23.02.2021

Frisöre erhielten zahlreiche unmoralische Angebote

Die Ungeduld auf den Montag: Friseure sind in den Startlöchern - Überbrückungshilfen schwer zu beantragen

Von Max Rieser

Schriesheim. Es waren haarige Zeiten in den letzten Monaten. Und das wortwörtlich. Seit die Friseure am 16. Dezember lockdownbedingt schließen mussten, wuchsen die Matten. Ab dem nächsten Montag, 1. März, darf endlich wieder geschnippelt werden. Die zehn Friseure in Schriesheim waren allerdings schwer zu erreichen. Bei den meisten waren die Leitungen noch tot, oder es ging nur der Anrufbeantworter dran. Bei den anderen klingelt das Telefon ohne Unterlass: "Es ist richtig, richtig toll", sagt Isabell Schnaubelt, die Inhaberin von "Hair & Make-Up Isabell": "Ich kriege jetzt Anfragen auf allen Kanälen. Instagram, Facebook und Telefon, und jetzt können die Termine vergeben werden." Denn die braucht man. Spontane Haarschnitte sind verboten, um die Kontaktnachverfolgung lückenlos zu gewährleisten.

Auch Sharam Tadayonis Telefon steht nicht mehr still. Er leitet den Friseursalon Sharam und sagt: "Die ersten Wochen sind schon komplett ausgebucht." Fatlume Mahmuti vom Friseursalon "Fatlume" gibt sich eher vorsichtig optimistisch: "Klar, das ist eine große Erleichterung, und wir sind froh. Aber es wird bestimmt noch schwerer als nach dem ersten Lockdown, weil die Regeln noch strenger werden." So müssen sowohl Friseure als auch Kunden während des Schneidens eine OP- oder FFP2-Maske tragen. Gesichtsbehandlungen sind tabu, und es darf nicht trocken geschnitten werden. Außerdem darf nur eine bestimmte Anzahl von Kunden pro Quadratmeter im Laden sein, was auch den Umsatz vorerst einschränkt.

Viele Kunden wollten die Wiedereröffnung der Salons nicht abwarten. Unmoralische Angebote waren keine Seltenheit. Schnaubelt, die mehrmals die Woche in ihrem Geschäft den Anrufbeantworter abhörte, berichtet: "Es waren jedes Mal mehrere Anfragen dabei, ob ich trotz allem Termine vergebe oder zu den Leuten nach Hause kommen kann. Aber das macht man natürlich nicht, und ich finde es absolut unverantwortlich, den Friseuren solche Angebote zu machen." Sie verwundern auch die häufigen Meldungen über Kollegen, die dann doch Hausbesuche nutzen, um die Verbote zu umgehen. Verständnis hat sie für dieses Verhalten absolut nicht.

Im Salon "Fatlume" kamen die Anfragen über eine andere Stelle. Mahmuti hatte, um eine neue Mitarbeiterin zu suchen, einen Aushang im Schaufenster, auf den sich zwar leider keine Bewerberinnen meldeten, wohl aber Kunden, die versuchten, sie auf diesem Weg zu einem Haarschnitt zu überreden. Tadayoni bat die Kunden um Geduld und erinnerte sie teilweise auch schriftlich daran: "Wenn wir uns alle daran halten, können wir schneller wieder aufmachen. Das ist für alle das Beste."

Lange musste die Branche auf staatliche Hilfen warten. Erst ab dem 11. Februar war die Beantragung für Überbrückungshilfen für Friseure überhaupt möglich. Es werden schnelle Auszahlungen versprochen. Mit Blick auf das Tempo der Novemberhilfen für Gastronomie und Einzelhandel kann man da schon skeptisch sein. Auch die Hürden für die Hilfen stoßen auf Unverständnis. Schnaubelt, die ihren Laden erst im November 2019 eröffnete und damals viel geringere Umsätze als 2020 erzielte, hat kaum Chancen auf die Überbrückungshilfe für Dezember.

Mahmuti würde sich eine Vereinfachung wünschen: "Es wäre besser, es würde schnell ausgezahlt und danach genau geprüft und Zahlungen, die zu viel waren, zurückgefordert." Denn die Zahlungen werden nur aufgeschoben. So hat etwa Sharam Tadayoni die Miete für seinen Salon und andere Fixkosten gestundet. Dadurch verschwinden die Kosten allerdings nicht, der Umsatz jedoch bleibt aus. "Der Unternehmerlohn fällt weg, meine Auszubildende muss ich selbst weiter bezahlen. Wenn wir im März nicht wieder hätten öffnen dürfen, wäre es heftig geworden", gibt Schnaubelt zu bedenken. Sie fühlt sich ein Stück weit im Stich gelassen.

Auf ihre treue Kundschaft konnten sich die Friseure aber verlassen: "Wir haben viele E-Mails bekommen, in denen Stammkunden gefragt haben, ob sie helfen können und Gutscheine gekauft haben. Auch ich und mein Team haben viele Kunden angerufen, um ihnen zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben", freut sich Tadayoni.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung