27.02.2021

A5/Schriesheim: Lärmschutzbeauftragter macht wenig Hoffnung auf schnelle Abhilfe

Online-Sprechstunde von Uli Sckerl: Der Krach auf der Autobahn betrifft die ganze Bergstraße.

Schriesheim. (hö) Der Schriesheimer Winfried Plesch ist nicht allein: Überall an der Bergstraße ist der Autobahnlärm ein Thema – und am schlimmsten ist es dort, wo der Fahrbahnbelag saniert wurde: Der Asphalt wurde da durch haltbareren Beton ersetzt. Zumindest ist das das Hauptergebnis einer Internetsprechstunde des grünen Landtagsabgeordneten Uli Sckerl am Donnerstagabend mit dem Landeslärmschutzbeauftragten Thomas Marwein, seinem grünen Landtagskollegen aus Offenburg.

Plesch hatte im November die Debatte angestoßen ("auf der Terrasse ist es unerträglich") und bekräftigte noch einmal: "Dass es lauter geworden ist, ist keine Sinnestäuschung, sondern Fakt. Das zeigt auch die große Resonanz auf unsere Initiative." Denn offizielle Stellen hatten stets bestritten, dass die Sanierung zu mehr Lärm geführt hat – und verwiesen auf ihre Berechnungen, die aber keine Messungen sind. Auch Sckerl bestätigte aus eigener Anschauung die Leiden Pleschs: "Über diese Probleme kann man nicht hinwegdiskutieren. Man muss den Beschwerden nachgehen und Abhilfe schaffen." Die Frage ist nur, was man jetzt machen kann – und was für die Lärmbelästigung von der sanierten A 5 verantwortlich ist: Ist es der Betonbelag? Sind es die neuen Gleitwände, auch aus Beton? Oder der Westwind?

Experte Marwein schenkte gleich zu Beginn der Videokonferenz mit bis zu 40 Teilnehmern reinen Wein ein – und der war ziemlich bitter: Dem Land sind bei solchen Fragen die Hände gebunden, der Lärm und seine Grenzwerte sind Sache des Bundes. Und die aktuelle Bundesregierung mache keinerlei Anstalten, etwas im Sinne der Betroffenen zu verändern. Und auch die A 5-Sanierung kam vom Bund. Hoffnung auf den Rückbau der neuen Fahrbahn oder der Gleitwände konnte Marwein nicht machen – zumal er davon ausgeht, dass "der Beton fachmännisch eingebaut wurde". Allerdings sei der nun mal lauter als Asphalt – auch wenn es erste Studien für lärmärmeren Zement gebe. Und die neuen Leitplanken dienten vor allem der Verkehrssicherheit. Zudem höre er zum ersten Mal, dass diese für die Anwohner ein Problem seien. Von daher: "Es wird keine schnelle Lösung geben" – es sei denn, die Bundesregierung tue endlich was, indem beispielsweise die Grenzwerte nach unten gesetzt werden. Kurz, so Marwein: "Die Sanierung beruht auf Recht und Gesetz. Aber die Gesetze werden woanders gemacht als im Land."

Die Zuschauer wiederum bestätigten Pleschs Beobachtungen. Der Ladenburger Matthias Kordell hatte "das Gefühl, ich habe einen Getriebeschaden", als er über den sanierten Autobahnabschnitt fuhr. Reiner Edinger aus Heddesheim hört die Bahnlinie nicht mehr, weil die A 5 lauter ist. Er findet: "Das kann so nicht bleiben" und fordert Tempo 100 von Heidelberg bis zum Weinheimer Kreuz – wie auch Konrad Mallison aus Großsachsen, der mit der geplanten Fahrbahnsanierung bei Hirschberg ähnliche Probleme wie in Schriesheim befürchtet. Marwein ist sich aber sicher, dass das "so gebaut wird wie in Schriesheim". Ein Tempolimit sei nicht in Sicht: "Das ist eine Heilige Kuh, da muss viel passieren." Einmal abgesehen davon, dass eine Höchstgeschwindigkeit von 100 nur die relativ leisen Pkws betreffe; die besonders lauten Laster fahren ja weiter 80 – wenn sie sich dran halten. Da wären häufige Kontrollen fast effektiver: "Das spricht sich in Fernfahrerkreisen schnell herum."

Und was ist mit Pleschs Forderung nach Lärmschutzwänden? Auch da sieht es nicht sehr hoffnungsvoll aus. Denn es sei fraglich, ob die hoch genug wären, um den Schall auch wirklich abzuhalten – und zweitens errichte die der Bund "nach Kassenlage". Also alles vergeblich, was Plesch an Diskussionen angestoßen hat? Vielleicht doch nicht. Denn offenbar wollen sich die Bürgermeister der Bergstraßengemeinden nun zusammentun, wie Sckerl berichtete. Der aus Schriesheim, Hansjörg Höfer, war immerhin per Computer der Runde zugeschaltet. Nun, so Sckerl, bestehe die Chance, dass die Politik erkennt, dass an der Bergstraße die Hütte brennt – wenn sich die Region zusammenschließt und mit der neuen Autobahngesellschaft redet. Die ist, wer hätte es geahnt, eine des Bundes.

Update: Freitag, 26. Februar 2021, 19.45 Uhr
Kretschmann und der "Brüllbeton" waren Thema
Landtagskandidat Sckerl zeigte am Samstag auf dem Wochenmarkt Präsenz.
Schriesheim. (max) Es war eine knifflige Entscheidung für die grüne Partei. Lange war man sich unsicher, ob ein Stand auf dem Wochenmarkt in der Coronazeit vertretbar ist. Nachdem der Lockdown allerdings bis zum 7. März und damit bis kurz vor die Landtagswahl am 14. März verlängert wurde, entschied man sich, wenigstens ein bisschen Präsenzwahlkampf zu betreiben.

Der Weinheimer Landtagsabgeordnete der Grünen, Uli Sckerl, ist am Samstag mit von der Partie. Es ist nur ein reduzierter Stand, und die beiden Vorsitzenden der Schriesheimer Grünen, Rouven Langensiepe und Fadime Tuncer, gehen weniger intensiv auf die Besucher des Wochenmarktes zu, als sie es sonst tun würden. "Es ist sehr schade für uns, weil der persönliche Kontakt einfach fehlt", sagt Langensiepe, auch wenn die Onlineveranstaltungen gut angenommen würden. "Der Neujahrsempfang war ein totaler Erfolg, da waren wir schon überrascht", sagt Tuncer. Sie sieht auch Chancen in den virtuellen Treffen: "Es ist ein Vorteil, dass man sich die Aufnahmen im Nachhinein ansehen kann, wenn man vielleicht nicht live teilnehmen konnte." Für die Zeit nach der Pandemie müsse erörtert werden, wie man die Bürger am besten erreicht: in Präsenzform und auf digitalen Kanälen. Doch der "klassische" Stand auf dem Wochenmarkt war allen ein Anliegen: "Wir wollten den Leuten zeigen, dass wir für sie da sind und sie an die Wahl erinnern."

Und viele wollen reden. Auch über die Krebserkrankung von Winfried Kretschmanns Frau. Eine Besucherin spricht ihr vollstes Verständnis für das Vorhaben des Ministerpräsidenten aus, den Wahlkampf erst mal hintanzustellen. Auch die Wahlkämpfer stehen hinter Kretschmann: "Krebs kann jeden treffen, und jetzt über das Alter des Ministerpräsidenten als negativen Faktor zu sprechen, finde ich absolut unangebracht", sagt Sckerl. Er ist überzeugt, dass der Landesvater weiter ein "kraftvoller und energischer Ministerpräsident" sein wird.

Auch eines der dringendsten Themen der Schriesheimer zurzeit findet in Sckerl einen Adressaten. Winfried Plesch will erfahren, wie es mit dem von der A 5 ausgehenden Lärm weitergeht. Sckerl bekräftigt sein Verständnis für die Anwohner: "Es kann nicht sein, dass man sich da auf Berechnungen zurückzieht. Wenn die Bürger sich gestört fühlen, muss etwas passieren." Er verspricht, sich für eine Lösung im Sinne der Bürger einzusetzen, die auch mit Tempolimits erreicht werden könnte.

Ein Ehepaar kritisiert die Entscheidung von Bund und Ländern, Friseursalons wieder zu öffnen, aber zum Beispiel Blumenläden geschlossen zu lassen. Sckerl verwies darauf, dass die Inzidenzwerte erst zuverlässig gesenkt werden müssten, um weiter zu planen. Bis dahin sollten die Geschäfte alle Bundeshilfen, die sie kriegen könnten, annehmen und einfordern. Die Bundespolitik habe versprochen, niemanden zurückzulassen. Daran müsse man die Verantwortlichen erinnern. Eine weitere Frage ist, wie Pflegeheime entlastet, Besucher und Personal regelmäßiger getestet und Infektionen vermieden werden können. Eine Möglichkeit sei, die Bundeswehr anzufordern, die gerade ein Kontingent an Einsatzkräften dafür vorsieht.

Update: Sonntag, 14. Februar 2021, 20.15 Uhr
Autofahrer bestätigen den "Brüllbeton"

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Solch ein Tag ist selten geworden – und zwar so, dass Winfried Plesch sein Erstaunen der RNZ mitteilte. Denn am letzten Sonntag herrschte endlich einmal Ruhe in seinem Reihenhaus in den Fensenbäumen. "Wir haben einen dieser kalten Wintertage mit einer ganz schwachen Brise aus Ost – sieben Stundenkilometer sagt die Meteomedia-Wetterstation in Ladenburg. Und man höre und staune: Von der A 5 hört man – nichts! Weil es Sonntag ist, sind auch keine Lkw unterwegs – also insgesamt eine Wohltat fürs Gehör und fürs Gemüt." Der Blick aufs Handy, auf dem seit Dezember eine Lärm-App installiert ist, bestätigt: unter 50 Dezibel.

Plesch hat sich mit anderen Anwohnern im Fröchweg zusammengetan, weil sie finden, dass die Autobahn seit der Sanierung lauter geworden ist – was wiederum die Behörden bestreiten und sich deswegen weigern, etwas dagegen zu tun. Denn der für diesen Teil Schriesheims errechnete (und nicht etwa gemessene) Geräuschpegel lag bei knapp über 55 Dezibel am Tag; erst ab 64 Dezibel müsste man eine Lärmschutzwand errichten (die RNZ berichtete mehrfach, zuletzt am 19. Dezember).

Auch wenn die Behörden – neuerdings ist die neue Autobahngesellschaft des Bundes zuständig, vorher war es das Regierungspräsidium Karlsruhe – mauern: Pesch hat seit Anfang Dezember mit der Lärm-App an verschiedenen Stellen seines Hauses gemessen, manchmal mehrmals am Tag. Am lautesten war es im Rahmen seiner Terrassentür und im Fensterrahmen im ersten Stock, beide sind zur Autobahn ausgerichtet. Bei neun von 26 Messungen wurden die 64 Dezibel teils deutlich überschritten; viermal zeigte die App sogar Werte von 70 Dezibel an – das entspricht einem Staubsauger –, einmal wurden sogar 72 Dezibel gemessen. Für Plesch ist dieser Geräuschpegel "unerträglich", schon bei 60 Dezibel könne man nicht mehr im Garten sitzen. Auffällig war dabei die Richtung und Geschwindigkeit des Windes: So richtig laut wurde es, wenn es stark aus West oder Südwest wehte und die Wolken tief hingen.

Unterdessen erreichen die RNZ immer mehr Einschätzungen von Autofahrern, die den rauen Straßenbelag, zumindest in Fahrtrichtung Heidelberg, als den Schuldigen für die Lärmentwicklung ausgemacht haben. Das hatte auch Plesch beobachtet und zog Parallelen zum "Brüllebeton" anderswo (RNZ vom 18. Dezember); zuvor hatte er vor allem die Betonleitplanken im Verdacht. Werner Heckmann aus Leutershausen berichtet, dass es ein "enormes Geräusch" gebe, wenn er mit seinem Kleinwagen nach Heidelberg fährt. In der Gegenrichtung merkt er nichts. "Ich meine, der Belag müsste geglättet werden", findet Heckmann, "da hat man irgendeinen Fehler gemacht." Ihm sei das schon aufgefallen, als im Juli die sanierte A 5 freigegeben wurde, "noch lange vor der Schriesheimer Bürgerinitiative". Er kennt dieses Problem von einer anderen Strecke: Wenn er die A 3 von dem niederländischen Arnheim nach Oberhausen fuhr, wurde es dröhnend laut im Wagen – in der Gegenrichtung aber nicht. Vor ein paar Jahren, so Heckmann, wurde dann der Asphalt ausgetauscht.

Auch Hannelore Bredl aus Laudenbach, die oft nach Heidelberg fährt, meint: "Schon als die Baumaßnahmen beendet waren, fiel mir beim Befahren dieses Abschnitts auf, dass es in meinem Auto sehr laut wurde. Der Spuk war erst weg, als ich wieder auf dem alten Belag fuhr. Da war mir klar, dass mit dem neuen Belag etwas ,nicht stimmte’. Das war in der Zeit, wo noch nichts darüber in der Zeitung stand. Ich habe mich, gelinde gesagt, richtig erschrocken und dachte, an meinem Auto stimmt etwas nicht." Das Regierungspräsidium hatte allerdings auf RNZ-Anfrage erklärt, dass beide Fahrbahnen identisch saniert worden seien. Mängel seien bei der Abnahme nicht festgestellt worden – und es lägen auch keine Beschwerden vor.

Da die A 5 ab Mitte August zwischen Schriesheim und dem Autobahnkreuz Weinheim saniert werden soll – und zwar mit genau derselben Methode wie 2019 und 2020 zwischen Schriesheim und Dossenheim –, könnte dazu führen, dass es auch in Hirschberg lauter wird (RNZ vom Samstag). Zumindest befürchtet das die CDU-Landtagsabgeordnete Julia Philippi, die nach dem Kontakt mit der Schriesheimer Anwohnerinitiative ein Gespräch mit der neuen Autobahngesellschaft führte – und darum bat, auch auf die Lärmproblematik stärker zu achten. Der Vertreter der Autobahngesellschaft sagte, er sei sich dessen bewusst und wolle sich Gedanken machen, wie das in die Ausschreibung einfließen könne. Plesch meint: "Mich würde es für die Hirschberger freuen, wenn man die Fehler, die bei uns gemacht wurden, dort verhindert." Ob das Konsequenzen nun doch für den Schriesheimer "Brüllbeton" haben würde, konnte Philippi noch nicht sagen: "Ich werde da nachhaken."

Ist ihr selbst aufgefallen, dass es auf der A 5 in Richtung Heidelberg im Auto lauter geworden ist? "Ja, ich habe bewusst einmal darauf geachtet. Es hörte sich lauter an."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung