08.06.2020

Dürfen die Kinder wirklich nicht mehr allein nach Hause gehen?

Rolf Schwarz hält neue Regelungen für Kindergärten falsch - Die Stadt berufe sich auf veraltete Angaben

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Während es in anderen Kommunen durchaus üblich ist, dass Kindergartenkinder den Nachhauseweg allein antreten dürfen, sofern ihnen Eltern und Erzieher dies auch zutrauen, geht Schriesheim hier einen anderen Weg.

Der Gemeinderat hat jüngst die mit den Kita-Leitungen abgesprochene und vor zwei Jahren eingeführte Praxis, Kindergartenkindern den Nachhauseweg ohne Begleitung zu untersagen, durch eine Anpassung der Benutzungsordnung für Kindergärten untermauert.

Professor Rolf Schwarz hält das für einen Fehler. Der Inhaber des Lehrstuhls für (Früh-)Kindliche Bewegungsentwicklung, pädagogische Diagnostik und Intervention an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe sagt, so etwas könne man nicht einfach beschließen, das hätte vorab diskutiert werden müssen. "Denn es müsste eine pädagogische Entscheidung sein – und hier war es jetzt eine reine Verwaltungsentscheidung", meint er. Die noch dazu auf unterschiedlichen Interpretationen beruhen könnte.

Robert Eszterle, im Rathaus zuständiger Sachbearbeiter für die Kindergärten, macht ein Infoblatt der Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW) vom Dezember 2017 geltend; demzufolge "könnte es erhebliche strafrechtliche Folgen für das pädagogische Personal und auch für die Verantwortlichen des Trägers, also der Stadt Schriesheim, bedeuten, sollte das Kind auf dem Nachhauseweg einen Schaden erleiden."

Eszterle sagt, dieses Infoblatt lege seinen Fokus auf das Haftungsrisiko für die Erzieher, und diese Infos seien seiner Ansicht nach noch gültig.

Schwarz meint, sie seien veraltet. Ein neues Infoblatt, erschienen erst vor wenigen Tagen, liest sich anders. Es formuliert, dass Eltern und Erzieher im gemeinsamen Gespräch feststellen sollen, ob ein Kind die Kompetenz hat, sicher alleine den Weg nach Hause zu bewältigen. Es heißt darin auch, dass in jedem Fall ein Versicherungsschutz für die Kinder besteht, weist aber im letzten Absatz auch auf das Haftungsrisiko hin.

Im "alten" Infoblatt steht, dass die bis vor zwei Jahren geltende Möglichkeit zur Einverständniserklärung der Eltern, dass das Kind alleine nach Hause gehen darf, "unbeachtlich" sei. Das Recht des Kindes auf Unverletzlichkeit sei höher als das Bestimmungsrecht der Eltern einzuschätzen. Im neuen heißt es, dass der Versicherungsschutz in jedem Fall, auch bei vorliegender Einverständniserklärung, bestehe. Schwarz findet, die Interpretation der Stadt sei zu rigide und gehe zu Lasten von Entwicklungspotenzialen von Kindern. Er ärgert sich, dass die Verwaltung keine Alternative angeboten habe.

Nun manifestiere sich, was er immer wieder anprangerte: Kinder bewegen sich zu wenig. In einer aufwändigen Babystudie wies der Wissenschaftler mit seinem Team 2017 nach, dass zwei Drittel der Eltern ihre Kinder passiv zur Kita bringen, lediglich ein Drittel aktiv zu Fuß oder mit dem Roller. "Das ist eine erschreckende Zahl", findet er. Allein mit einem aktiven Hin- und Rückweg würden Kinder die von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagenen Bewegungsanteile zu bis zu 50 Prozent erzielen. Dieser eigenaktive Weg sei tatsächlich pädagogisch so wertvoll, dass er schützenswert sei. "Dass die Stadt nun davon abrät, obwohl ich in mehreren Vorträgen – auch für die Stadt und mit großem Wohlwollen des Bürgermeisters – darauf hingewiesen habe, wie wichtig dieser aktive Nachhauseweg ist, stimmt mich nachdenklich", sagt Schwarz.

Es ist ihm wichtig, Verhalten und Verhältnisse zu ändern, um Kinder, nicht zuletzt auch die Eltern und die Kitaleitungen, denen eine besondere Erziehungsrolle zukomme, in Bewegung zu bringen. Dafür brauche es politische Entscheidungen. Schwarz wünscht sich für Schriesheim ein kita-spezifisches Mobilitätskonzept mit individueller Ausgestaltung. Daran würde er ehrenamtlich mitarbeiten. Und er will die Stadt an den Prozess der Spielplatzplanung Mozartstraße erinnern, der als vorbildlich erachtet worden sei. Auch hier war Schwarz die treibende Kraft. "Dazu gehört aber auch ein Mobilitätskonzept, und darüber müssen wir noch reden."

Er verweist auf das vom Bundesfamilienministerium geförderte Konzept "kinderfreundliche Kommunen". Experten sind beratend mit an Bord für passende Mobilitätskonzepte. Mannheim habe sich gerade beworben. "Mobilität ist einer der wichtigsten Parameter für eine gesunde ganzheitliche Entwicklung von Kindern", betont Schwarz. Kinder, die heute geboren werden, verbringen laut Studien rund 90 Prozent ihres Tages in geschlossenen Räumen. Dabei würden sie 10.000 bis 15.000 Schritte pro Tag gehen, wenn sie es denn dürften.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung