11.07.2020

Madonnenberg-Verein Schriesheim: "Wenn jetzt nichts passiert, schläft alles ein"

Seit knapp drei Jahren gibt es keinen Madonnenberg-Konvent mehr - Bürgermeister Höfer schiebt das auf Terminschwierigkeiten und Corona

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Seit Jahren hört man eigentlich wenig vom Madonnenbergverein. Es ist noch nicht so lange her, da war es die höchste Ehre, dort Pate zu sein, doch nun herrscht, auch coronabedingt, seit knapp drei Jahren absolute Funkstille. Mitte Oktober 2017 wurde Landes-Innenminister Thomas Strobl auf einem eher schlichten Konvent im damals noch existierenden "Kaiser" zum Ehrenpaten des Wingerts gekürt, aber dann kam nichts mehr. "Das lag an Corona. Der 30. März war fest terminiert, alles war schon gebucht", sagt fast entschuldigend Bürgermeister Hansjörg Höfer, der auch Vorsitzender des Madonnenbergvereins ist. Man habe ja einen nächsten Paten längst ausgewählt und hätte ihn auch gern der Öffentlichkeit präsentiert, aber die Pandemie hätte das verhindert.

Um wen es sich handelt, will Höfer nicht sagen: "Eine Person mit starkem Bezug zu Schriesheim." Man ahnt es schon: Dieser Mann ist hier aufgewachsen und erst unlängst in höchste Ämter aufgestiegen – aber sein Name wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Dass es eine fast dreijährige Pause gab, erklärt Höfer damit, dass sich beim restlos ausgebuchten Innenminister Strobl keine Termine finden ließen. Überhaupt wurde es "die letzten Jahre immer schwieriger, einen Zeitpunkt zu finden, an dem beide, der alte und der neue Ehrenpate, können", so Höfer. Nun habe man einen Termin im nächsten Jahr gefunden, eine coronabedingt kleine Konvent-Feier lehnt Höfer ab: "Ich möchte eine schöne Veranstaltung." Den Vorwurf, er betreibe den Madonnenberg samt Konvent eher lustlos, will er nicht gelten lassen: "Das ist mir schon eine Herzensangelegenheit. Die Lese und der Konvent mit ihrer herzlichen Atmosphäre machen jedes Jahr Freude."

Allerdings ist die Zukunft des Madonnenbergvereins samt Konvent durchaus eine brisante Angelegenheit. So wollten sich gegenüber der RNZ weder Alt-Landrat Jürgen Schütz noch Ex-Sparkassenchef Rüdiger Hauser äußern, von Alt-Bürgermeister Peter Riehl einmal ganz abgesehen. Alle drei sind als Beiräte dem Madonnenberg seit Jahrzehnten eng verbunden. Und wer von den Insidern der RNZ etwas sagt, tut es nur im Schutz der Anonymität: "Der letzte Konvent war ein Tiefpunkt. Da wurde im ,Kaiser’ gefeiert, weil der Zehntkeller noch nicht fertig war, und es sind nur sehr wenig Ehrengäste gekommen. Höfer hat nicht, wie einst Peter Riehl die Gabe, Persönlichkeiten einzufangen. Dabei war der Konvent früher ein gesellschaftliches Highlight für Schriesheim." Ein anderer Kenner der Materie, der namentlich nicht genannt sein will, meint: "Früher gab es das Dream-Team Schütz-Kretz (Anm. d. Red: Der langjährige Landrat des Landkreises Karlsruhe Claus Kretz war bis zu seinem Freitod 2007 Vorsitzender des Madonnenbergvereins), aber das ist Geschichte. Wenn es jetzt heißt, dass Corona den Konvent unmöglich gemacht hat, kann ich nur sagen: Auch vor Corona lief fast nichts mehr."

Der Wingert an sich wird zwar noch bewirtschaftet – dafür sorgt seit 2003 Werner Volk aus Leutershausen mit seinen Erntehelfern. Aber die Aktiven, die den Madonnenberg seit 1989 in mühsamer Handarbeit pflegten, wurden irgendwann zu alt oder sind mittlerweile, wie Heinz und Ludwig Mildenberger, verstorben – was auch Höfer zugibt. Aber auch der Madonnenbergverein an sich trifft sich nur noch "sporadisch", wie Vorsitzender Thomas Höhr auf RNZ-Nachfrage erklärt. Ein anderer Insider sieht das so: "Im Grunde ist der Madonnenbergverein tot." Für den Wein- und Sektverkauf werde kaum mehr Werbung gemacht, die Vereinsmitglieder würden nicht mehr regelmäßig informiert, es gäbe außer der Lese kaum mehr Aktivitäten im gesamten Verein – kurz: Alles sei ziemlich lustlos geworden. "Wenn jetzt nichts passiert, schläft das alles ein." Zumindest fürs Jahresende hat Höfer angekündigt, sich zusammenzusetzen und über die Zukunft des Madonnenbergvereins nachzudenken: "Ein Ende steht nicht zur Debatte."

Hintergrund: Der Madonnenberg, etwas nördlich vom Branich gelegen, ist eine alte Weinlage: Die erste Erwähnung von Weingärten im Gewann Vohbach datiert von 1250. Im Dreißigjährigen Krieg kam der Weinbau fast völlig zum Erliegen, erst 1832 erwarb das Neckarhäuser Grafengeschlecht von Oberndorff den Madonnenberg, rodete den Wald, legte die Terrassen an und setzte Rieslingstöcke. Aus dieser Zeit stammt auch die für die evangelisch geprägte Bergstraße ungewöhnliche Madonnenstatue – die von Oberndorffs waren katholisch –, die vorher im Neckarhäuser Schlossgarten gestanden hatte.

Schließlich erwarb der BASF-Chemiker Erwin Scharf 1934 den Hang und machte daraus eine Obstplantage; aus dieser Zeit stammt auch der markante Mammutbaum. Erst unter Wilhelm Grüber und seinem Schwiegersohn Jens Bartsch begann ab den sechziger Jahren wieder die Weinepoche, bis Bartsch 1980 aufgab und das Gelände 1988 an das Land verkaufte, das es an die Stadt weiterverpachtete: Der Großteil dieser Zwei-Hektar-Fläche sollte Naturschutzgebiet werden (schließlich siedeln in den Trockenmauern seltene Tiere und Pflanzen), ein Fünftel wurde für den historischen Weinbau genutzt, um den sich zunächst Ehrenamtliche kümmerten. 1989 wurden 1200 Rieslingstöcke gesetzt. Zeitgleich wurde auch der Madonnenberg-Verein gegründet. In einem Konvent werden seither meist einmal im Jahr prominente Ehrenpaten des Wingerts ernannt – wie die Politiker Klaus Töpfer (1997), Klaus Kinkel (2000), Erwin Teufel (2005) oder Winfried Kretschmann (2013). Viermal gab es auch Künstlerpaten, darunter 1999 den "Pur"-Sänger Hartmut Engler.

In die Schlagzeilen kam die 1997 im Naturschutzgebiet errichtete Holzhütte, für die das Landratsamt eine Baugenehmigung erteilt hatte, gegen die sich aber der Nabu beim Landtagspetitionsausschuss wehrte. Brisant: Der damalige Landrat Jürgen Schütz war Vorsitzender des Madonnenbergkuratoriums. Ende 1997 leitete die Mannheimer Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen "Veruntreuung öffentlicher Gelder" ein. Nach langem Streit wurde die Hütte dann doch abgebrochen und 2001 etwa 200 Meter entfernt wieder aufgebaut. hö

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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