17.11.2020

Wegen des Dauerbrummens organisieren sich jetzt Betroffene

Wegen des Dauerbrummens organisieren sich jetzt Betroffene

Schriesheim mit Blick auf den Branich und die Strahlenburg. Archiv-Foto: Dorn
Susanne Klug ist mit ihrem Leiden nicht allein - Jetzt gibt es eine Initiative - Die Forschung steckt allerdings noch in den Kinderschuhen

Von Marco Partner

Schriesheim. Sich Gehör verschaffen gegen den Lärm. Gemeinsam, mit vereinter Stimme. Lange fühlte sich Susanne Klug mit ihrer Notlage ziemlich allein auf weiter Flur. Die Schriesheimerin leidet an einer besonderen akustischen Empfindsamkeit: der Wahrnehmung von tieffrequentem Schall, worüber die RNZ bereits am 22. Juli berichtete. Sie hört mitunter kilometerweit entfernte Anlagen, deren Wummern und Brummen ihr nachts den Schlaf rauben. Ein leidiges Phänomen, das wohl häufiger vorkommt als gemeinhin angenommen. Ob aus Weinheim, Heidelberg oder Schriesheim: Inzwischen hat Klug viele Leidensgenossen und Mitstreiter in der Region gefunden. Als Initiative "Brummton Rhein-Neckar" möchte man das sensible Thema nun verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Eigentlich wollte sich die Initiative mit sechs aktiven Mitgliedern und über 40 Mitstreitern bereits im November gründen. Aufgrund der Corona-Pandemie hat man es aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Für die in Altenbach lebende 61-Jährige ist der Tenor an ähnlichen Erfahrungen von Edingen-Neckarhausen bis Heppenheim aber jetzt schon ein großer Rückhalt. "Vor zwei Jahren hätte ich es mir gar nicht vorstellen können, öffentlich darüber zu reden", gesteht sie. Oft nämlich werde das Gehörte als Spinnerei abgetan, rätselte Klug selbst, ob sie sich das alles nur einbildet. Seit Jahren aber ist sie sicher, dass die Luftlinie vier Kilometer entfernte Malzfabrik die Quelle ihrer Ruhestörung ist.

Bis weit über die Kirchturmspitze schrauben sich die Straßen im Schriesheimer Ortsteil Altenbach hinauf. Im Garten der Familie Klug mit Blick auf das Weite Tal hört man Hundegebell, die Sägearbeiten eines Nachbarn, und auch der Verkehr vom Branichtunnel sowie der Autobahn schallt wie ein Grundrauschen hinauf. Das ist es aber nicht, was Susanne Klug stört. "Nicht ortskundige Menschen haben den Eindruck, dass die Lärmquelle von unserem Haus zu weit weg wäre. Jedoch ist auch die Live-Musik des Mathaisemarkts trotz kilometerweiter Entfernung noch sehr gut hörbar", sagt sie.

Zu Monatsbeginn wurden in der Wohnung der Altenbacherin vom Gewerbeaufsichtsamt in Kooperation mit der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) Messungen unter Einbeziehung der Malz-Anlagen durchgeführt. Das Ergebnis steht noch aus. Doch unabhängig von diesem Resultat wirbt Klug für eine größere Aufmerksamkeit. Inzwischen hat sie auch dank einiger Studien und dem Austausch mit zahlreichen Professoren, Politikern und Experten die Gewissheit, dass die Zunahme des tieffrequenten Schalls bundesweit ein Problem ist.

Zahlreiche Studien wie zum Beispiel der 2017 erschienene Leitfaden "Tieffrequente Geräusche im Wohnumfeld" vom Umwelt-Bundesamt belegen die steigenden Beeinträchtigungen durch Brummtöne in den niederen Frequenzen. Meist sind stationäre Geräte wie Luftwärmepumpen, Klein-Windkraftanlagen, Heizungs- und Lüftungsanlagen oder Klima- und Kühlgeräte die Verursacher. Hinzu kommt eine zunehmende dezentrale Energieversorgung, wie Biogasanlagen oder Windräder. Und doch steckt gerade die Forschung auf diesem Terrain noch in den Kinderschuhen, wie Klug erfahren hat. Häufig erfassen die Messungen nur Frequenzen bis zu 100 Hertz. Der tieffrequente, und nur von drei bis fünf Prozent der Bevölkerung wahrgenommene Schall aber kreist um Werte von zehn Hertz.

Eine neue Experimentalstudie des Bundesumweltamtes betrachtet die 61-Jährige mit gemischten Gefühlen. Diese kam zu dem Ergebnis, dass Infraschall durchaus eine Belästigungswirkung habe, diese aber "um oder unter der Wahrnehmungsschwelle" liege und somit "nicht zu unmittelbaren körperlichen Reaktionen" führe. "Aber die Beschallungsdauer betrug dort nur mehrere Stunden. Die Langzeitwirkungen und gesundheitlichen Folgen wurden gar nicht berücksichtigt", so Klug, die seit Jahren an Schlafstörung, Kopfschmerzen und Herzflattern leidet.

"Der Schwerpunkt liegt oft auf Infraschall und Windanlagen. Aber das erfasst nicht die ganze Thematik", so Klug. Der tieffrequente Schall sei ein Vibrieren, das vom ganzen Körper wahrgenommen wird. Auch Spezialfenster oder Kopfhörer können das drückende Geräusch nicht stumm schalten. Daher würde sie sich wünschen, dass die Forschung nicht nur das Schallphänomen anerkennt, sondern sich gezielter einer möglichen Schallminderung am Immissionsort zuwendet. "Es muss mehr möglich sein, als nachts Tabletten einzunehmen", betont Klug.

Mit der Gründung der "Brummton-Initiative" möchten die Betroffenen auch darauf hinwirken, dass tief tieffrequenter Schall schon in der Anlagenplanung mehr Beachtung findet, gezielte Tests durchgeführt und die Grenzwerte angepasst werden. "Wenn die Anlagen erst einmal stehen und rund um die Uhr laufen, wird man sie kaum abschalten. Und für die Betroffenen ist es unheimlich schwierig, das wahrgenommene Geräusch zu lokalisieren. Viele wissen nicht, was sie plagt, es ist schwer ermittelbar", spricht Susanne Klug aus eigener Erfahrung.

Info: Wer sich der "Brummton-Initiative" anschließen möchte oder ähnliche Erfahrungen mit tieffrequentem Schall gemacht hat, kann sich an Susanne Klug wenden: Sie ist zu erreichen per Telefon: 06220/912987 oder per E-Mai an: klug.susanne@t-online.de.

Hintergrund: Ist die Malzfabrik der Verursacher?

Am 21. Oktober konfrontierte Susanne Klug auch die Kommunalpolitik mit ihrem Leiden an tieffrequentem Schall (siehe Artikel rechts). Sie hatte, so berichtete sie in der Einwohnerfragestunde, sich mehrfach an die Stadt gewandt, denn für sie liegt es auf der Hand, dass ein Hauptverursacher ihres Problems die Malzfabrik Kling ist. Gerade mit dem Bau eines Blockheizkraftwerks verschärfte sich ihr Problem noch. Die Situation werde ja mit der geplanten Wohnbebauung auf dem Gelände des Kreisaltenheimes nicht einfacher. Zudem forderte Klug die Stadt auf, "Position zu beziehen", sprich: die Firma stärker zu kontrollieren. Zugleich bemängelte sie, dass der tieffrequente Schall momentan nicht durch Grenzwerte erfasst wird.

Bürgermeister Hansjörg Höfer antwortete Klug, dass er wisse, dass es "wenige Betroffene" gebe, aber dennoch ein Problem bestehe. Er habe sich an die Malzfabrik, aber auch ans Landratsamt gewandt und erfahren, dass der Betrieb den Richtlinien entspreche. Dort sei viel unternommen worden, um die Geräuschbelästigung zu reduzieren. Er verwies darauf, dass es auch aus der Nachbarschaft der Fabrik Klagen wegen anderen Lärms gebe, aber auch hier: "Alle Grenzwerte sind eingehalten." Die Firma habe eine ordnungsgemäße Zulassung. Unterdessen will sich die Stadt zusammen mit Weinheim, wo es ebenfalls Betroffene geben soll, um ein Gutachten bemühen – was aber nicht einfach sei. Das zeige, dass man Klugs Anliegen ernst nehme. (hö)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung