05.03.2021

Digitaler Wahlkreisbesuch: Wie man Kretschmann von der Bergstraße begeistern kann

Der Ministerpräsident machte einen digitalen Wahlkreisbesuch: Stadtentwicklung, Bürgerwingerte, Streuobstwiesen - und natürlich Corona

Neckar/Bergstraße. (hö) Eigentlich macht Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Moment keine Wahlkampftermine, weil er seiner an Brustkrebs erkrankten Frau Gerlinde beistehen will. Eine Ausnahme machte der grüne Landesvater am Samstagmittag doch: Er schaltete sich von zu Hause aus, vom Sigmaringer Stadtteil Laiz, ins Schriesheimer Studio von Bernd Molitor, in dem der Hemsbacher Gerhard Röhner und der Weinheimer Grünen-Landtagsabgeordnete Uli Sckerl saßen. Kretschmann hatte nur einen Wunsch – und das war auch der Grund für Röhners Teilnahme: Er hätte gern von ein paar innovativen Projekten an der Bergstraße erfahren.

Sckerl erinnerte an Kretschmanns "legendäre Besuche an der Bergstraße" – wobei Schriesheim wohl dessen "Lieblingsstadt" in der Region ist: sei es beim Besuch zum 1250. Jubiläum 2014 oder als Ehrenpate des Madonnenbergs im Jahr zuvor. Oder sei es, dass der einstige Biologielehrer Kretschmann sicher ein Faible für eine Pflanze hat, die es nur hier gibt: die 2007 entdeckte Schriesheimer Mauerraute, die an zwei Mauern am Branich wächst. Schon damals hatte Röhner als Hemsbacher BUND-Vorsitzender sich um diese botanische Sensation verdient gemacht – aber das war nicht der Grund, weswegen er in Molitors Studio saß: Er berichtete, was alles in Hemsbach getan wird, um die Bergstraße als "uralte Kulturlandschaft" (Röhner) zu erhalten – und zwar zusammen mit der Kommune und Bürgern. Wobei sich Kretschmann besonders für die "Bürgerwingerte" interessierte: 24 Hemsbacher retten drei Weinberge vor der Verbuschung – und mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Wein, den Röhner in seinem Keller ausbaut. Aber die "blühende Bergstraße" ist nur das sichtbarste Resultat eines seit neun Jahren laufenden Prozesses, der sich Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept, kurz: ISEK, nennt. Dabei geht es vor allem darum, die 12.000-Einwohner-Stadt zukunftsfähig zu machen, indem Naturschutz und Stadtentwicklung in Einklang gebracht werden: Da keine neuen Baugebiete ausgewiesen werden können, soll nun der Stadtkern attraktiver gemacht werden.

Das lief bemerkenswerterweise ohne größere Konflikte zwischen Bürgern und Stadtverwaltung ab, es sei "ein bisschen langweilig", wie Röhner erklärte. "Ein Leuchtturmprojekt", freute sich Kretschmann. Bei diesem Projekt werde klar, worum es den Grünen gehe: "Die Nachhaltigkeit ist unsere Leitidee. So muss man Wahlkampf machen. Kompliment, Uli!"

Röhner sprach ein Thema an, das gerade viele Kommunen umtreibt: Neubau oder Sanierung der in die Jahre gekommenen Schulen. Sowohl in Schriesheim wie auch in Hemsbach gibt es Schulzentren, die marode sind; in Hemsbach kommt allerdings dazu, dass es auf der alten Freudenberg-Deponie steht. Röhner macht sich Sorgen, ob die drei Kommunen Laudenbach, Hemsbach und Weinheim die Kosten für den Neubau, rund 70 Millionen Euro, stemmen könnten – da seien auch die üblichen Zuschüsse zu wenig. Kretschmann will sich das immerhin mal anschauen. Auch für Schriesheim wollte er "keine Versprechungen machen", verwies auf die coronabedingt angespannte Finanzlage des Landes: "Wir haben große Schulden aufgehäuft." Zudem seien die Schulgebäude "im Kern eine kommunale Aufgabe", die Gemeinden müssten "Prioritäten setzen".

In der Fragerunde mit Journalisten ging es dann naturgemäß um die grundlegenden Fragen der Pandemie – also welche Bereiche wieder geöffnet werden sollen und wie schwierig unterschiedliche Regelungen der Bundesländer gerade in Grenzregionen zu vermitteln sind. Kretschmann warnte davor, jetzt leichtsinnig zu werden: "So pandemiemüde wir alle sind – dem Virus ist es egal." Er ist gegen Lockerungen, "die eine dritte Welle bringen". Im Übrigen gebe es keine "coronasicheren" Branchen, denn im Moment habe man die Kontrolle verloren, und die Gesundheitsämter wissen nicht, wo man sich angesteckt haben könnte.

Und wenn es zwischen Baden-Württemberg und Hessen unterschiedliche Regelungen gebe, dann sei das kein Drama: "Die Unterschiede sind gering und nur aufgebauscht. Wir sind nun mal ein föderaler Staat. In Einheitsstaaten läuft nichts besser." Sein Rat: "Einfach an die Regeln des Landkreises halten, in dem man wohnt."

Von Kretschmann nach den Wünschen der Region gefragt, hatte Röhner doch noch ein Anliegen: Die Pflege der Streuobstwiesen rentiert sich nicht mehr, die Keltereien zahlen nur noch die Hälfte, weil "Bioplantagen" (Röhner) den Preis drückten. Das traf auch Kretschmanns Nerv: "Sie sprechen da ein ganz schwieriges Problem an: Wer sammelt denn noch heute das Obst auf?" Schon seit dem Krieg seien so viele Streuobstwiesen verloren gegangen. Er gab zu: "Wir haben keine Lösung parat." Jetzt müsse man darüber "schwer hirnen".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung