27.02.2021

Wormser Schausteller: Kerngeschäft ist seit dem Mathaisemarkt 2020 weggebrochen

Hoffen auf die zweite Jahreshälfte: Schausteller Sebastian Göbel über Feste unter Auflagen und die Belastung seiner Branche

Von Carsten Blaue

Worms/Schriesheim. Eigentlich würden Sebastian Göbel und sein Team in den Startlöchern stehen, um mit ihren Sattelschleppern das Riesenrad "Grand Soleil" nach Schriesheim zu transportieren und dort auf dem Festplatz für den Mathaisemarkt aufzubauen. Doch das erste große Frühlingsfest der Region, das immer Anfang März stattfindet, ist längst abgesagt. Die Coronakrise machte Schaustellern schon im vergangenen Jahr mächtig zu schaffen. Auch dieses Jahr gilt bislang nur das Prinzip Hoffnung – und das nur für die zweite Jahreshälfte. "Für das erste Halbjahr sind wir sehr pessimistisch, dass Feste in traditioneller Form stattfinden können", sagt der Geschäftsführer der Wormser Schaustellungsbetriebe Göbel auf RNZ-Anfrage.

Er fürchtet dramatische Folgen für seine Branche und das Brauchtum, wenn es noch monatelang so weitergeht. Vielleicht würden im Frühjahr wenigstens wieder Alternativveranstaltungen gehen, wenn die Infektionszahlen fallen, sagt Göbel. Er erinnert an Feste, die wieder unter bestimmten Hygieneauflagen stattfinden könnten, wie etwa "Fun & Food" in Mannheim. Oder die mobilen Freizeitparks "Nibelungenland" in Worms oder "Barbarossaland" in Kaiserslautern, die Göbel ausrichtet. Konkrete Planungen gebe es aber nicht, "da es auch noch keine Lockerungsperspektive gibt", so Göbel.

Auch wenn er hofft, dass es Traditionsveranstaltungen wie die Weinheimer Kerwe im August oder den Dürkheimer Wurstmarkt im September gibt, kann er sich momentan nicht vorstellen, dass sie wie in normalen Zeiten gefeiert werden. Volle Weinzelte sieht Göbel jedenfalls nicht. "Ich hoffe allerdings, dass bis dahin Feste in der Größe mit bestimmten Hygienekonzepten veranstaltet werden können."

Er habe zwar schon ein paar Verträge erhalten. "Allerdings steht überall ein dickes Fragezeichen hintendran." Viele Veranstalter würden erst mal abwarten. Bad Dürkheim werde seines Wissens nach erst Anfang Juli entscheiden. Da hat er Recht. Bürgermeister Christoph Glogger hat angekündigt, dass der Stadtrat spätestens in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause am 6. Juli einen Beschluss zum Wurstmarkt fasst.

Bis dahin rechnet Göbel mit weiteren Absagen, nachdem schon die Fastnachtsmärkte in Mannheim und Mainz ausgefallen sind und zum Beispiel auch die Frühjahrsmesse in Speyer nicht gefeiert wird. Neben Schriesheim hätten zudem in nächster Zeit auch Gelnhausen oder Leonberg auf Göbels diesjähriger Route gelegen. "Unser Kerngeschäft ist schon seit dem Mathaisemarkt 2020 völlig weggebrochen", betont er. "Seitdem hangeln wir uns von Alternativkonzept zu Alternativkonzept und konnten damit zumindest das letzte Jahr bis November überbrücken. Allerdings konnten wir damit keinen Gewinn erwirtschaften, geschweige denn neue Rücklagen bilden, sondern allerhöchstens die Verluste reduzieren. Seit November sitzen wir nun komplett ohne Umsatz da."

November- und Dezemberhilfe gingen an Göbels Betrieb fast komplett vorbei, da dieser im Jahr 2019 knapp 90 Prozent seines Umsatzes in diesem Zeitraum im Ausland erwirtschaftet und damit keinen Anspruch auf die Unterstützung hatte. "Obwohl alles versteuert wurde", so Göbel.

Zudem würden die Überbrückungshilfen nur bedingt helfen, da nicht alle Fixkosten angerechnet würden, wie zum Beispiel nur zur Hälfte die Abschreibungen, "quasi unsere monatlichen Darlehenstilgungen". Wenn zudem kein Euro Umsatz zu verzeichnen sei, könne man die restlichen Kosten auch nicht tragen. "Die über Jahre angesparten Rücklagen lösen sich rasend schnell auf", sagt Göbel.

Von seinen 20 festangestellten Mitarbeitern sei der größte Teil zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Die übrigen sind es zum Teil, um die Fahrgeschäfte instand zu halten. Das Kurzarbeitergeld, so Göbel, helfe, um Kündigungen zu vermeiden. "Auf längere Sicht ist es aber eine deutliche Belastung für die Mitarbeiter, gerade wenn bei einigen Kredite zurückgezahlt werden müssen." In der gesamten Branche sei die Lage ähnlich dramatisch.

"Irreparable Schäden" für die Schausteller seien zu befürchten, wenn der Lockdown noch lange anhält. Zudem seien die Traditionsveranstaltungen dann dauerhaft gefährdet. Er führe viele Gespräche, um seine Riesenräder an verschiedenen Standorten nach dem Lockdown wieder betreiben zu können, sagt Göbel. Aber Lockerungen seien eben nicht in Sicht. Dennoch wird er die Hoffnung nicht verlieren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung