mathaisemarktes nicht abgesagt wurden.

Wie hat sich die Infektion bei Ihnen und Ihrem Sohn geäußert – und wie haben Sie erfahren, dass Sie infiziert sind? Wo wurden Sie getestet?
Bei mir gab es zunächst die üblichen Grippe-Symptome. Von einer Stunde auf die andere ging gar nichts mehr, und es stellte sich hohes Fieber um 39 Grad ein. Dann lag ich drei Tage fiebernd komplett flach. Danach ging es rasch bergauf. Allerdings war ich permanent müde, und ein trockener Husten hielt sich zäh. Das ist bei mir aber nicht ungewöhnlich.
Bei meinem zwölfjährigen Sohn hat die Infektion vor allem zu starken und anhaltenden Kopfschmerzen geführt. Er hat unheimlich viel geschlafen. Hohes Fieber hatte er aber keines. Das war schon eine Überraschung. Die Symptome waren bei uns beiden schon weitgehend abgeklungen, da erhielt ich am Abend einen Anruf von meinem Arbeitgeber.
Dort lag ganz frisch die Information vor, dass ein Mitarbeiter von einem unserer externen Partner positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Da es mit diesem Mitarbeiter zuletzt gemeinsame Termine gab, habe ich mich über die Heidelberger Coronavirus-Hotline noch am selben Abend zu meiner Situation gemeldet. Aufgrund des engen Kontakts zu einer nachgewiesen infizierten Person und der vorliegenden Symptome sind wir zum Test gebeten worden. Am nächsten Morgen waren mein Sohn und ich um 8 Uhr die ersten im Zentrum für Infektiologie der Krehl-Klinik für Innere Medizin in Heidelberg.
Aufgrund der geringen Wahrscheinlichkeit – zu diesem Zeitpunkt gab es um die 2000 bestätigte Infektionsfälle in Deutschland – hatten wir eher mit einem negativen Ergebnis gerechnet. Am Folgetag habe ich nachmittags über einen Anruf vom Gesundheitsamt erfahren, dass wir beide positiv getestet sind. Erstaunlicherweise waren wir dann erst mal erleichtert. Immerhin gab es jetzt Klarheit.

Wurden Sie behandelt, oder waren Sie "nur" in häuslicher Quarantäne?
Mein Sohn und ich sind beinahe zeitgleich gegen Ende der Woche erkrankt. Wir waren aufgrund unserer Symptome dann ohnehin gezwungen, zuhause zu bleiben. Meinen achtjährigen Sohn habe ich vorsorglich auch sofort aus der Schule genommen, als ich unmittelbar darauf den warnenden Anruf von meinem Arbeitgeber erhalten habe. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob das übertrieben sein könnte. Heute bin ich sehr froh, so rasch und konsequent gehandelt zu haben. Bei uns beiden kam es zu einem "leichten Verlauf". Insofern war glücklicherweise keine ärztliche Behandlung notwendig.

Wie sahen denn Ihre Tage aus? Wie organisiert man sich? Und vor allem: Wer hat Sie versorgt?
Ich habe das große Glück, dass ich meiner Arbeit auch im Homeoffice nachgehen kann. Außerdem bringt mein Arbeitgeber in der aktuellen Situation viel Verständnis auf, die Unterstützung ist sehr gut. Die Kinder dürfen sich über zusätzliche Spielzeit an der Playstation freuen. Im Ernst. Das ist schon eine Herausforderung. Man bekommt die Ereignisse mit und die Beunruhigung der Menschen. Ich finde, da darf man schon mal fünfe gerade sein lassen. Wir haben die Quarantäne dabei konsequent durchgezogen.
Die Erfahrung, plötzlich ein lebensbedrohliches Risiko für unsere Mitmenschen zu sein, war für mich sehr schwierig. Daher hat sich die Frage nach der Einhaltung für mich nie gestellt. Bei der Organisation des Alltags haben mich vor allem befreundete Nachbarn unterstützt. Die Lebensmittelversorgung aus meinem Vorrat und etwas Zukauf hat gut funktioniert. Einmal haben wir einige Leckereien online bestellt. Wertvoll war und ist für mich auch der telefonische und schriftliche Austausch mit Freunden und Bekannten.

Sie haben etwas hinter sich, was viele, zumindest ansatzweise, seit ein paar Tagen erst durchmachen: zwei Wochen lang zuhause. Wie schafft man das? Was waren Ihre Strategien?
Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen. Das hat bisher ganz gut geklappt, natürlich nicht immer. Mein achtjähriger Sohn ist jetzt bereits die dritte Woche zuhause. Keine Freunde, keine Outdoor-Action. Das ist vor allem für ihn eine riesige Herausforderung. Da heißt es, Verständnis aufbringen, wenn es mal mit ihm durchgeht. Dazu werden die Jungs von ihren Schulen reichlich mit Aufgaben versorgt. Da brauchen alle Geduld, denn stundenlang ohne direkten Kontakt zur Schule Zuhause arbeiten – das sind Kinder nicht gewohnt.
Man darf nicht vergessen, dass die Kinder die Krisensituation, die Verunsicherung der Erwachsenen intensiv erleben. Das ist Stress. In diesen Zeiten darf man auch mal von Gewohnheiten abrücken. So gibt es derzeit zum Beispiel einen üppigen Mix aus Gesellschaftsspielen, aber auch neuen Kinderfilmen und Klassikern – wenn’s sein muss, gehen jetzt sogar alte Schwarz-Weiß-Filme. Dicke Luft gibt es dennoch immer wieder mal. Aber die geht auch wieder vorbei.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert? War es verständnisvoll? Oder gar panisch?
Schwierige Frage. Panisch habe ich niemand erlebt, besorgt schon. Öfter habe ich eine Mischung aus Neugierde und Gruseln wahrgenommen. Nach dem Motto: Sieh an, der hat die Sache ja offenbar ganz gut überstanden, aber ich geh' trotzdem mal lieber einen Schritt zurück. Ich finde das verständlich. Unterm Strich waren meine Erfahrungen sehr positiv, und ich habe mich von meinem Umfeld gut unterstützt gefühlt. Man muss dabei ja auch sehen, dass im in diesen Zeiten jeder sehr viel um die Ohren hat, sich etwa um Familienmitglieder sorgt und das berufliche und private Leben umorganisieren muss. Die Kommunikation mit einer Schule verlief zunächst nicht optimal. Aus verständlichen Gründen war man dort sehr beunruhigt. Die Fragestellungen konnten dann aber schließlich noch schnell und sachlich geklärt werden.

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie wieder gesund sind? Und wer hat das festgestellt?
Als die Nachricht vom positiven Testergebnis kam, war die Genesung bei meinem Sohn und mir ja bereits gut gediehen. Die ursprüngliche Information vom Gesundheitsamt Rhein-Neckar war, dass abschließend pro Person je zwei weitere, eng aufeinanderfolgende Tests durchgeführt werden. Das Verfahren wurde dann für "leichte Verläufe" so geändert, dass die Einhaltung der häuslichen Quarantäne von 14 Tagen und die Bestätigung der Symptomfreiheit für 48 Stunden ausreichend sind. Wir hatten über die Zeit regelmäßig zweimal täglich Fieber gemessen und die Ergebnisse über einen Link in eine persönliche Datenbank eingetragen. Auf dieser Grundlage wurden wir in die Freiheit entlassen. Aufgrund der dynamischen Situation wäre ich aber nicht überrascht, wenn die Kriterien hier in Zukunft weiter angepasst werden. Die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt war dabei übrigens angenehm und zuverlässig. Und das, obwohl die Mitarbeiter offensichtlich mächtig unter Dampf stehen. Die letzte E-Mail habe ich am späten Sonntagabend bekommen. Das klingt für mich nicht nach einer Arbeit zu den üblichen Bürozeiten.

Sind Sie und Ihr Sohn wieder vollständig genesen?
In Bezug auf die Infektion bestimmt, da mache ich mir keine Sorgen.

Wenn Sie Ihren (noch) nicht infizierten Mitbürgern einen Rat geben sollten, wie lautete der?
Viele Menschen halten sich an die neuen Regeln: keine unnötigen Kontakte, Abstand halten, regelmäßiges Händewaschen. Das ist wichtig, um sich und andere nicht zu gefährden. Sehr hilfreich sind Besonnenheit, Disziplin und nicht zuletzt viel Herz.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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