27.03.2020

Ungewöhnliche Zeiten für die Pfleger

Ungewöhnliche Zeiten für die PflegerWeil wegen der Corona-Pandemie die Angehörigen zuhause sind, hat die Kirchliche Sozialstation auf einmal Kapazitäten frei

Weiterhin im Einsatz, auch wenn es momentan freie Kapazitäten gibt: das Team der Kirchlichen Sozialstation Bergstraße-Steinachtal, die ihre „Zentrale“ in der Kirchstraße hat. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Was hört man nicht gerade von Horrorgeschichten über die Pflege: Osteuropäische Mitarbeiter stranden an den geschlossenen Grenzen; und viele Patienten haben Angst vor dem direkten Kontakt. Bei der Kirchlichen Sozialstation Bergstraße-Steinachtal merkt man davon wenig, zumal hier keine Osteuropäer beschäftigt sind. Bisher hat man auch nur von einem Fall gehört, in dem eine Polin überstürzt nach Hause zurückkehrte und sich die Kirchliche Sozialstation um Ersatz kümmern musste. "Um diese Jahreszeit ist das eher ein altes Thema: Gerade um Ostern herum sind viele Pflegekräfte aus Osteuropa wieder in ihre Heimat gegangen", berichtet Verwaltungsleiterin Karin Keller-Thümmel. Und doch gab es in den letzten Wochen ein paar fühlbare Veränderungen: "Die Menschen sind verunsichert. Im Moment gibt es kein anderes Thema mehr als ,Corona’, und die Leute sitzen gerade viel vor dem Fernseher", berichtet Pflegedienstleiterin Darja Lohmeier.

Und lange galt die häusliche Pflege als "krisensicherer Job", wie Keller-Thümmel sagt – doch auf einmal beschleichen sie und ihre gut 40 Mitarbeiter erste Zweifel: Etliche Pflegen wurden mittlerweile abgesagt, denn die Angehörigen sind ja momentan oft zu Hause und haben nun auf einmal Zeit, sich um die kranken Eltern zu kümmern. "Die Zahlen brechen gerade ein", so Lohmeier, "wir haben freie Kapazitäten." Kurzarbeit ist also noch kein Thema in der "Zentrale" in der Kirchstraße, im Moment werden eher die vielen Überstunden abgebaut. Aber so richtig Angst um ihren Job haben die Angestellten der Kirchlichen Sozialstation nicht, denn irgendwann werden auch die Angehörigen wieder arbeiten gehen, allerdings fürchtet Lohmeier, dass es dann wieder personell knapp werden könnte: Man hat neue Patienten aufgenommen, und dann wollen wieder die alten wieder zurück in die Obhut der Kirchlichen Sozialstation.

Ansonsten bekümmert Lohmeier mit am meisten das, was alle gerade umtreibt: ein eklatanter Mangel an Desinfektionsmitteln. "Auf dem Markt gibt es absolut nichts mehr, wir jagen jedem Desinfektionsmittel und jedem Mundschutz nach." Mittlerweile mischt sich Lohmeier die Lösung selbst – und zwar so, wie es die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt: mit Ethanol (was mittlerweile auch knapp geworden ist), Wasserstoffperoxid und Glyzerin. Im Übrigen helfe ja auch Händewaschen, "aber lang", so Lohmeier.

Desinfektion und Hygiene mag zwar für die meisten Deutschen ein ziemlich neues Thema sein, aber in der Kirchlichen Sozialstation gehört das zum Alltag: "Daran sind die Pflegekräfte schon in ihrer Ausbildung gewöhnt", so Keller-Thümmel. Allerdings, und das bestätigt auch Pflegedienstleiterin Lohmeier: "In unserem Beruf ist Distanz unmöglich – ich kann ja nicht in anderthalb Metern Entfernung einen Stützstrumpf anziehen." Was allerdings nicht geht: Händeschütteln oder gar Umarmungen – auch wenn es für viele Patienten etwas Wichtiges ist: "Gerade auf den Händedruck bestehen viele Senioren, und dass der nun fehlt, ist mit das größte Manko."

Für etliche ist das Team der Kirchlichen Sozialstation der einzige soziale Kontakt, und allein von daher ist die neue Situation, dass auch die Pflegekräfte Distanz halten müssen, schon etwas Neues. "Ich sehe das höchst problematisch für die Psyche unserer Patienten. Zumal ja momentan auch eine Kurzzeitpflege nicht mehr möglich ist, weil die Heime niemanden mehr aufnehmen."

Der Kirchlichen Sozialstation ist zudem die Nachbarschaftshilfe angeschlossen, in der beispielsweise Hilfe beim Einkaufen angeboten wird. Das geschieht ehrenamtlich, meist sind aber die Nachbarschaftshelfer auch schon etwas älter und zählen mithin zur "Risikogruppe". Da liegt es nahe, sich nun etwas bei diesem Ehrenamt zurückzuziehen. "Bisher haben eine Handvoll abgesagt, weil sie sich jetzt nicht mehr aus dem Haus trauen", bestätigt Keller-Thümmel. Aber so groß ist momentan die Nachfrage für diese Dienstleistungen gar nicht: "Wir hatten erst eine Anfrage, bei der jemand fürs Einkaufen gebraucht wurde", berichtet Verwaltungskraft Regina Kluth.

Die sonstigen, eher auf Geselligkeit ausgerichteten Aktivitäten der Nachbarschaftshilfe ruhen zur Zeit – wie auch die wöchentlichen Betreuungsgruppen für Demenzkranke, erklärt Kluth: "Das macht die Teilnehmer im Moment sehr traurig."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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