01.10.2020

Branichtunnel Schriesheim: Auch ein Tunnel braucht mal den TÜV

Gerade ist der Branichtunnel nachts wegen Wartungsarbeiten gesperrt - Der größte Teil des Wunderwerks bleibt den Autofahrern verborgen

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Man gewöhnt sich so schnell an einen Tunnel – wie sehr, das merkt man erst dann, wenn er mal gesperrt ist. Wie gerade der Schriesheimer Branichtunnel. Denn zwischen 20 und 5 Uhr rollt der Verkehr noch bis Freitag wie einst durch die schmale Talstraße der Weinstadt an der Bergstraße, weil im Moment in der Röhre die routinemäßig anstehenden Reinigungs- und Wartungsarbeiten anstehen – wie jedes Vierteljahr. Das hört sich so an, als müsste nur das Reinigungsfahrzeug des Straßenbauamtes ein paar Mal durch die Röhre spritzen und fertig ist die Laube.

Aber weit gefehlt, die sauberen Wände sind nur das, was der Autofahrer sieht, aber mit die meiste Arbeit macht die ganze eingebaute Technik: "Lüftung, Beleuchtung, Brandmeldetechnik, Funk", zählt Benjamin May, der Herr der vier Tunnel des Rhein-Neckar-Kreises (Branich, Saukopf in Weinheim, Hollmuth in Neckargemünd und B 535 in Schwetzingen), auf, "das muss man sich so ähnlich wie den TÜV beim Auto vorstellen." Und so sind noch bis Freitag rund 30 Mitarbeiter der verschiedensten Firmen in dem gigantischen Bauwerk unterwegs, von dem die Autofahrer natürlich nur die Röhre kennen – aber sicher kaum den parallel verlaufenden Fluchtstollen und schon gar nicht die Zwischendecke mit ihren insgesamt 24 Lüftungsklappen. Die ist so hoch, dass die Mitarbeiter der Firma Hammer, die die Lüftung wartet, da durchradeln können, schließlich müssen sie fast 1,8 Kilometer von einem bis zum anderen Tunnelende zurücklegen. Die Ventilatoren werden nur einmal im Jahr kontrolliert, also ist im Moment sozusagen "großer TÜV", die Stromversorgung, die unterbrechungsfrei sein muss, ist alle sechs Monate an der Reihe, die Brandmelder und die Notrufanlage alle drei Monate. Dann ist auch die ansonsten verwaiste Kontrollwarte über dem Tunnelportal wieder voller Menschen, denn ansonsten arbeitet sie vollautomatisch. Aber sie muss auch nicht besetzt sein, denn alle Daten kann May auch auf seinem Dienstlaptop abrufen.

Am beeindruckendsten am westlichen Tunnelmund sind die beiden gigantischen Ventilatoren, die die Luft nach außen blasen (während die sieben Strahlenventilatoren im Osten für die Längsströmung sorgen), aber das Herz der gesamten Anlage ist die Stromversorgung, die so aufgebaut ist, dass etwas ausfallen kann – ohne dass die ganze Technik in die Knie geht. Und genau die macht Mucken, sorgt angesichts ständiger Alarmmeldungen bei May für schlaflose Nächte – allerdings, ohne dass etwas passiert. Aber seinen Ruf hat der Branichtunnel schon weg, im Moment der störungsanfälligste zu sein. Denn die Stromkosten sind auch der Hauptkostenblock des Tunnels: rund 15.000 Euro im Monat; wenn aufwändige Tests gemacht werden, also alle Gebläse angeworfen werden, kostet das noch einmal 5000 Euro extra. Überhaupt ist dieser Tunnel ein Wunderwerk der Technik: alle 150 Meter ein Hydrant, überall laufen Leitungen mit Sensoren, mal für Rauch, mal für Temperatur, mal für Gase.

Es ist an alles gedacht, sogar ein sogenanntes Havariebecken am westlichen Tunneleingang gibt es, hier läuft alles an Ölen oder Löschmitteln zusammen, im Moment sammelt sich hier das Abwasser der Reinigung – übrigens wirklich nur Wasser, wenn auch mit 250 Bar Druck gespritztes. Für die Autofahrer am wichtigsten ist der Fluchtstollen parallel zur Straßenröhre. In den kommt man durch eine Schleuse: Man macht die Tür auf – und egal, was im Tunnel passiert: "Hier ist man absolut sicher", weiß May. Dieser Fluchtstollen, in dem das Bergwasser sogar stalagtitenartige Kalknasen wachsen ließ (die werden auch beseitigt), hat ungefähr Zimmerhöhe, hier kann kein Rettungsfahrzeug durch – bis auf eines: das Quad samt Anhänger der Schriesheimer Feuerwehr.

Jetzt wäre es an der Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen: Die Kameras im Tunnel messen nicht die Geschwindigkeit, sie beobachten lediglich den Verkehr. Die Nothaltebuchten im und außerhalb des Tunnels sind wirklich nicht zum Rasten oder Telefonieren gedacht – auch wenn das relativ viele Autofahrer tun, wie May berichtet: 70 Alarme gibt es jedes Jahr, "manche Fahrer machen sogar Fotos". Und: Wer ein Problem hat, meldet sich am besten nicht übers Handy, sondern benutzt die Notrufkabinen. Wer nur die Tür der orangefarbenen Box am Tunnelmund öffnet, sorgt dafür, dass automatisch die Höchstgeschwindigkeit im Tunnel von 70 auf 50 Stundenkilometer reduziert wird. Und wer dann noch, falls es brennt, einen Feuerlöscher aus der Halterung nimmt, sperrt automatisch den Tunnel. Schabernack mit der Notrufkabine zu treiben, ist nicht ratsam: Denn sobald jemand die Tür geöffnet wird, richtet sich die Kamera auf ihn.

Und da wäre noch die Frage, wieso man im Tunnel keinen Handy- oder Radioempfang hat. Manchmal, je nach Netz, empfangen die Mobiltelefone doch noch Signale, "eventuell wird das umgerüstet", sagt May. Beim Radio ist das eine andere Sache: Im Tunnel kann man nur SWR 3, Radio Regenbogen und Big FM durchgängig hören – was daran liegt, dass die Sender nicht nur populär sind, sondern auch dafür bezahlen. Wer die RDS-Funktion seines älteren Autoradios anstellt, der hört zumindest die Durchsagen, bei neueren Modellen läuft eine Nachricht über das Display.

Und noch ein Mythos: Neue Tunnel sind nicht die unkompliziertesten. Es dauert, so sagt May, relativ lange, bis solch ein hochkomplexes Bauwerk richtig gut funktioniert. Während der Branichtunnel im Moment noch seine Kinderkrankheiten hat, läuft sein 2008 nachgerüstetes Gegenstück in Weinheim gerade richtig rund. Aber, auch das gehört zur Wahrheit: Gerade dann, wenn alles funktioniert, muss die Technik ersetzt werden, denn die hat nur eine Lebensdauer von 15 Jahren.

Ernsthafte Störfälle hat es bisher in keinem der vier Tunnel gegeben, sagt May: "Wir haben im Rhein-Neckar-Kreis wohl richtig gute Schutzengel."

Hintergrund: Kein Bauprojekt in Schriesheims Geschichte ist bedeutender, größer und teurer: 92 Millionen Euro wird der Branichtunnel am Ende kosten. Am 19. Juni soll er für den Verkehr freigegeben werden. Tags zuvor wird die Vollendung der 1796 Meter langen Röhre und ihrer Zufahrten gefeiert. Bis dahin blickt die RNZ in einer Artikelserie zurück, skizziert "den langen Weg zum Tunnel". Darin geht es um die Vorgeschichte ebenso wie um die einzelnen Bauphasen und Kurioses am Rande. cab

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung