05.03.2021

Rodungen am Branichhang: Weswegen der Wald wegkommt

Durch umstürzende Bäume und herabfallende Äste werden Anwohner gefährdet - Areal ist Naturschutzgebiet

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Im Moment werden am Branichhang oberhalb der Talstraße auf 350 Metern, zwischen dem Besucherbergwerk und der Hausnummer 191, Totholz und Bäume gerodet. Das wiederum führte zu Protesten einiger Schriesheimer, die einen Kahlschlag befürchten. Die Stadtverwaltung hat die Arbeiten in Auftrag gegeben, um die Anwohner und ihre Grundstücke zu schützen.

Denn in den letzten Jahren stürzten immer wieder Bäume oder loses Geröll in Richtung Talstraße. Erst in der letzten Woche fiel ein Baum in einen Garten, wie Revierförster Walter Pfefferle der RNZ berichtet. Er ist eigentlich für das Gehölz über der Talstraße gar nicht zuständig. Denn dieser sogenannte Grenzertragswald gehört nicht zum städtischen Forst, wurde aber von Pfefferle mitbetreut. "Grenzertragswald" heißt das Areal voller Büsche und teils abgestorbener Bäume deswegen, weil es wirtschaftlich kaum nutzbar ist – vor allem, weil die Bäume dort eher kümmerlich sind –, aber doch gepflegt wird.

Rein rechtlich steht dieses Gebiet unter Naturschutz, es handelt sich um ein Trockenholzbiotop. Doch dem haben, wie das Rathaus mitteilt, die letzten drei Dürresommer schwer zugesetzt: Immer mehr Bäume und Büsche starben auf dem sowieso schon trockenen Boden ab. Und diese werden immer mehr zu einer Gefahr für die Anwohner, weil Äste abfallen oder sich gar ganze Bäume aus dem Boden lösen und ins Tal stürzen – und zwar mit steigender Tendenz. "Der gegenwärtige Baumbestand ist zu beschädigt, um ihn insgesamt als gesunden Bestand zu klassifizieren" sagt Rathaussprecherin Larissa Wagner, und deswegen "ist ein schnelles Handeln nun unbedingt notwendig. Die Sicherheit der Anwohner und der Besucher hat aus Sicht der Stadtverwaltung höchste Priorität, auch wenn dies ein Fällen der Bäume und einen Eingriff in das Erscheinungsbild des Hanges leider unumgänglich macht".

Die Entscheidung für die Rodungsarbeiten hat sich das Rathaus nicht leicht gemacht, wie Wagner zugibt. Denn damit wird durchaus in ein Biotop eingegriffen. Allerdings in eines, das das Leben der Anwohner gefährdet. Wie Pfefferle auf RNZ-Anfrage erklärt, wurde das Vorgehen mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt. Demnach bleibt das Gelände weiterhin ein Trockenbiotop, nur eben eines, in dem die Bäume keine große Rolle mehr spielen. Zumal in den letzten Jahrzehnten dieser Bereich, der eigentlich durch Wiesen, kleinere Baumgruppen und Hecken geprägt war, immer mehr verwaldete. Und diese zum Gutteil abgestorbenen Bäume werden nun entfernt. Pfefferle hält das "für nachvollziehbar", denn "das beeinträchtigt nicht den Schutzzweck des Biotops". Zumal sich über kurz oder lang vom nahen Wald her wieder Bäume ansiedeln werden. Würde auf diesem Teil des Branichhangs wirklich, wie Arbeiter dem Leserbriefschreiber sagten, ein Magerrasen angelegt, wäre das aus Gründen des Artenschutzes ein Vorteil, denn diese nährstoffarmen Böden gelten als ökologisch besonders wertvoll. Mit den Hangrodungen ist Schriesheim nicht allein: In Heidelberg wurde 2009 am sogenannten Russenstein oberhalb der Ziegelhäuser Landstraße ein größeres Stück Wald abgeholzt – aus Gründen der Verkehrssicherheit, aber auch um der vom Wald verdrängten Ursprungsflora wieder eine Chance zu geben.

Aber wieso wird ausgerechnet kurz vor Beginn der Vegetationsperiode (1. März) gerodet? Denn eigentlich darf ab diesem Zeitraum (und noch bis zum 30. September) nicht mehr in die Natur eingegriffen werden. Das lag vor allem an der Witterung, so Wagner: "Aufgrund der winterlichen Witterung und dem hierdurch entstandenen Bodenfrost der vergangenen Wochen konnten die Arbeiten bislang nicht starten", erst in den letzten Tagen war es warm genug für die Arbeiten.

Deswegen habe sich "die Stadtverwaltung angesichts der besonderen Umstände um eine Lösung bemüht. Nach Rücksprache mit der Unteren Naturschutzbehörde wurde nun vereinbart, in den letzten Tagen des Februars möglichst viele Bäume zu fällen", allerdings würden die Rodungen "jedoch darüber hinaus zwangsläufig bis in den März andauern".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung