26.11.2020

Wie man mit Mut zum Improvisieren zur Corona-Schwerpunktpraxis wird

Wie man mit Mut zum Improvisieren zur Corona-Schwerpunktpraxis wird

Valentin Jöckel nimmt in der neu eingerichteten „Infekt-Ambulanz“ Corona-Abstriche vor. Diese ist räumlich von der restlichen Hausarztpraxis im Dok:Tor getrennt. Foto: Dorn
Die Hausärzte Cornelia und Kai Wachter funktionierten kurzerhand den Dok:Tor-Veranstaltungssaal um

Schriesheim. (hö) Die Weinstadt ist auf ihre Art ein "Coronahotspot" – und zwar weniger wegen der Zahl der gemeldeten Fälle (am Mittwoch waren es 25), sondern wegen der innovativen Art und Weise, wie Hausärzte mit den neuen Herausforderungen der Pandemie umgehen: Der Bauwagen in der Schillerstraße, in dem das Team von Alexander Tecl Abstriche vornimmt, aber auch die hausärztliche Gemeinschaftspraxis im Dok:Tor (Ladenburger Straße) hat sich einiges einfallen lassen, um Corona-Patienten zu versorgen.

Wie Cornelia und Kai Wachter berichten, begann alles mit einer an sich zwingenden Idee – und einer provisorischen Umsetzung. Denn schnell war klar, dass man die Corona- von den anderen Patienten trennen müsste. Gerade bei diesen hochinfektiösen Personen "sind die Abstriche nicht so sehr das Problem, sondern die Untersuchung und Behandlung", erklärt Cornelia Wachter.

Und so nutzte das Ehepaar Wachter zusammen mit dem Kinderarzt Christian Beck den 140 Quadratmeter großen Veranstaltungsraum im zweiten Dok:Tor-Gebäude in der Römerstraße um: Aus ihm wurde Mitte März eine Coronaambulanz, eine der ersten in der Region. Der Saal sah dann mit seinen beiden Zelten, in denen die Lungen der Patienten abgehört wurden, ein bisschen nach Feldlazarett aus, und auch Cornelia Wachter gesteht: "Wir haben schon die Luft angehalten, dass das alles klappt." Aber immerhin war das Hauptziel erreicht: Die Coronainfizierten waren vom Rest der Patienten räumlich isoliert, die Praxis konnte ganz normal weiterarbeiten – die Einbrüche wie bei anderen Hausarztkollegen blieben aus: Denn hier konnte sich jeder sicher sein, nicht mit Covid-19-Infizierten in einem Wartezimmer zu sitzen. Und zudem: Hier war man nicht auf Bauwägen oder Abstrichfenster angewiesen, die Leute konnten im Warmen sitzen. "Wir waren mit die einzigen, bei denen auch in Innenräumen die Hygieneregelungen eingehalten werden konnten", erklärt Kai Wachter, denn der Veranstaltungssaal war sowohl belüftet als auch klimatisiert. Was natürlich half, war der Umstand, dass die Wachter-Praxis mit sieben Ärzten und 20 Angestellten ungewöhnlich groß ist.

Doch im September endete das Provisorium auf der anderen Straßenseite, inzwischen konnte das Ehepaar Wachter die Räume eines Kollegen, der nicht ständig vor Ort ist, nutzen: Jetzt gibt es im selben Gebäude, nur einen Stock höher, eine eigene Coronaambulanz, die drei bis vier Stunden am Tag besetzt ist. Rund 40 Patienten – etwa so viel wie bei Tecl – finden jeden Tag ihren Weg hierher, und als die RNZ vorbeischaute, hatte Valentin Jöckel gerade Dienst, der täglich wechselt. Jöckel sieht in seinem Ganzköperschutzanzug so aus, wie man sich Infektiologen vorstellt, routiniert macht er den Abstrich. Übrigens ist diese ausgelagerte Praxis nicht nur für Corona-Patienten gedacht, sondern für alle mit Infektionskrankheiten, also im Moment auch für die Grippe. Deswegen heißt sie auch "Infekt-Ambulanz".

Cornelia und Kai Wachter sind sich sicher: Das wird die Zukunft sein, denn ansteckende Krankheiten werden die Menschheit auch dann noch begleiten, wenn Corona längst Geschichte ist: "Die Menschen sind heute so mobil, da wird jeder Krankheitserreger eingeschleppt." Daher planen sie etwas – auch überregional – Einzigartiges: eine eigene professionell eingerichtete Infektionspraxis mit strengem Hygienekonzept. Die soll in der Römerstraße entstehen – dort, wo jetzt noch Parkplätze sind (und was als Dok:Tor-Erweiterungsfläche vorgesehen ist). Die Kassenärztliche Vereinigung hat solche Schwerpunkt-Einrichtungen für Infektionskrankheiten gefordert. Im nächsten Jahr sollen die Pläne angegangen werden, der Anbau könnte dann in etwa zwei Jahren stehen.

So wurde das Ärztepaar Wachter seit Corona eher unfreiwillig Experte in Sachen Ansteckungskrankheiten; denn zu Beginn der Pandemie hatten sie, wie die meisten ihrer Berufskollegen, kein besonderes Expertenwissen. Und bereits heute sind sie dank ihres Konzepts Anlaufstelle für Patienten aus der gesamten Region.

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Im Veranstaltungsraum wurden zwei Zelte aufgebaut, um die Corona-Patienten untersuchen und behandeln zu können. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung