19.11.2020

Ist die Autobahn A5 jetzt lauter als vor der Sanierung?

Ist die Autobahn A5 jetzt lauter als vor der Sanierung?

Die A5 bei Schriesheim. Foto: Dorn
Die Anwohner empfinden die Lärmbelästigung der Autobahn als unzumutbar. Sie haben die neuen Betonwände im Verdacht. Die zuständige Behörde sieht jedoch keinen Handlungsbedarf.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Für Annette Dosch und Winfried Plesch sowie weitere 15 Anwohner aus dem Fröchweg in den Fensenbäumen ist die Sache klar: Seit der Sanierung der A5 im Sommer ist es so laut geworden, dass alle von einer eindeutigen Verschlechterung ihrer Lebensqualität sprechen. Sie hoffen auf eine Lärmschutzwand – aber dafür sieht das Regierungspräsidium keine Chance.

Die Situation: Vom Fröchweg bis zur A5 sind es Luftlinie nur etwa 650 Meter. Von der Autobahn weht ein Grundrauschen des Verkehrs, von Lastern vernimmt man eine Art Dröhnen. Natürlich wissen auch die Bewohner, dass es die A5 schon lange vor ihren Häusern gab: Sie wurde 1968 gebaut, die ersten Gebäude in den Fensenbäumen kamen erst 1996, die Reihenhäuser im Fröchweg sogar erst 2008. Seit dieser Zeit wohnt auch Plesch hier: "Als wir vor über elf Jahren hierherzogen, haben wir die Lärmsituation ganz genau analysiert: Es ist zwar nicht ideal, aber die meiste Zeit doch erträglich." Doch das änderte sich seit der Baustelle vor einigen Monaten: "Es ist deutlich lauter, so deutlich haben wir die Lastwagen vorher nicht gehört. Die Qualität des Lärms hat sich mehr in Richtung Dröhnen verändert." Dann fragte Plesch in der Nachbarschaft herum, ob das denn nur sein eigener Eindruck sei. Und er erfuhr: Es geht auch anderen so.

Weil man im Fröchweg zusammenhält und sich kennt, war die neuerliche Lärmbelästigung das große Thema, insgesamt 17 Anwohner taten sich zusammen. Bei einem Termin in Pleschs Garten sagt beispielsweise Maren Zinser: "Neuerdings höre ich die Autobahn auch bei geschlossenem Fenster." Auch sie sagt: "Nach dem Ende der Bauarbeiten war es deutlich anders als vorher." Wolfgang Götzinger pflichtet ihr bei: "Auch nachts ist es deutlich lauter und intensiver." Vor allem das Dröhnen der Lastwagen ist ein Problem, das Brummen der Autos redete sich Plesch lange als Meeresrauschen schön. Aber nun sagt er: "Es ist unerträglich, draußen zu sitzen."

Woran es liegen könnte: Annette Dosch hat die neuen Betonleitwände im Verdacht. Denn außer einem neuen, angeblich schallmindernden Belag wurde ja an der A5 nichts verändert. Möglicherweise reflektieren die Betonplanken den Schall in Richtung Fensenbäume – gerade beim vorherrschenden Westwind. Zusätzlich verstärkt wird der Effekt, weil die Autobahn etwas höher liegt als das Baugebiet.

Was die Anwohner fordern: Am liebsten wäre ihnen eine Lärmschutzwand (oder ein Erdwall) – wovon "ganz Schriesheim profitieren würde", wie Annette Dosch meint. Falls das nicht möglich sein sollte, wollen die Anwohner die alten Metallleitplanken und den begrünten Mittelstreifen zurück: Die Betonleitwände sollen also weg. Und wenn das abgelehnt wird, können sich die Fröchweg-Nachbarn einen lärmmindernden Überzug für den Beton vorstellen. Ganz unabhängig davon fordern sie Tempo 100 für Pkws und Tempo 60 für Lkws vom Heidelberger bis zum Weinheimer Kreuz; Tempo 100 gebe es ja schon südlich von Heidelberg – und zwar aus Lärmschutzgründen. Plesch wird fast sarkastisch: "Eigentlich müssten wir auf einen sechsstreifigen Ausbau der A5 bestehen. Denn dann ist eine Lärmschutzwand Pflicht."

Wie die Anwohner bisher vorgegangen sind: Erst korrespondierte Plesch mit dem Regierungspräsidium, schilderte seine Situation und die Forderungen der Anwohner. Zugleich kontaktierten sie Bürgermeister Hansjörg Höfer – bisher ohne Erfolg. Vom Ordnungsamt erhielten sie immerhin die Auskunft, dass eine Autobahn Sache des Bundes sei. Schreiben gingen auch an die Landes-Lärmschutzbeauftragte, das baden-württembergische Gesundheits- und das Verkehrsministerium, alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten und die Fraktionen im Gemeinderat – bis auf wenige Ausnahmen ohne Reaktion.

Wie das Regierungspräsidium die Situation beurteilt: Grundsätzlich wird der Lärm an stark befahrenen Straßen nicht gemessen – was die Fröchweg-Anwohner als ungerecht empfinden –, sondern errechnet: "Grund hierfür ist, dass bei einer Messung Störgeräusche, Wind- und Witterungsverhältnisse, Staus, Umleitungsverkehre und so weiter einen erheblichen Einfluss auf das Messergebnis haben können und diese Messergebnisse aus den zuvor genannten Gründen nicht repräsentativ sind", erklärt die Sprecherin der Regierungspräsidiums, Irene Feilhauer. Die letzte Lärmberechnung stammt von 2017, also vor der A5-Sanierung; in eine neue würde dann aber das Resultat der Sanierung einfließen. Generell geht die Behörde davon aus, dass es mit der neuen Fahrbahndecke eher leiser geworden sein müsste: Bei einer Überprüfung wurden zwei Dezibel weniger als beim alten Belag gemessen. Also irren sich die Anwohner? Feilhauer glaubt eher, dass diese sich an den geringeren Lärm während der Baustelle gewöhnt hätten – denn da galt schließlich ein Tempolimit: "Eventuell könnte das höhere Lärmempfinden der Anwohner in dem Vergleich der bauzeitlichen Lärmbelastung mit der nach der Verkehrsfreigabe begründet sein."

Liegt das Mehr an Lärm an den neuen Betonleitwänden? Das Regierungspräsidium meint nein. So sei der Lärmeffekt der 81 Zentimeter hohen Wände errechnet worden – die Lärmbelastung "war aufgrund der großen Entfernung des Wohngebiets an den Gebäuden rechnerisch nicht mehr nachweisbar und bewegt sich demzufolge im dreistelligen Nachkommabereich". Menschen können aber erst Geräusche ab drei Dezibel hören. Und wegen dieser Berechnungen "ergibt sich, dass ein Überzug keine Vorteile hinsichtlich der Lärmbelastung mit sich bringen kann".

Wieso gibt es in diesem Bereich der A5 keine Lärmschutzwand? Als sie gebaut wurde, gab es noch nicht das Bundesimmissionsschutzgesetz, das erst 1974 in Kraft getreten ist und das erstmals das Thema Schall aufgriff. Für den Lärmschutz von Neubaugebieten, die nach 1974 in der Nähe von bestehenden Straßen errichtet wurden, sei, so Feilhauer, nicht das Regierungspräsidium zuständig, sondern die Kommune, die schließlich auch die Neubaugebiete ausgewiesen habe. Das Regierungspräsidium geht davon aus, "dass bei der Ausweisung des Baugebiets auch seitens der Stadt kein Lärmschutz erforderlich war."

Was müsste passieren, dass es hier eine Lärmschutzwand gibt? Eigentlich hilft nur, wie die Anwohner vermuten, ein sechsstreifiger Ausbau der A5. Denn dann gelten andere Grenzwerte: tags 59 Dezibel und nachts 49 Dezibel. Aktuelle Berechnungen – unter Berücksichtigung des zugenommenen Verkehrs und der Schallreflexion durch die Betonleitwände – hätten aber nur knapp über 55 Dezibel am Tag und knapp über 50 Dezibel in der Nacht ergeben. Um an der bisher vierspurigen Autobahn doch Lärmschutzwände zu errichten, müssten ganz andere Werte erreicht werden: 64 Dezibel am Tag und 54 in der Nacht. Mit anderen Worten: momentan kein Handlungsbedarf. Es sei denn, die Stadt würde ganz freiwillig doch eine Wand bauen – wonach es aber nicht aussieht.

Ist ein Tempolimit eine Option? Eigentlich nicht, meint das Regierungspräsidium. Denn dafür muss entweder eine klare Gefahrenlage, also eine bestimmte Unfallhäufigkeit, vorhanden sein, was aber die Daten der Polizei nicht hergeben. Auch das Argument "Lärmbelästigung" zieht in diesem Fall nicht. Denn dafür müssten Werte von mindestens 70 Dezibel am Tag und 60 in der Nacht erreicht werden – und davon sei man in den Fensenbäumen weit entfernt. Insofern verbietet sich, so Feilhauer, ein Vergleich mit der Situation an der A5 bei Eppelheim. Kurzum: "Im Ergebnis ist somit festzuhalten, dass die Voraussetzungen für eine Geschwindigkeitsbeschränkung für alle Verkehrsteilnehmer des überregionalen Autobahnverkehrs mit den damit einhergehenden negativen Effekten von Fahrzeitverlusten und der Beeinträchtigung der Verkehrsfunktion der Bundesautobahn hier nicht gegeben sind."

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Anwohner des Fröchwegs, Annette Dosch, Maren Zinser, Wolfgang Götzinger, Hans Menne und Winfried Plesch (v.l.), beschweren sich. Fotos: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung