28.01.2021

Ein denkwürdiger Tag für Andreas Stoch

Ein denkwürdiger Tag für Andreas Stoch

Andreas Stoch (2.v.r.) besuchte mit Sebastian Cuny (2.v.l.) den Jüdischen Friedhof, über den ihn Monika Stärker-Weineck informierte. Auch Bürgermeister Hansjörg Höfer begrüßte den Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion. Foto: Dorn
Der SPD-Landtagsfraktionschef besuchte am Mittwoch die Bergstraße und erlebte, wie sich Schriesheim seiner Geschichte stellt.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Für seinen Bergstraßen-Besuch hatte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Andreas Stoch, einen ungewöhnlichen, aber denkwürdigen Tag ausgesucht: den 27. Januar, an dem seit 25 Jahren der NS-Opfer gedacht wird. Zunächst war er zusammen mit dem SPD-Landtagskandidaten Sebastian Cuny in Weinheim, wo der ehemalige Schuldekan Albrecht Lohrbächer über den Freundeskreis Ramat Gan, der israelischen Partnerstadt, berichtete. Danach besuchten Stoch und Cuny den Jüdischen Friedhof in Schriesheim, über den Monika Stärker-Weineck führte – was sie normalerweise am "Tag des offenen Denkmals" im September macht.

Hier wurden nicht nur von 1874 bis 1935 jüdische Schriesheimer begraben, sondern hier wird auch der nach Gurs Deportierten gedacht: 2004 gestaltete ein Kunstkurs des Gymnasiums das Mahnmal mit den drei zerbrochenen Davidsternen. Denn damals waren nur drei Schriesheimer bekannt, die am 22. Oktober 1940 in das südfranzösische Lager verschleppt wurden: Julius und Mina Fuld – als die letzten in Schriesheim verbliebenen Juden waren sie 1939 nach Feudenheim gezogen – sowie Ludwig Oppenheimer. Mittlerweile weiß man, dass es neun Personen waren – auch wenn diese zu dieser Zeit nicht mehr in Schriesheim lebten. Von ihnen überlebten nur drei, darunter das Ehepaar Fuld. Bei der Einweihung des Mahnmals vor 16 Jahren war, eher zufällig, auch eine Enkelin der Fulds anwesend.

Für Cuny ist immer noch bemerkenswert, dass die relativ späte Schriesheimer Erinnerungskultur – sie gibt es seit noch nicht einmal 20 Jahren – mittlerweile "von der Bürgerschaft getragen wird". Auch Bürgermeister Hansjörg Höfer sagte, dass "die Aufarbeitung unserer Geschichte ein wichtiges Anliegen sei" – und zwar für den Gemeinderat wie für die Bürger: "Wir können der nächsten Generation sagen, dass die Verfolgung der Juden hier in Schriesheim genauso stattgefunden hat wie in den großen Städten." Stoch sagte, dass die "Toleranz ein Grundpfeiler der Demokratie ist – wie wir gerade wieder bemerken". Und er erinnerte daran, dass vor vier Jahren die AfD-Landtagsfraktion die baden-württembergischen Fördergelder für die Gedenkstätte in Gurs streichen wollte: "Das zeigt, wes Geistes Kind sie ist." Für Stoch ist es ein Anliegen, dass die Erinnerung an die NS-Zeit und ihre Opfer lebendig gehalten wird: "Wir müssen daraus lernen."

Wie das in Schriesheim funktioniert, konnte Stoch auf dem Weg vom Jüdischen Friedhof zur Kriegopfergedenkstätte erleben: In der Heidelberger Straße 5 wurden im April 2012 die ersten Stolpersteine der Stadt verlegt: Acht erinnern an die Familien Marx und Maier. Erwin Maier, der sich in die USA retten konnte, hielt als begeisterter Fußballspieler auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch als GI Kontakt zu seinen Sportfreunden vom SVS. Überhaupt erstaunte es Cuny, wie verwurzelt und heimatverbunden viele Schriesheimer Juden waren – auch wenn keiner später wieder an die Bergstraße zog.

An der Kriegsopfergedenkstätte berichtete Stärker-Weineck von dem langen Weg ihrer Sanierung und Umgestaltung, die mit der Einweihung am Volkstrauertag 2006 ihr Ende fand: "Das war ein ziemlicher Kampf." Und der begann, so Stärker-Weineck, mit der mühevollen Rekonstruktion der Namen aller Kriegsopfer aus Schriesheim – es sind mittlerweile 258 Gefallene und Vermisste aufgeführt – und ging bis zur konkreten Gestaltung der Tafel für die 32 NS-Opfer, die für einige Kommunalpolitiker damals deutlich zu groß ausfiel.

Stoch kennt so etwas aus seiner Heimatstadt Heidenheim auch. Denn von dort stammt Erwin Rommel, an den ein Denkmal erinnert. Um das gab es ganz ähnliche Diskussionen wie in Schriesheim – zumal auch dort eines "Helden" gedacht wurde; denn den Stein hatten 1961 die Überlebenden von Rommels Afrikakorps gesetzt. Im letzten Juli war die Umgestaltung des Areals beendet: Es gibt nicht nur, wie in Schriesheim, eine Erklärtafel, sondern auch ein neues Denkmal, das an die Minenopfer erinnert: Schließlich hatte Rommel in Ägypten Hunderttausende von Minen verlegen lassen.

Stoch meint: "Ich bin sehr dankbar, wie sich die Erinnerungskultur entwickelt hat: Man sollte solche Denkmäler nicht ausblenden, sondern ihnen unsere heutige Auffassung entgegensetzen."

Info: Demokratie und Europa stellt SPD-Landtagskandidat Sebastian Cuny in den Mittelpunkt seiner vierten Themenwoche. Beim Videogespräch am heutigen Donnerstag, 28. Januar, um 20 Uhr mit der SPD-Bundestagskandidatin Elisabeth Krämer – sie organisiert als Walldorfer Stadträtin Kundgebungen gegen die "Querdenker" – geht es um aktuelle Herausforderungen an die Demokratie (Anmeldung per E-Mail an: anliegen@sebastian-cuny.de).

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung