03.04.2021

Wie viel Einfamilienhaus darf es sein?

Dieser umstrittene Gebäudetyp ist auch in Schriesheim nicht die Norm. Es wird wieder mehr in die Höhe gebaut, was aber oft Kritik provoziert.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Debatte um ein Neubaugebiet nimmt an Fahrt auf – wie die vorletzte Gemeinderatssitzung zeigte. Unlängst hatte der Co-Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, in einem "Spiegel"-Interview sich kritisch zu Einfamilienhäusern geäußert, weil sie zu viel Boden verbrauchen und zu wenig Wohnraum schaffen. Auslöser für seine Bemerkung war die Entscheidung des Bezirks Hamburg-Nord, in den Bebauungsplänen keine Einfamilienhäuser mehr zuzulassen. Das legte den grünen Landtagswahlkämpfern einige Steine in den Weg, weil Hofreiters Aussagen auf ein "Eigenheim-Verbot" verkürzt wurden. Wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor gut einem Monat in einer Videokonferenz mit dem Landtagsabgeordneten Uli Sckerl sagte, werde "daraus eine Kampagne gemacht". Er sei sehr dafür, darüber zu diskutieren, "wie wir leben und wohnen wollen", da gebe es durchaus gute Ideen, gerade in Hemsbach, das mittlerweile alle Erweiterungsmöglichkeiten für Neubaugebiete ausgereizt hat und nun an die Entwicklung von innerstädtischen Flächen geht.

Wie sieht es in Schriesheim aus? Wie sehr sind, gerade in den Neubaugebieten Fensenbäumen und Nord, Einfamilienhäuser möglich – oder erwünscht? In den Fensenbäumen gibt der Bebauungsplan von 1990 vor, dass mehrstöckige Gebäude im Kern des Neubaugebiets liegen und dass sich die Gebäudehöhe zum Rand hin verringert. Deswegen ist hier auch so ziemlich jeder Gebäudetyp zu finden: frei stehende Einzelhäuser, Reihenhäuser, Doppelhäuser und mehrgeschossige Bauten. Wobei, so merkt das Rathaus an, "Einzelhaus" nicht dasselbe ist wie ein Einfamilienhaus, denn in ihm können durchaus zwei oder mehr Parteien wohnen. Die Anzahl der Wohnungen pro Gebäude ist nicht festgelegt, maximal sind drei Stockwerke (plus Dachgeschoss) erlaubt; 2015 wurde erstmals die Firsthöhe begrenzt. Die relative "Offenheit", was die Bebauung angeht, kann schon mal zu Problemen führen, wie das Beispiel eines Streits mit der Baugenossenschaft Familienheim Rhein-Neckar vor gut vier Jahren zeigte: Die plante bereits 2001 ein Zehn-Familienhaus, das aber nicht gebaut wurde, weil das der Immobilienmarkt nicht hergab. 2017 probierte es das Unternehmen mit einem ähnlichen Bauantrag – wenn auch mit etlichen Überschreitungen der Vorgaben – erneut, kam aber nicht durch.

Bei dem Neubaugebiet "In den Fensenbäumen" wie auch "Nord" handelt es sich um allgemeine Wohngebiete: Es dürfen sich also neben Wohnraum nur Läden, Schank- und Speisewirtschaften, die der Versorgung des Gebietes dienen, sowie nicht störende Handwerksbetriebe ansiedeln. In den Fensenbäumen wurde Wert darauf gelegt, dass das Areal grün wirkt, denn von Nord nach Süd verläuft eine Art grünes Band, im Süden mündet das in einen Spielplatz.

Der Bebauungsplan "Schriesheim Nord" von 2001 greift im Prinzip die Struktur des benachbarten Gebiets Steinach auf und setzt für das gesamte Planungsgebiet eine zweigeschossige Bauweise fest, wobei man das Dachgeschoss ausbauen kann. Auch hier macht der Bebauungsplan keine Einschränkungen, was die Wohnungszahlen angeht. Im westlichen Teil, dem "Solaris", wurde deutlich verdichteter gebaut – was damals unter dem Etikett "ökologisch" und "familienfreundlich" firmierte. Dies spiegelt sich in der Festsetzung der Grund- und Geschossflächenzahl wider: So darf man hier 50 Prozent der Grundstücksfläche überbauen, während es im übrigen Neubaugebiet maximal 40 Prozent sind. In der Mitte des Areals liegt eine größere Grünfläche mit einem Spielplatz; auch im "Solaris" gibt es einen grünen Platz samt Teich und im ganzen Quartier Wasserläufe.

Eine andere Frage ist, wie es weitergeht. Sind nach Meinung des Rathauses Einfamilienheime unökologisch? Und wäre Geschosswohnungsbau begrüßenswerter? Das Rathaus selbst weiß, dass Grund und Boden – wie überall an der Bergstraße – nicht unendlich verfügbar sind. Deswegen sagt Sprecherin Larissa Wagner: "Um für breite Bevölkerungsteile ausreichend Wohnraum zur Verfügung stellen zu können, wird man zukünftig zwangsläufig vermehrt Flächen für Mehrfamilienhäuser schaffen müssen." Es könnte also tendenziell eher in die Höhe als in die Breite gehen. Allerdings muss das auch auf eine entsprechende Nachfrage treffen. Denn es bringt ja nichts, "ökologische" Mehrgeschosshäuser zu bauen, wenn die Leute unbedingt in Einfamilienhäusern leben wollen.

Allerdings steht es für das Rathaus "außer Frage, dass auch weiterhin keine fünfgeschossigen Wohnhäuser – oder darüber hinausgehend – in Schriesheim gebaut werden". Denn diese Art der Bebauung würde sich nicht in das Erscheinungsbild der Stadt einfügen, an dem die Bürger hängen: "Dieser einzigartige Anblick auf Schriesheim und der lebenswerte Charakter unserer Stadt müssen auch weiterhin erhalten bleiben." Diese Diskussionen sind an sich nicht so neu: So waren im Bebauungsplan für die Schanz 1970 sogar einige zwölfgeschossige Häuser vorgesehen, die aber nie gebaut wurden.

Wie schwer die Abwägung von knappem Boden einerseits und Stadtbildverträglichkeit andererseits fällt, zeigt aktuell das Beispiel des Edelstein-Neubaus auf dem Gärtner-Gelände. Weil der Architekt die 120 bis 130 Seniorenwohnungen unterbringen musste, ging er mit seinen Planungen in die Höhe – was erst die Anwohner kritisierten (RNZ vom 23. März) und dann der Gemeinderat (RNZ vom 27. März). Noch schwieriger wird es im umstrittenen Neubaugebiet Süd, das mit 18 Hektar Fläche fast so groß ist wie die Fensenbäume und Nord zusammen (jeweils zehn Hektar). Denn es ist nach den vielen Neubaugebieten Schriesheims seit der Nachkriegszeit die letzte Entwicklungsreserve der Stadt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung