16.08.2020

Heinz Kimmel kann gelassen sein - und loslassen

Heinz Kimmel kann gelassen sein - und loslassen

Gärtner, Kommunalpolitiker und vor allem Schriesheimer: Heinz Kimmel wurde unlängst 70 Jahre alt

Ein halbes Leben im Einsatz für „seine“ Stadt – und nun entspannter Ruheständler (wenn auch nicht ganz): Heinz Kimmel. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Heinz Kimmel hat die wunderbare Gabe, einfach loslassen zu können. So war es vor fünf Jahren, als er seinen traditionsreichen Betrieb an seine beiden Kinder Daniela und Florian übergab. Und so war es auch, als er im letzten Jahr nach 35 Jahren mit der Kommunalpolitik Schluss machte – obwohl er noch bei der Wahl 2014 Stimmenkönig (mit 5148 Stimmen) gewesen war. "Nein", sagt er, "ich vermisse das nicht." Vor wenigen Wochen, am 26. Juli, wurde er 70 Jahre alt. Und er gehört zu einer ganzen Riege von Schriesheimern – und dazu noch Schulkameraden und alles noch Freie Wähler –, die in diesem Jahr ihren runden Geburtstag feiern: Peter Grüber, drei Tage nach Kimmel, und Friedrich Ewald am 13. November. Mit ihnen hat er auch die Treue zu den Vereinen gemeinsam, im Falle Kimmels sind es Mitgliedschaften in allen drei Gesangsvereinen, den Schützen, dem Hundeverein, dem Verkehrsverein, den Reitern – und nicht zuletzt den Jagdhornbläsern, die ihm natürlich zu seinem Geburtstag auch ein Ständchen spielten. Und dank Peter Grüber ging es an diesem Tag auch im Planwagen drei Stunden lang durch die nähere Umgebung – eine feine Sache für einen, der diese Gegend so liebt.

35 Jahre Stadtrat und 16 Jahre Bürgermeisterstellvertreter

Dabei begann seine Politikkarriere bei den Freien Wählern eher unspektakulär: Ende der siebziger Jahre wurde er von den Freien Wählern angesprochen, ob er denn für sie kandidieren wolle. Da hatte er gerade selbst die Leitung des elterlichen Betriebs übernommen. Die Freien Wähler passten ihm, denn in eine Partei wollte er nicht ("Die CDU war auch mal an mir dran"). Aber sein Debüt auf einem hinteren Platz war mit 1300 Stimmen so überzeugend, dass ihn der spätere Ehrenbürger Peter Hartmann doch lieber weiter vorne auf der Liste haben wollte – und 1984 klappte es dann auch. Ziemlich genau die Hälfte seines bisherigen Lebens sollte die Kommunalpolitik sein Leben prägen, davon 16 Jahre, von 1993 bis 2009, als zweiter Vize-Bürgermeister seiner Heimatstadt. Er erinnert sich besonders gern an seine Zeit mit Peter Riehl – und er weiß noch heute genau, wie er vor vielen Jahren keine Ahnung hatte, ob und wie er das Schwimmbad wieder öffnen sollte, weil es technische Schwierigkeiten gab. Riehl sagte ihm nur: "Heinz, das ist allein Deine Entscheidung, Du bist verantwortlich." Also machte Kimmel im Rathaus Dampf, man schaffte bis zum Samstag durch, und um 12 Uhr hieß es dann: "Wir können heute um 16 Uhr aufmachen."

Solche Anekdoten zeigen ganz gut, dass Kimmel nie ein Freund der ausladenden Rede war, aber wenn es um etwas ging, konnte er auch energisch werden. Als Stadtrat half er mit, zwei Neubaugebiete aus der Taufe zu heben (Fensenbäume und Nord) – an das geplante Süd glaubt er im Moment nicht so recht –, nicht zu vergessen die Altstadtsanierung und der Neubau der Hübsch’schen Mühle ("Das war schon sehr schwierig"). Kimmel zählt das alles ohne Sentimentalität auf, denn er weiß auch: Politik ist nicht alles – wenn man immer noch einen Betrieb, vor allem aber vier Enkel hat. Und dann sein großes Hobby: neben den Enkeln die Blumen; das Kegeln hat er mittlerweile aufgegeben, auch wenn sich die Mannschaft immer noch trifft.

Den Kimmels liegt die Gärtnerei im Blut: Schon sein Großvater Christoph Kimmel war ein Kunstgärtner (heute würde man sagen Landschaftsgärtner) und kam aus Mannheim an die Bergstraße, um mit seiner Schriesheimer Frau an der Landstraße seinen Betrieb zu gründen. Kimmels Eltern übernahmen den dann, 1968 siedelten sie in die Schanz aus: "Das war damals freies Feld", erinnert er sich, "wir hatten damals zwei Gewächshäuser mit 1300 Quadratmetern". Die erste Zeit war hart: Die Investitionen gewaltig, die Zinsen ebenso – und manche Schriesheimer unkten, der neue Standort würde nie laufen – zu weit draußen. Aber heute weiß es Kimmel besser: "Das war damals die richtige Entscheidung." Und von den Erfahrungen, die er damals gemacht hat, profitiert er heute noch – zumal die Familie damals fest zusammenhielt und der junge Heinz Kimmel für wenig Geld ordentlich mit anpacken musste. 1973 machte er in Heidelberg seine Meisterprüfung, 1980 übernahm er den Betrieb, der stetig erweitert wurde.

An der Bundesgartenschau 1975 in Mannheim beteiligte sich der Betrieb an zwei Ausstellungen – und vielleicht gibt es ja in drei Jahren eine Wiederauflage, "wenn denn Gärtnereien daran beteiligt werden". Auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Berlin 2017 erhielt der Betrieb für sein Sortiment eine Goldmedaille.

Zu seinem 65. Geburtstag übergab er alles seinen beiden Kindern Daniela (geboren 1976) und Florian (geboren 1981), die beide die Familientradition fortsetzen wollten: "Ich habe nie Druck ausgeübt", versichert der Senior. Aber Hand aufs Herz, hat sein Betrieb nicht die Konkurrenz des neuen großen Raiffeisenmarktes gespürt? "Der tut uns nicht weh, die Sortimente sind nicht vergleichbar. Wir setzen auf eigene und regionale Herkunft unserer Pflanzen und die fachliche Beratung." Im Moment laufen die Geschäfte gut, und das hat auch ein bisschen mit Corona zu tun. Denn die Leute haben die Liebe zu ihren Gärten oder Balkonen entdeckt, aber andererseits fehlen auch wieder die Gestecke für Konfirmation, Kommunion oder Beerdigungen. Kimmel ist um seinen Berufsstand – im Moment sind in der Firma drei Gehilfen, eine Binderin und ein Lehrling beschäftigt – nicht bang: "Wir suchen Nachwuchs, gerade Floristen." Bliebe nur die Frage, wieso ein Mensch mit solch einem grünen Daumen nicht der geborene Winzer ist. Einmal abgesehen davon, dass Kimmel lieber Bier trinkt, erklärt er das so: "Das wäre zeitlich nicht zu vereinbaren, denn Gärtnerei und Wingert haben dieselben Arbeitsspitzen, im Frühjahr und im Herbst."

Und wie ging seine Familie mit der Doppelbelastung aus Politik und Unternehmen um? "Sie haben mich immer unterstützt, und bei jeder großen Entscheidung, ob ich ein Amt übernehmen soll, habe ich meine Frau gefragt." Seine Liselotte hat sich aus der Politik klugerweise immer herausgehalten, in gewisser Weise war das das "Privatvergnügen" Heinz Kimmels. Und wenn er manchmal nur drei Stunden Schlaf wegen der berüchtigten Gemeinderatsnachsitzungen beim "Franke Doktor" hatte, weil er frühmorgens zum Mannheimer Großmarkt musste, meinte sie nur: "Das ist Dein Schlaf."

Ihr Schmäh liegt an ihrer Herkunft: Als junge Frau kam sie aus Kärnten nach Schriesheim – und blieb. Aber als stolze Österreicherin gab sie ihre alte Staatsbürgerschaft nie auf, darf also nur bei Kommunal- und Europawahlen zur Urne gehen. Kimmel lächelt: "Ob sie mich gewählt hat, weiß ich nicht. Ich hoffe es mal."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung