05.02.2021

Die Fastnacht fällt dieses Jahr komplett aus

Die Fastnacht fällt dieses Jahr komplett aus

Die Prunksitzung des GV Liederkranz Schriesheim im Jahr 2018 im katholischen Pfarrsaal – hier das „Tschakalaka“-Frauenballett – war wohl die vorerst letzte. Foto: Dorn
Auch im Internet gibt es keinen Ersatz - Die Vereine haben im Moment ganz andere Sorgen - Niemand weiß, ob und wie es 2022 weitergeht

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Weinstadt ist mathaisemarktbedingt keine besondere Hochburg der Fastnacht. Und doch hält insbesondere in Altenbach der MGV Liederkranz die närrische Fahne hoch. In der Kernstadt organisierte immerhin der KSV seinen Liederfasching, und der GV Liederkranz hatte im letzten Jahr eine vereinsinterne Veranstaltung, die "Schloofkittel-Party", im Programm. Doch dieses Jahr gibt es nichts – noch nicht einmal im Internet.

> MGV Liederkranz Altenbach: Eigentlich wäre für diesen Samstag die Prunksitzung in der Mehrzweckhalle geplant gewesen – die 42. des Vereins. Nur zweimal musste der MGV das beliebte Event absagen: 1991 (wegen des Golfkriegs) und 2019 (wegen des erforderlichen, aber unbezahlbaren Sicherheitspersonals vor der Halle). 2020 waren an jenem 15. Februar noch 250 Gäste, darunter etliche aus Schriesheim und Wilhelmsfeld, in der Halle, wie sich Vorsitzender Jürgen Fitzer erinnert. "Damals gab es Corona nur im Fernsehen. Wir hatten auch diskutiert, ob man überhaupt feiern konnte – aber es gab damals keine Vorgaben, darauf zu verzichten. Also konnten wir noch einmal richtig feiern und es krachen lassen." Die Prunksitzung war ein großer Erfolg, was auch am Programm lag: "Zu 95 Prozent Altenbacher", sagt Fitzer, es gab nur einige "Importe", zum Beispiel aus Ziegelhausen. Der Besuch in den letzten Jahren war ziemlich stabil, gerade jüngere Leute kamen gern.

Doch in diesem Jahr wird es keine Auflage geben, auch nicht im Internet: "Wir hatten uns im Sommer ein paar Gedanken gemacht, ob es eine Online-Prunksitzung geben könnte", sagt Fitzer, "aber das hat sich mit dem zweiten Lockdown erledigt: Wir konnten ja für die Tanz- und Gesangsnummern nicht proben – das wäre auch gegen die Coronabestimmungen gewesen. Also war schnell klar, dass das nicht geht." Außerdem wäre eine Online-Sitzung ein zu großer finanzieller Kraftakt gewesen – und das auch noch in Konkurrenz zu den Wiederholungen der Fernsehprunksitzungen. Außerdem findet Fitzer: "Präsenz ist einfach nicht zu ersetzen." Und so hofft er auf 2022 – wenn auch ohne Euphorie: "Im Moment kann ich mir auch im nächsten Jahr noch keine volle Halle vorstellen." Dazu kommt, dass man auch im nächsten Jahr wahrscheinlich ein Hygienekonzept brauchen wird – mit weniger Besuchern. Fitzer ist sich sicher: "Die Pandemie wird uns noch 2022 beschäftigen."

Ansonsten müht sich der Verein, alle 120 Mitglieder (davon 35 Sänger) bei der Stange zu halten, denn seit elf Monaten gab es keine richtige Probe mehr, aber immerhin gab es bis dato keine Austritte. Doch zugleich fehlen im Moment alle Möglichkeiten, sängerischen Nachwuchs zu werben, denn alle Aktivitäten – bis auf den Kontakt per Brief oder E-Mail – liegen auf Eis. Zugleich stehen einige organisatorische Veränderungen an: Der Liederkranz hat im Moment keinen Chorleiter, und eigentlich will sich Fitzer, wie auch der Zweite Vorsitzende, Frank Kunkel, nicht mehr zur Wiederwahl stellen.

Am meisten sorgt sich Fitzer im Moment darum, dass es für die Sänger momentan keine Perspektive, sprich: Auftrittstermine gibt. Es ist zur Zeit sogar unmöglich, für die toten Mitglieder am Grab zu singen: "Das ist emotional sehr schwierig für uns. Der MGV hat bereits ein Mitglied infolge von Corona verloren, "da bekam die Pandemie ein Gesicht", so Fitzer.

> KSV: Die Kinderfastnacht gibt es "schon sei Jahrzehnten, seit mindestens 25 Jahren", sagt KSV-Vorsitzender Herbert Graf. Gerade letztes Jahr war der Andrang mit 450 Gästen so groß, dass man zusätzliche Tische aufstellen musste. Sonst hängt der Zuspruch vom Wetter ab: Ist es schön, dann gehen viele Kinder mit ihren Eltern zu den Fastnachtsumzügen in der Region. Generell gibt es keine Pläne, in Zukunft es mit dem Kinderfasching sein zu lassen: "Wir wollen weiterhin für die Kinder da sein, es gibt für sie sowieso zu wenig Veranstaltungen", meint Graf. Aber auf die Idee, in diesem Jahr Ersatz im Internet anzubieten, sei er "ehrlich gesagt nicht gekommen".

Dass es den Kinderfasching gibt, hatte mit einer Erwachsenen-Veranstaltung zu tun: Die Fastnachtsbälle früher waren kein großer Erfolg, daraus wurde später eine Mallorca-Party. Und wenn schon mal die Mehrzweckhalle dekoriert war, könnte man auch was für die Kinder anbieten. Ein großer Karnevalist ist Graf selbst nicht: "Als Schriesheimer ist meine Fastnacht der Mathaisemarkt." Und doch: Seine Frau lernte er vor über 40 Jahren auf einem Faschingsball kennen – in Dossenheim.

> GV Liederkranz Schriesheim: Botschafter der Fastnacht in der Kernstadt ist der Liederkranz, aber die Zeiten sind auch ohne Corona härter geworden. 2018 gab es nach 30 Jahren die letzte Prunksitzung im katholischen Pfarrsaal, denn der Zehntkeller war nach seiner Sanierung für den Verein nicht mehr zu nutzen – weil die Nebenräume als Garderobe weggefallen waren. Doch langsam löste sich das Männerballett aus Altersgründen auf – und ohne das hatte eine große Prunksitzung für den Liederkranz-Vorsitzenden Klaus Urban keinen Sinn mehr. Auch bei den Büttenreden sah es mau aus – und aus dem Internet wollte sich Urban keine besorgen. 2020 machte man nach einem Jahr Pause deutlich kleiner mit einer "Schloofkittel-Party" weiter. Und wahrscheinlich wird es auch bei diesem kleinen Rahmen bleiben. Doch die Prunksitzungen "fehlen vielen sehr", weiß Urban, "es gibt sehr viele Rückmeldungen aus dem Publikum".

Dabei hatte Schriesheim durchaus eine Fastnachtstradition, wie sich Urban erinnert: "Im ,Rose’-Saal war jahrzehntelang bei den Bällen die Hölle los. Es gab sogar Preise für die besten Kostüme." Hier lernte übrigens 1965 Peter Riehl seine spätere Frau Evelyn kennen. Später, wohl in den siebziger Jahren, wurden daraus dann die Bälle in der Mehrzweckhalle, die gemeinsam mit anderen Vereinen organisiert wurden. Aber der Zuspruch ließ bald nach: "Die Leute sind satt, 14 Tage später ist ja schon der Mathaisemarkt", so Urban. Und natürlich rächte sich in gewisser Weise, dass Schriesheim keinen Fastnachtsverein hat, der dem närrischen Treiben eine feste Struktur gibt – und auch beim GV mit seinen knapp 40 Aktiven ist das Singen, und nicht etwa der Karneval, Vereinszweck.

Denn im Grunde hat der Liederkranz auch andere Sorgen: Urban fürchtet, dass der fast einjährige Lockdown Schleifspuren hinterlassen wird: "Ich habe große Angst davor, dass uns etliche Sänger wegbrechen. Aber ich hoffe, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen. Im Moment jedenfalls sehen wir kein Licht am Ende des Tunnels." Im Moment sei das Vereinsleben "tote Hose", so Urban; er rechnet auch nicht damit, dass sich bis Ostern die Aktiven wieder treffen können – und das im Jahr des 180. Vereinsjubiläums. Deswegen wird es auch in diesem Jahr keinen Fastnachtsersatz per Internet geben: "Auf diese Idee sind wir noch gar nicht gekommen. Wir haben nichts vorbereitet", sagt Urban.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung