01.11.2020

Wie vier Flüchtlinge bei der Bäckerei Heiß ausgebildet werden

Wie vier Flüchtlinge bei der Bäckerei Heiß ausgebildet werden

Bäckerei Heiß hat vier Flüchtlinge als Auszubildende angestellt - Religionen und Nationalitäten spielen bei der Arbeit keine Rolle

Bäcker Stefan Heiß (M.) mit seinen Mitarbeitern (v.l.): Fazal Sahak, Ali Tahir, Khawri Abdulgahar und Nabi Haidari. Foto: Dorn

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Sie sind Christen und Muslime – und doch spielt ihre Religion im Umgang miteinander keine Rolle. Intoleranz? Von wegen. "Hier in der Backstube wird viel gelacht", sagt Bäckermeister Stefan Heiß von der gleichnamigen Schriesheimer Bäckerei in der Heidelberger Straße.

"Wir kommen gut miteinander klar – es gibt immer Spaß. Und wir haben einen guten Chef. Er ist wie ein bester Freund", sagt Khawri Abdulgahar, einer von vier Auszubildenden, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen und bei Stefan Heiß und seiner Frau Renate einen Arbeitsplatz bekamen. "Irgendwann standen sie nacheinander vor der Tür und haben gefragt, ob sie arbeiten könnten", schildert der Bäcker.

Nabi Haidari war der erste Azubi. Der 35-Jährige ist seit 2013 im Land, verbrachte davor zwei Jahre in Griechenland und kam unter zum Teil lebensbedrohlichen Umständen – unter anderem auf dem Dach eines Lastwagens – über Italien und Frankreich nach Deutschland. Er sei in Afghanistan geboren, jedoch im Iran aufgewachsen, erzählt er. Dort wurde er als Christ verfolgt, ging zurück nach Kabul und konnte auch dort nicht bleiben. Zu Fuß schaffte er es wieder in den Iran, von dort ging es weiter. Die Familie ist zerstreut, ein Bruder lebt in der Türkei, eine Schwester im Iran.

Seit einem Jahr ist er Facharbeiter – ein Beispiel für die drei anderen, die diese Prüfung noch vor sich haben. Dass sie die anstreben, steht außer Frage. Der Wille ist da, allerdings auch der Druck: Alle vier kamen nicht offiziell über ein Lager ins Land und haben somit keinen Flüchtlingsstatus, sondern lediglich eine Duldung. Sie unterliegen der "Drei-plus-zwei-Regelung". Diese besagt, dass ein Geflüchteter, der eine Ausbildung in Deutschland begonnen hat und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, die Ausbildung abschließen und eine zweijährige Anschlussbeschäftigung ausüben kann, wenn sein Asylantrag abgelehnt wird. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist jedoch ein Ausbildungsvertrag. Wenn ein Asylbewerber frei von Sozialleistungen ist und sich nichts zuschulden kommen lässt, kann die Duldung verlängert werden. Das wird jährlich neu überprüft.

Alle vier haben bereits mehrere Verhandlungen hinter sich. Dabei hieß es, dass eine Rückkehr nach Kabul zumutbar sei, schildert Heiß. "Wenn die Situation besser wäre, würden wir auch wieder zurück. Wenn wir dort einfach ein normales Leben führen könnten", sagt der 24-jährige Khawri Abdulgahar, Spitzname "Abdul". Er ist Muslim, half auf den Feldern der Familie und in einer Garküche. Nach der Schule blieben zwei Optionen: Taliban oder Soldat werden, hier oder dort sein Leben riskieren. Seine Familie verpachtete die Felder, gab den Schleppern 5200 Dollar. Abdul war 48 Tage über Land unterwegs, genau wie der 26-jährige Ali Tahir aus Pakistan, der Schiit ist und deshalb um sein Leben fürchtete.

Auch der 25-jährige Afghane Fazal Sahak, der noch sechs Monate lang die Universität besuchen konnte und ein Ingenieurstudium begonnen hatte, floh zu Fuß und im mit 16 Personen hoffnungslos überfüllten Auto. Im September 2015 kam er schließlich nach Deutschland. Die jungen Männer sind dankbar, dass ihnen Bäcker Heiß die Möglichkeit einer Lehre gegeben hat. "Es ist schon eine Aufgabe", sagt Stefan Heiß, der seine Schützlinge auch zu Ämtern begleitet und ihnen bei Anträgen hilft.

"Das Aufenthaltsrecht ist so kompliziert, dass Flüchtlinge jemanden brauchen, der sie an der Hand nimmt", sagt Heiß. Dankbar ist er für die Hilfe von Naim Bachtiar, dem Inhaber der Schneiderei in der Kirchstraße. Er spreche die Sprache der Azubis und unterstütze sie bei Formalitäten. "Ich bin froh, dass ich sie habe", betont Heiß: "Sie entlasten uns, und deutsche Azubis sind sehr rar." Bäcker wolle kaum jemand lernen. Seine Lehrlinge seien indes fleißig und strebsam, "voll integriert", wie der Bäcker zufrieden feststellt.

Abdul ist im dritten Lehrjahr und hat die Prüfung im nächsten Frühjahr vor sich, so es denn unter Corona-Bedingungen möglich ist, sich auf der Berufsschule in Weinheim das theoretische Wissen anzueignen. Nach dem Lockdown im vergangenen Frühling waren die Schüler dem Vernehmen nach wochenlang ziemlich auf sich allein gestellt – irgendwann habe es dann mal Fragebögen gegeben, die er ausdrucken sollte, sagt Stefan Heiß.

Nabi Haidari hat eine Wohnung im Haus von Familie Heiß, Abdul wohnt ebenfalls in Schriesheim. Fazal Sahak, genau wie Ali Tahir im zweiten Lehrjahr, lebt in einer städtischen Wohnung in den Fensenbäumen, Ali in Dossenheim. Beide suchen nun dringend eine gemeinsame Wohnung, um aus dem Wohnheim rauszukommen. "Es ist dort sehr laut, und sie müssen ja früh raus", schildert Heiß. Wer einen Tipp hat, kann sich gern in der Bäckerei melden.

In ihrer Freizeit gehen Ali Tahir und Fazal Sahak ins Fitnessstudio. Nabi Haidari spielt Fußball, Gitarre und kocht. Er will den Führerschein machen, was nicht ganz einfach sei. Deutsch zu lernen, sei schwer, meint Abdul, der Fahrrad fährt, kocht und backt. Nicht nur die Schrift sei anders, sondern auch die Fachbegriffe wären überall verschieden. Aber das Leben hier mache Freude, Anfeindungen hätten sie in der Region noch keine erleben müssen, sagen sie. Nur die Familien sind eben weit weg. Kontakt halten sie über soziale Netzwerke, so das Internet in der Heimat denn funktioniert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung