30.10.2020

Lockdown in Schriesheim: Zwischen Zweckoptimismus und Frust

Die Schriesheimer Restaurants und Hotels bereiten sich auf Lockdown vor. Einige haben das Gefühl, Fehler anderer ausbaden zu müssen.

Von Philipp Weber

Schriesheim. Seit Mittwochabend ist es Fakt: Restaurants müssen vom kommenden Montag an und bis Ende November schließen. Hotels dürfen nur noch Gäste beherbergen, die zwingend reisen müssen – sei es dienstlich, sei es aufgrund familiärer Notfälle. Als die RNZ am Donnerstag um erste Stellungnahmen bat, reagierten Schriesheims Wirte verschieden. Doch eine Gemeinsamkeit gibt es: Alle hoffen auf Unterstützung durch die Politik – und die Bürger vor Ort.

"Angesichts der aktuellen Situation gibt es keinen anderen Ausweg. Gesundheit geht vor", sagt Fabian Gieser, Inhaber des Gasthauses "Zum Goldenen Hirsch". Den "Lockdown light" will er mit einem Liefer- und Abholservice überbrücken. Dabei setzt er auf die Stammgäste – und gibt sich optimistisch. "Die Gäste haben uns schon im Frühjahr unterstützt. Ich bin sicher, dass sie es wieder tun", sagt er.

Frank Knot, Geschäftsführer der Kaffee-Häuser in Schriesheim und Ladenburg, ist wütend: "Ich kann diese Maßnahme nicht verstehen, sie ist unverhältnismäßig. Die Gastronomie zählt zu Branchen mit den besten Hygienebestimmungen, muss aber nun schließen. Wer’s am besten macht, wird zum Dank geknüppelt." Er hätte es sinnvoll gefunden, den Bürgern eine konsequente Maskenpflicht zu verordnen. "Die Politik hätte jeden Haushalt mit denjenigen Masken versorgen können, die etwas bringen", sagt er. Zu den Gründen seines Frusts zählt auch die Lage seiner Angestellten: "Die sind jetzt angeschmiert." Zwar gebe es Kurzarbeitergeld. Rechne man jedoch die wegfallenden Trinkgelder ein, blieben am Ende vielleicht 50 Prozent der sonstigen Einkünfte. Ein Lieferservice scheidet beim Kaffee-Haus aus: Dieses lebt ja von seiner Funktion als Treffpunkt.

Jürgen Opfermann betreibt das Wirtshaus im Mühlenhof und die Gastronomie "Opfermann. Das Gasthaus". Politik und Behörden müssten im Moment menschliche Kontakte beschränken, um die Verbreitung des Erregers einzudämmen, analysiert er. "Da geht es jetzt zuerst in Richtung Freizeit – und da zählt die Gastronomie aus Sicht vieler dazu." Sein Wunsch ist, dass die Politik den Betrieben hilft. "Und dass die Bevölkerung sieht, dass sie ihre Wirte stärken muss." Nach dem Lockdown vom letzten Frühjahr sei es gerade erst gelungen, dem "zarten Pflänzchen Gastronomie" wieder zu etwas Wachstum zu verhelfen, sagt er. Wenn jetzt wieder eine lange Zeit der Schließungen kommt, könnten um die 50 Prozent der Betriebe "über die Wupper gehen", so der Gastronom mit vier Jahrzehnten Berufserfahrung.

Auch in der Zeit nach dem ersten Lockdown hätten Einnahmen gefehlt, so Opfermann: Seine Betriebe lebten zu 50 Prozent vom À-la-Carte-Betrieb und von Veranstaltungen. Letztere fielen dieses Jahr vielfach aus. Auch sonst sei das Jahr bisher ein "Ritt auf der Rasierklinge": Nur eine Infektion im Team hätte eine vorzeitige Schließung der jeweiligen Gastronomie ausgelöst, vom Imageschaden gar nicht zu reden. Auch er setzt nun auf Liefer- und Abholservices – und er will die Kurzarbeit so gering wie möglich nutzen. Schon allein, um die Mitarbeiter zu halten.

Werner Krämer, Geschäftsführer des Hotels und Waldgasthofs "Neues Ludwigstal", klingt enttäuscht: "Man tut, was man kann – aber was nützt das, wenn sich andere danebenbenehmen", spielt er auf "Maskenverweigerer" und wilde Partys an: "Hoffentlich reißen sich diese Leute jetzt zusammen, sonst muss der Handel als Nächstes schließen." Er und seine Verwandten müssen den Betrieb nun selber stemmen, für die Angestellten geht es in Richtung Kurzarbeit. Bei den Speisen gibt es einen Abholservice, Hotelgäste bekommen ihr Essen aufs Zimmer serviert. Krämer befürchtet, dass noch mehr Firmen ihre Leute zu Hause lassen als im Frühjahr. Die Situation sei unbefriedigend – auch und gerade für die Mitarbeiter.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung