10.05.2020

Das sagen die Förster zur momentanen Trockenheit im Wald

Das sagen die Förster zur momentanen Trockenheit im Wald

Michael Jakob und Walter Pfefferle über die momentane Trockenheit, den Klimawandel und "Experimentierbäume" - "Einen Landregen - und etwas kühler als jetzt"

Die Jungbäume brauchen Wasser: Die beiden Waldarbeiter Thomas Weber (links) und Dennis Reinhard gießen Eichensetzlinge im Schriesheimer Wald. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Der Schriesheimer Wald hat zwei Förster: Walter Pfefferle für den nördlich der Talstraße (plus Hirschberg) und Michael Jakob für den südlichen Teil (plus Dossenheim). Beide sind schon mehr als 30 Jahre im Stadtwald unterwegs – höchste Zeit für ein Gespräch über die lange Trockenheit, den Klimawandel, Baumexperimente – und natürlich den Wald im Allgemeinen. Auch wenn die beiden durch und durch Praktiker sind – ein bisschen philosophisch wird das Interview doch.

Es heißt, alles sei so trocken, dabei sieht der Wald so grün aus. Wie ist die Lage?
Pfefferle: Unser Hauptproblem sind die frisch gepflanzten Kulturen, die leiden massiv. Denn die konnten noch keine tieferen Wurzeln bilden. Die obersten 20 Zentimeter des Bodens sind wirklich sehr trocken. Bäume mit tieferen Wurzeln hingegen profitieren noch von den ergiebigen Niederschlägen im Winter und haben nicht so viel Stress. Gut ist, dass man im Moment fast keine Raupen sieht, die bis 2017 einige Jahre in Folge die Eichen kahl gefressen haben. Schlimm sieht es bei den Borkenkäfern aus: Da erleben wir gerade einen massiven Befall am liegenden Holz und hohe Fangzahlen in den Fallen, was uns große Sorgen macht, weil zu befürchten ist, dass sich bald auch Befall an stehenden Bäumen zeigen wird: Der Winter war sehr mild, deswegen haben die Schädlinge ihn überlebt.

Kann man also sagen, dass der Borkenkäfer schlimmer ist als die Trockenheit?
Pfefferle: Würde ich nicht so sagen: Im Moment mache ich mir die meisten Sorgen um die Setzlinge, dass die nicht vertrocknen. Aber dann kommt auch schon der Borkenkäfer, der uns schon die letzten Jahre plagt.

Hängen Trockenheit und Borkenkäferplage zusammen?
Jakob: Ja, schon. Trockenheit schwächt die Bäume, sie werden anfälliger für den Schädlingsbefall. Oder umgekehrt: Regen stärkt die Bäume: Die stark betroffenen Fichten können bei ausreichender Bodenfeuchte Harz bilden, das die Borkenkäfer beim Einbohren in den Baum abtötet.
Pfefferle: Ganz schlimm ist die Kombination aus ausbleibendem Regen und Hitze. Das führt dazu, dass die Borkenkäfer wie 2018 bis zu drei Generationen im Jahr bilden können.

Was wissen Sie denn jetzt schon, wie die Borkenkäfer sich in diesem Jahr entwickeln werden? Das Frühjahr begann ja erst einmal kühl …
Jakob: Wir hatten im Frühjahr schon etwas Hoffnung, dass die Lage sich bessern würde. Aber wenn wir in unsere Lockstofffallen schauen, dann sehen wir jetzt, dass da richtig viele Borkenkäfer drin sind, mehr als in den Vorjahren.
Pfefferle: Zu diesem Zeitpunkt kann man noch wenig sagen. Im Jahr 2018 sah im April nach einem feucht-kühlen Frühjahr der Wald so gut aus wie selten, im September dann sah er so schlecht aus wie nie zuvor.

Was kann man gegen die Borkenkäfer tun? Sie haben ja die Fallen erwähnt…
Jakob: Die sind eigentlich nicht zur Bekämpfung der Schädlinge gedacht, so viele könnten wir gar nicht aufstellen, zumal der Lockstoff nicht ganz so gut wirkt wie der der Bäume. Sie dienen eher für uns als ein Indikator, wie viele Borkenkäfer gerade unterwegs sind.
Pfefferle: Wir können auch entrinden, rechtzeitig das Holz abfahren, befallenes häckseln, verbrennen und – als Ultima Ratio – spritzen, allerdings keine stehenden Bäume. Auf liegende Stämme kommt dann ein Kontaktgift, das bis zu 24 Wochen hält.

Sie kümmern sich um den Stadtwald. Gibt es auch private Besitzer?
Jakob: Ja, vor allem in Altenbach und in Ursenbach, da sind es etwa 150 Hektar, in Schriesheim sind es etwa 40 Hektar, eher in den Tallagen. Zum Vergleich: Der gesamte städtische Wald umfasst 1650 Hektar.

Dürfen die Waldbesitzer denn tun und lassen, was sie wollen?
Pfefferle: Sie haben relativ große Freiheiten, denn das Eigentum ist ein hohes Gut. Allerdings endet ihre Freiheit beim Schädlingsbefall. Dann sind sie verpflichtet, ihren Wald zu kontrollieren und einzugreifen.

Könnten Waldbesitzer, die keine Lust auf ihren Besitz haben, die Pflege dem Kreisforstamt übertragen?
Pfefferle: Ja, schon, sie können sich einfach beraten lassen oder eine Betreuung in Anspruch nehmen, entweder fallweise, was am häufigsten ist, oder sogar ständig, was sehr selten vorkommt. Für die Betreuung müssen die Waldbesitzer dann aber auch die Kosten tragen. Auf Antrag können sie eine Förderung erhalten.

Kümmern sich denn die Waldbesitzer im Allgemeinen gut um ihren Wald?
Jakob: Das hat schon nachgelassen. Früher war es für die Privatleute ein Nebenerwerb, aber heute sind die Umstände anders.
Pfefferle: Das Problem ist, dass sich der Waldbesitz heute nicht mehr in dem Maße lohnt, wie das früher einmal der Fall war. Ich habe die Hoffnung, dass sich das wieder ändert, denn der Wald ist eigentlich, langfristig gesehen, eine gute und krisensichere Vermögensanlage.

Zurück zur Trockenheit: Welche Rolle spielt eigentlich der Boden?
Jakob: Wenn es in Richtung Odenwald geht, gibt es mehr Sandböden. Die speichern das Wasser kaum. Allerdings ist es dort auch etwas kühler, und es regnet mehr. Und trotz der eher ungünstigen Böden sieht der Wald oft besser aus als Richtung Bergstraße.
Pfefferle: Im Tal und am Fuß des Odenwaldes spielt die größte Rolle, wie weit die Bäume vom Lösslehm stehen, denn der speichert am besten das Wasser.

Wie groß sind denn im Moment die Trockenschäden?
Jakob: Nach der Trockenheit 2018 haben wir den Wald, so gut es geht, aufgeräumt, also ganz oder teilweise abgestorbene Bäume entfernt, um den Wald nicht für Besucher sperren zu müssen. Das waren schon relativ große Verluste, wenn auch nicht flächendeckend.

Erholen sich die Bäume denn wieder?
Jakob: Ja, zumindest die weniger geschädigten Exemplare haben eine Chance, wenn es wieder feuchter wird. Der Feinwurzelbereich, der nach der Trockenheit geschädigt ist, kann sich wieder neu bilden. Aber das kann bis zu zehn Jahre dauern.

Aber im Moment ist doch alles voller frischer Blätter, manche Bäume blühen sogar. Ist das nicht ein gutes Zeichen?
Jakob: Nicht unbedingt, das kann auch eine Notblüte sein: Der Baum jagt alle seine Energie in Blüten und Blätter, wenn er unter extremem Stress steht.
Pfefferle: Gerade die Buche blüht gerade sehr stark. Ich sehe das nicht unbedingt als gutes Zeichen.

Unlängst gab es Bewässerungsaktionen für die Setzlinge. Mich hat gewundert, wieso an der Bergstraße noch junge Bäume gepflanzt werden, aber in Heidelberg nicht. Dort setzt man auf die Naturverjüngung: Man lässt das wachsen, was gerade angeflogen kommt oder was die Bäume in der Nachbarschaft abwerfen.
Jakob: Das tun wir auch, eigentlich setzen wir Neuanpflanzungen eher selten ein. Vor allem dient uns das zu Testzwecken: Welche Baumarten bewähren sich und überleben? Denn kein Mensch kann heute sagen, welche Arten zukunftsfähig sind. Aber wir wissen bereits, dass es die Fichte deutlich schwerer haben wird, weil sie dem Klimawandel nicht gewachsen ist. Solche Experimente mit neuen Baumarten sind nicht ungewöhnlich. Schon unsere Vorgänger probierten es mit den Douglasien, einer amerikanischen Baumart, die gerade in Schriesheim weit verbreitet ist. Und das Experiment mit der Douglasie ist geglückt. Eine andere eingeführte und schon länger etablierte Baumart – die Roteiche – wird erfolgreich auf "frei gewordene" Flächen gepflanzt und ersetzt dort erfolgreich beispielsweise die Fichte, die dem Borkenkäfer oder/und der Trockenheit zum Opfer gefallen ist. Manche unserer "Experimentierbäume" wie die Roteiche säen sich nicht von selbst aus, die muss man pflanzen. Die Roteiche ist schon recht etabliert, also kein Experimentierbaum, jedoch muss sie gepflanzt werden, wenn wir sie dort wollen, wo sie bislang nicht vorkam. Experimentierbaumarten wären eher beispielsweise Zedern, Flaumeiche oder Baumhasel.
Pfefferle: Würden wir nur auf Naturverjüngung setzen, dann wächst uns alles irgendwann mit Buchen zu. Und das wollen wir auch nicht, sondern viele Baumarten.

Wenn wir schon bei den neuen Baumarten im Schriesheimer Wald sind: Gibt es da heiße Kandidaten?
Pfefferle: Die Vogelkirsche entwickelt sich gut, ein ganz unkomplizierter Baum. Ich habe auch schon Baumhasel gepflanzt. Aber man weiß nie genau, wie sich die Bäume entwickeln und welche Krankheiten kommen. Daher werden die Setzlinge nur auf kleinen Flächen und in Gruppen gepflanzt. Und man sollte die Baumarten bunt mischen, um das Risiko zu streuen.

Manche, wie beispielsweise der FSC-Verband, lehnen eingewanderte neue Baumarten ab. Wie sehen Sie das?
Jakob: Es ist nicht zielführend, wenn man zwischen einheimischen und fremden Baumarten unterscheidet. Das sieht man gerade an der Douglasie, die vor 100 Jahren noch komplett neu war, aber für uns heute ganz vertraut ist. Und wir können da nicht allzu wählerisch sein: Wir müssen nehmen, was auch in Zeiten des Klimawandels wächst. Denn die Probleme mit der Fichte sind nur der Anfang, jetzt fürchten wir auch um die Buche, die die steigenden Durchschnittstemperaturen nicht gut aushält.

Ihre Prognose: Wann wird die erste Zeder gesetzt?
Pfefferle: Haben wir schon, 625 Stück in Hirschberg. Das wird kein Massenbaum, aber er wächst dort gut, wo die Douglasie am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist.

Haben wir irgendwann Wälder wie am Mittelmeer?
Pfefferle: Ich hoffe nicht.
Jakob: Ich auch nicht. Es geht auch nicht nur darum, dass der Wald schön grün ist, sondern auch darum, dass wir Bäume haben, die die Hänge stabilisieren. Ohne Wald rutschen die nämlich ab.

Viele fordern einen naturnahen Wald. Wie nah ist Schriesheim an diesem Ideal?
Jakob: Wir haben in den letzten 30 Jahren nach den beiden verheerenden Orkanen Wiebke und Vivian zu 90 Prozent mit Naturverjüngung gearbeitet. Das geschah damals auch aus der Not heraus, denn so viele Setzlinge hätte man gar nicht pflanzen können. Also sind wir recht nahe an einem naturnahen Wald. Die einzige Steigerung wäre, dass sich der Mensch nun ganz aus ihm zurückzieht. Aber das ergibt für mich keinen Sinn, wenn wir kein Holz mehr einschlagen würden. Wieso sollten wir aus dem Ausland Holz importieren, wenn es hier doch wächst?

Gibt es im Schriesheimer Wald noch viele Monokulturen?
Pfefferle: Keine, die jünger sind als 50 Jahre. Und auch diese Bestände, die aus nur einer oder zwei Baumarten bestehen, kamen nicht auf so großer, zusammenhängender Fläche vor, dass von einer "Monokultur" gesprochen werden muss.
Jakob: In den 1960er Jahren wurden recht viele angelegt. Auch damals haben unsere Vorgänger nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Damals stand vor allem die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Das hat auch seine Vorteile: Man bewirtschaftet ein Stück Wald intensiv, dafür lässt man andere Teile in Ruhe, wo dann der Natur- und Artenschutz Priorität hat. So versuchen wir, den drei Funktionen, die der Wald erfüllen soll – Nutzen, Schutz und Erholung –, gleichermaßen gerecht zu werden.
Pfefferle: Man muss auch mal ehrlich sein: Mit den Erlösen aus den alten, sogenannten, Monokulturen finanzieren wir heute noch andere wichtige Maßnahmen, wie beispielsweise unsere Setzlinge.

Wenn Sie sich jetzt etwas für den Wald wünschen dürften, was wäre das?
Pfefferle: Ein ergiebiger, langer Regen, also einen Landregen. Und etwas kühler sollte es sein.
Jakob: Der Regen sollte möglichst gleichmäßig sein, aber bitte kein Platzregen. Der wird gar nicht vom Boden aufgenommen. Aber diese Hoffnung wird sich wohl kaum erfüllen.

Wieso sind Sie sich so sicher?
Jakob: Das ist die Erfahrung der letzten Jahre. Die Regenmengen blieben zwar ungefähr gleich, aber der heftige Platzregen nahm zu. Der gute alte Landregen ist selten geworden.
Pfefferle: Die Sommer sind oft heute heißer und trockener, die Winter feuchter und milder als früher. Das ist leider die Tendenz – und eben für unseren Wald in seiner heutigen Form nicht gut.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung