16.12.2020

Ruheforst: Der Schriesheimer Bestattungswald kommt 2021

Ruheforst: Der Schriesheimer Bestattungswald kommt 2021

Bürgermeister Hansjörg Höfer und „Ruheforst“-Geschäftsführer Jost Arnold (r.) unterzeichnen den Vertrag über den Bestattungswald. Foto: Dorn
Der Vertrag mit "Ruheforst" ist unterzeichnet. Auf die Stadt kommen keine Folgekosten zu und Wanderer haben weiterhin ungehinderten Zugang.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Fünf Jahre ist es her, dass der ehemalige Grüne-Liste-Stadtrat Heinz Waegner die Idee eines Bestattungswaldes ins Spiel brachte. Nun, nach kontroversen Diskussionen, ist es so weit: Bürgermeister Hansjörg Höfer und "Ruheforst"-Geschäftsführer Jost Arnold unterzeichneten am Montag den Vertrag: Die Firma pachtet auf 99 Jahre das 30-Hektar-Grundstück unterhalb der Kipp in Altenbach an. Vor einem halben Jahr hatte der Gemeinderat nach denkbar knapper Abstimmung sein Plazet gegeben.

Damals war es noch unklar, welche Firma den Zuschlag erhalten sollte, denn es gab zwei Anbieter: "Friedwald" aus Griesheim bei Darmstadt, 2001 gegründet, und "Ruheforst" aus Erbach im Odenwald, 2003 gegründet. Beide sind in etwa gleich groß: "Friedwald" hat bundesweit 74 Standorte, "Ruheforst" 69. Beide Firmen, so Höfer, hätten vergleichbare Angebote vorgelegt, am Ende hätten sich die Stadträte für "Ruheforst" entschieden – auch wegen der geografischen Nähe. Der nächstgelegene "Ruheforst"-Standort ist Bad Dürkheim.

Schon im nächsten Jahr will Arnold loslegen. Zentraler Eingang (und Parkplatz) wird auf der Kipp sein; hier soll auch eine Bio-Toilette – also ohne Wasser- und Abwasseranschluss – gebaut werden. An dem Waldgebiet mit seinem Buchen- und Eichenbestand will "Ruheforst" nicht viel ändern: Die meisten Wege gebe es bereits, vielleicht werden ein paar Pfade zu den Bäumen, an denen die Urnen vergraben werden, angelegt. Eine klassische Trauerhalle ist nicht vorgesehen, sondern nur ein Kreuz mit ein paar Bänken drum herum – es soll ja möglichst naturnah zugehen. Deswegen wird es auch keine Mauer und keinen Zaun geben – aber eine Friedhofssatzung und -ordnung. Wanderer können also wie gewohnt durch den Wald spazieren. Die bekommen im besten Fall nur durch die Hinweistafeln mit, dass sie in einem Bestattungswald unterwegs sind, denn die Nummern und Namensplaketten sind vom Weg abgewandt. Die angeblichen Probleme mit dem steinreichen Boden hält Arnold für nicht so gravierend: "Der Untergrund ist eher lehmig, die Urnen müssen ja nur 80 Zentimeter tief gegraben werden."

In Bestattungswäldern gibt es nur eine Form der Bestattung: mit der Urne, die aber biologisch abbaubar ist. Im Gegensatz zu den Friedhöfen können sich die "Kunden" ihren Baum selbst aussuchen. Und sie liegen hier auch länger als anderswo, nämlich 99 Jahre (und nicht, wie auf Friedhöfen nur 20 Jahre). Relativ günstig ist es zudem noch: Ein Platz an einem Gemeinschaftsbaum – in etwa vergleichbar mit einem Reihengrab – kostet zwischen 500 und 1500 Euro, hinzu kommt ein Beisetzungsentgelt von etwa 3000 Euro. Totgeborene Kinder werden hier kostenlos bestattet. Und nicht zuletzt: Die Bestattungswälder haben eine viel größere Kapazität als Friedhöfe. Von den insgesamt 30 Hektar an der Kipp sind vielleicht 60 Prozent, also 18 Hektar, nutzbar. Pro Hektar gibt es etwa 100 Bestattungsbäume, unter denen jeweils bis zu 15 Personen beigesetzt werden können – das wären rechnerisch über 20.000 Urnen alleine hier. Aber zunächst will das Unternehmen "mit zwei oder drei Hektar" (Arnold) beginnen.

Aber wieso Schriesheim? "Wir wollen dort hin, wo viele Menschen leben", begründete Arnold die Standortwahl. "Im Rhein-Neckar-Gebiet ist die Situation ideal, Menschen und Natur sind hier nah beieinander." Das Einzugsgebiet der in einem Ruheforst Bestatteten liege in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern, so Arnold. Man habe auch mit vier anderen Kommunen in der Umgebung verhandelt, aber am überzeugendsten sei der Altenbacher Standort gewesen.

Der immer wieder geäußerten Befürchtung, die Stadt habe nichts vom Bestattungswald, traten Höfer und Arnold entgegen: Die gesamte Verkehrssicherungspflicht im Wald – also den Schutz der Besucher vor herabfallenden Ästen – trage "Ruheforst"; die Firma ist auch für den Unterhalt der Toiletten verantwortlich. Zudem erhalte die Stadt Pacht für den Bestattungswald – man hört von 6000 Euro im Jahr –, deutlich mehr, als bisher seine Bewirtschaftung einbringt: "Die Holzpreise sind momentan im Keller", so Höfer. Er betonte, dass "auf die Stadt keine Folgekosten zukommen". Und Arnold erinnerte an die "Umwegrendite" für Schriesheim und Altenbach: "Die Besucher wollen ja etwas essen und trinken, vielleicht auch übernachten." Insofern habe diese Einrichtung auch einen touristischen Effekt.

Aber macht solch ein Bestattungswald den städtischen Friedhöfen, die alle defizitär sind, nicht doch Konkurrenz? Arnold meint nein: "Die einen wollen auf den Friedhof mit seinen vielen Bestattungsformen; die anderen wollen in die Natur – da gibt es keine Schnittmengen. Kurz: Da wird den Friedhöfen nichts weggenommen." Zumal Bestattungswälder im Moment eher eine Nische sind: 19 Prozent der Deutschen können sich solch eine Form der letzten Ruhe vorstellen, acht Prozent werden auch tatsächlich in einem Wald bestattet.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung