09.03.2021

Alle hoffen, dass Kunden nicht ins Internet abgewandert sind

Alle hoffen, dass Kunden nicht ins Internet abgewandert sind

Birgit Urban-Näher („Ideenreich“). Foto: Dorn
Endlich wieder geöffnet! Aufatmen im Einzelhandel - Lange war unklar, welche Läden aufmachen können

Von Max Rieser

Schriesheim. Wieder ist eine Hürde in Richtung Normalität genommen. Der Einzelhandel darf wieder öffnen. Unter welchen Bedingungen war aber nicht immer gleich klar: "Es war manchmal schon schwierig, auf der Internetseite des Landes die Regeln zu finden, die uns aktuell betreffen. Unser Lieferant hat dann etwas Licht ins Dunkel bringen können", sagt Regine Hindorf von "Utes Bücherstube".

Sie darf auf den rund 200 Quadratmetern Ladenfläche theoretisch wieder 20 Kunden bedienen. Da das Personal aber mitgerechnet wird und auch oft Kinder dabei sind, sieht sie weniger Leute vor. Jeder Kunde muss sich beim Eintreten ein Körbchen nehmen. Wenn vor der Tür keines mehr steht, darf auch niemand mehr rein. "Das hilft uns dabei, die Regeln umzusetzen. Ansonsten waren wir vom letzten Lockdown noch gut aufgestellt und mussten nicht mehr groß umbauen", sagt Hindorf. Sie ist froh, die Kunden wieder persönlich empfangen zu dürfen, auch wenn ihr Fensterverkauf gut angenommen wurde.

Hindorf hofft, dass Tests und Impfungen einen Anstieg der Infektionen verhindern. Eine der ersten Kundinnen am Tag der Wiedereröffnung ist Rita Rüth. Sie sagt: "Es ist einfach toll, dass man wieder stöbern kann. Ich hätte sonst meine Bücher auch hier bestellt, aber es ist noch mal was anderes, wenn man selbst kommen kann. Ich war heute auch schon bei ,Ideenreich’ und finde es wichtig, die kleinen Läden in Schriesheim zu unterstützen."

Birgit Urban-Näher vom Geschenkladen mit integriertem Paketshop "Ideenreich" berichtet: "Wir haben jetzt jeden Tag eine Paketflut wie sonst nur an Weihnachten. Die Kunden erzählen, dass sie die einfachsten Dinge wie Socken und Handtücher jetzt im Internet kaufen, weil es anders nicht geht." Das Abhol- und Lieferangebot wurde bei ihr wenig angenommen, und sie hofft, dass die Kunden nicht endgültig ins Internet abwandern.

Ähnliches sagt Ingeborg Urban. Sie hat zwar versucht, während des Lockdowns jeden Tag im Verkaufsraum ihres Elektronikgeschäftes "Radio Urban" präsent zu sein, die Nachfrage blieb aber dennoch mäßig: "Das Abholangebot wurde schon teilweise angenommen, aber Laufkunden, die nur ein paar Batterien brauchen, fielen natürlich weg." Urban war auch auf Informationen aus dem Internet angewiesen und bemängelt das undurchsichtige Vorgehen bei den Öffnungen, das manche Kunden überfordert: "Viele waren heute ganz überrascht, dass wir wieder geöffnet haben. Es hat sich noch nicht ganz rumgesprochen."

Stephanie Parketta vom Haushaltswarengeschäft "Wilhelm Müller Haus- und Gartenbedarf" erzählt: "Wir haben in den Medien erfahren, dass wir wieder öffnen dürfen, und haben uns dann gleich im Internet schlau gemacht, was es für Auflagen gibt." Das Lieferangebot wurde eher mäßig angenommen, berichtet sie. Dadurch, dass ihr das Geschäft gehört, konnte sie aber immerhin die Miete sparen: "Bei denen, die noch mit der Pacht zu kämpfen haben, sah es bestimmt noch schlimmer aus."

Am Morgen war es noch ruhig, aber langsam bildet sich eine kleine Schlange vor dem Haushaltswarenladen. Sabine Simon wartet schon an der Tür: "Ich bin treue Schriesheimerin und will deshalb natürlich die kleinen Geschäfte unterstützen. Deshalb versuche ich, auch möglichst wenig im Internet zu bestellen. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch, aber ich denke, dass man mit Rücksichtnahme den Einzelhandel auch früher hätte öffnen können."

Auch Petra Spruck hatte von der bevorstehenden Öffnung aus den Medien erfahren. Sie betreibt das Wohnaccessoire Geschäft "Peppilello" in der Kirchstraße: "Ich dachte erst, wir müssten Schnelltests kaufen und jeden Kunden vorher abstreichen." Spruck ist deshalb froh, dass es bei den "alten" Hygienevorschriften geblieben ist, denn Tests wären sehr teuer gewesen. Finanziell ist es für sie schwierig: "Ich habe zwar einige Handarbeitskurse im Sommer bei den Kunden im Garten machen können, aber das war viel weniger als sonst." Das breite Kursangebot von "Peppilello" ruht seit einem Jahr. Wenn es wärmer wird, plant sie wieder eine Kooperation mit dem Begegnungszentrum "Mittendrin", dessen Terrasse sie in der Vergangenheit schon für Kurse nutzen durfte.

Violaine Munkes betreibt das "Kinderlädchen" in der Heidelberger Straße. Sie hatte Glück, da sie ihr Geschäft schon vor fünf Wochen wieder öffnen durfte: "Weil wir viel Babybedarf anbieten, hatte ich gehört, dass wir früher öffnen dürfen. Ich habe das dann mit dem Ordnungsamt geklärt, und die haben mir grünes Licht gegeben."

Trotzdem freut sie sich, dass jetzt eine Öffnung für alle wieder möglich ist: "Die Leute wollen einfach lieber vor Ort einkaufen und stöbern." Das bestätigt Kundin Hedwig Elwan. Sie hat ein Geschenk für eine Vierjährige gesucht und ist im "Kinderlädchen" fündig geworden. Und ob sie sich freut, dass die Läden wieder öffnen dürfen? "Na, das kann man wohl sagen!"

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Regine Hindorf (Utes Bücherstube). Foto: Dorn

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Ingeborg Urban (Radion Urban). Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung