14.05.2020

Lebensmitteltüten im "Mittendrin" als Ersatz für die eingestellte Tafel

Lebensmitteltüten im "Mittendrin" als Ersatz für die eingestellte Tafel

Eine kleine Hilfe für alle, die Hunger haben - Eigene Verkaufsräume werden weiter dringend gesucht

Hubert Mitsch, Tafelbeauftragter des DRK Mannheim (2.v.l.), übergibt 50 Lebensmitteltüten an (v.l.) Pfarrerin Suse Best, Dylan De Vos und Jessica Sinlae (beide machen ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der Kirchengemeinde) sowie Christine Vierling von „Mittendrin“, wo sie ausgegeben werden. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die gute Nachricht zuerst: Wer in Coronazeiten kein Geld für Lebensmittel hat, muss ab Donnerstag auch in Schriesheim nicht mehr hungern. Denn da öffnet das Begegnungszentrum "Mittendrin" in der Kirchstraße wieder ab 15 Uhr – und dort kann sich jeder Bedürftige eine Tüte mit Lebensmitteln abholen. Die schlechte Nachricht: Ob dieser Ersatz für die Mitte März eingestellte Schriesheimer Tafel von Dauer ist, steht noch in den Sternen. Denn eigentlich, so erklärt Hubert Mitsch, beim DRK Mannheim zuständig für die Tafeln, sucht er nach einem passenden Raum für dieses Angebot in Schriesheim.

Denn so unglaublich es klingen mag: Über fünf Jahre, seit Ende 2014, gab es günstige Lebensmittel nicht in einem festen Gebäude, sondern zweimal die Woche im Freien, unter den Arkaden der Turnhalle der Strahlenberger Grundschule. Das war auch für Mitsch auf Dauer kein tragbarer Zustand. Zumal Ende 2018 wegen eines Motorschadens das Kühlfahrzeug ausgefallen war, und Mitsch die Waren sich nur dann in Schriesheim auszuliefern traute, wenn es kälter als 25 Grad war; einmal abgesehen davon, dass diese Umstände für die Mitarbeiter nicht zumutbar waren. Im Grunde, so Mitsch, "dümpelte das Tafelangebot in Schriesheim seit 2014 vor sich hin", vor mehr als einem Jahr bat er das Rathaus um Mithilfe, einen festen Raum zu suchen. Und seither hat sich nichts weiter getan.

Christine Söllner vom Sozialamt bestätigte auf RNZ-Anfrage, dass man bisher noch keine Räume für einen Tafelladen gefunden habe. Dabei wäre die Nachfrage da: Söllner stellt jedes Jahr rund 100 Tafelausweise an bedürftige Schriesheimer Familien – zusammen 200 bis 300 Personen – aus. Und schließlich beendete das Rote Kreuz vor zwei Monaten coronabedingt seine Ausgabe unter den Arkaden – und die 30 Stammkunden, die wiederum für 70 bis 80 Personen stehen, "saßen auf dem Trockenen", so Mitsch. Auch für Söllner ist das ein Problem: "Es gab viele Anrufe, wie bitter das für die Betroffenen ist." Sie gab dann Lebensmittelgutscheine aus, die vom städtischen Sozialfonds finanziert werden.

Da lag es nahe, dass sich die Evangelische Kirchengemeinde der Sache annahm: "Als Pfarrerin frage ich mich immer wieder: Was brauchen in diesen Zeiten die Menschen? Wie können wir helfen?", so Suse Best. Und da lag es nahe, sich der Armen anzunehmen. Wichtig war Best, ein Angebot zu schaffen, dass sich an alle, und nicht nur an Kirchenmitglieder, richtet.

Dass es gerade jetzt akute Not gibt, habe ihr ein Anruf im Pfarramt bewiesen: "Da war ein junger Mann dran, der keine Arbeit hat. Der hatte einfach Hunger. Und dann habe ich ihm gesagt: Kommen Sie am Donnerstag um 15 Uhr ins ,Mittendrin’." Denn da bekommt er eine von rund 50 Tüten, die gestern Mitsch angeliefert hat: voll mit Reis, Nudeln und sogar Ostereiern, alles Spenden von Supermärkten aus der Region – und nichts muss gekühlt werden. Im Prinzip darf sich jeder Bedürftige bedienen – nach einem speziellen Nachweis wird nicht gefragt –, und für den Rest bietet ab heute auch wieder der Weltladen im "Mittendrin" seine fair gehandelten Produkte an.

"Aber an einen Normalbetrieb mit Café ist noch nicht zu denken", sagt Best bedauernd. Insofern ist die Verteilung der "Tafeltüten" im "Mittendrin" auch eher "ein Versuchsballon", wie die Leiterin des Begegnungszentrums, Christine Vierling, sagt. Man werde schauen, ob es dafür einen Bedarf gebe – und notfalls könne man bei Mitsch weitere Lebensmittel nachordern.

Denn bisher hatte die Kirchengemeinde wenig Berührungspunkte mit den Tafeln. Andernorts, wie in Heidelberg, sieht es anders aus: Da kümmert sich beispielsweise in der dortigen Südstadt die Caritas in einem eigenen Laden um die Bedürftigen, und die Diakonie richtete 1999 in der Heidelberger Plöck das Geschäft "Brot & Salz" ein. Im alten Landkreis Mannheim hat das DRK die Versorgung der Bedürftigen übernommen, muss sich aber bei der Einrichtung einer neuen Tafel immer mit den bereits bestehenden absprechen.

Und so gibt es bei den heute 930 Tafeln in Deutschland auch unterschiedliche Regelungen: Bei manchen kosten die Lebensmittel gar nichts, beim Mannheimer DRK ein bisschen was: "Ich meine: Was nichts kostet, ist auch nichts wert", sagt Mitsch, der kein Freund solcher "Gratis-Tüten" ist: "Da ist immer etwas drin, was man nicht mag."

Als einen ständigen festen Ort für die momentan domizillose Tafel sieht Vierling ihr "Mittendrin" nicht: "Es kann nicht sein, dass ein solcher Laden in Schriesheim nicht möglich sein soll. In diesem Fall trägt die Stadt die Verantwortung."

Info: Das "Mittendrin", Kirchstraße 4, hat dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung