17.04.2021

Lockdown nach dem Abi statt großer Freiheit

Durchkreuzte Reisepläne, als "Language-Assistant" in Spanien und frisch an der Uni: Wie es für den Abi-Jahrgang 2020 weiterging

Von Caja Plaga

Schriesheim. Acht Monate sind seit dem Abitur vergangen, jetzt steht schon der nächste Jahrgang kurz vor dem Abschluss: Was machen die Abiturienten von damals mittlerweile? Und welche Auswirkungen hatte die Pandemie? Drei aus dem Abschlussjahrgang 2020 des Kurpfalz-Gymnasiums berichten über ihre Erfahrungen.

> Anna Katharina Hedderich: "Mein eigentlicher Plan war es, mir das Jahr nach meinem Abi komplett freizunehmen und vor allem viel zu reisen", sagt die Ex-Abiturientin. Den Winter wollte sie in Südafrika verbringen und als freiwillige Helferin an Bildungsprojekten mitwirken. "Durch Corona hat sich das aber recht schnell erledigt." Andere längere Reisen konnte sie sich auch nicht mehr vorstellen. Als kleines Ersatzprogramm war sie im Spätsommer gemeinsam mit vier Freundinnen für einen Monat unterwegs in Deutschland. Obwohl die Infektionszahlen zu dieser Zeit niedrig waren, habe sie damals befürchtet, dass die Ansteckungsgefahr wieder größer werden könnte und sie die Tour abbrechen müssten, was nicht der Fall war.

"Danach habe ich überlegt, was ich sonst noch machen könnte", erklärt Anna Katharina Hedderich. Sie hätte sich für Erfahrungen im Wirtschaftsbereich interessiert, jedoch konnte ihr keine der Firmen, bei denen sie sich beworben hatte, ein Praktikum anbieten: Sie hätte im Homeoffice nicht betreut werden können. Ihren Aushilfsjob im Einzelhandel verlor sie, als der harte Lockdown erneut begann. Durch diese Umstände habe sie dann doch darüber nachgedacht, schon jetzt ein Studium anzufangen, obwohl sie das eigentlich nie gewollt habe. "Ich habe nicht wirklich eine andere Möglichkeit gesehen, wie ich meine Zeit sonst sinnvoll nutzen könnte", gibt sie zu. Anna Katharina Hedderich bewarb sich für einen Studienplatz in Karlsruhe zum Sommersemester. Hier bekam sie eine Zusage und studiert nun ab März "International Management". Einen neuen Nebenjob habe sie auch gefunden, diesmal im Lebensmittelhandel: "Das ist ja das Einzige, was im Moment offen hat."

> Jens Fath studiert seit Oktober im ersten Semester Jura in Heidelberg. Bei ihm hat sich an seinem Zukunftsplan durch Corona nicht viel verändert, reisen wollte er sowieso nicht. Nur das Studium beginnt nun erst mal online: "Corona ist allgegenwärtig." Am schlimmsten sei, dass es im Moment sehr schwierig sei, neue Freunde zu finden und Kommilitonen kennenzulernen. Normalerweise würden zu Semesterbeginn immer sogenannte "Erstiwochen" für die Studienanfänger veranstaltet. Dabei hätte es eine Stadtrallye und auch einen Kneipenrundgang gegeben. Das sei aufgrund der geltenden Beschränkungen natürlich nicht möglich gewesen. Wenigstens eine Präsenzvorlesung hätte stattgefunden.

In einem großen Hörsaal mit Platz für 400 Menschen durften 50 Studierende, die sich vorher anmelden mussten, an einem Vortrag teilnehmen. Das hätte wenigstens einmal eine echte Studiumsatmosphäre geschaffen. Sonst seien alle Veranstaltungen digital. Im ersten Semester müsse er sich zum Glück noch nicht allzu viele Sorgen um Prüfungen machen: Er schreibe zwei Klausuren zur Probe und eine, die gewertet wird. Diese Klausuren werden nicht in Präsenz geschrieben: Die Unterlagen können von den Studenten heruntergeladen, in einem bestimmten Zeitfenster bearbeitet und dann wieder hochgeladen werden. Seine erste Hausarbeit würde auch anstehen. Für diese könne er aber nicht, wie das sonst üblich sei, in die Unibibliothek gehen: "Ich war noch gar nicht dort."

Es sei zwar möglich, sich online mit Kommilitonen zu verbinden, das sei aber einfach nicht das Gleiche, wie wenn man sich in der Altstadt auf einen Kaffee treffe. Jens Fath sagt: "Man weiß zwar, dass man studiert, fühlt es aber nicht wirklich." Man sei viel zu Hause und der studentische Alltag gehe verloren – besonders wenn man noch niemanden kenne, sei das eine große Herausforderung.

> Lara Kühnle wollte eigentlich nach ihrem Abitur für mindestens sechs Monate als Au-pair nach Australien gehen. "Ich hatte auch schon das meiste organisiert", sagt sie. Durch Corona stand aber schnell fest, dass sie nicht fliegen können würde. Sie habe daraufhin bei der Organisation, über die sie ihren Au-pair-Aufenthalt geplant hatte, nachgefragt, was es für alternative Möglichkeiten gebe. Den Vorschlag als "Language-Assistant" nach Spanien zu reisen, fand sie gut. Als "Language-Assistant" würde man ähnlich wie ein Au-pair in einer Familie wohnen und sich um die Kinder kümmern. Der einzige Unterschied sei, dass man den Kindern auch noch Sprachunterricht gebe, in Lara Kühnles Fall in Englisch und Deutsch. "Ich habe sehr schnell eine Familie gefunden", erklärt sie.

Da sie sowieso Spanisch lernen wollte, war auch Spanien ein attraktives neues Ziel. Ursprünglich wollte sie schon im Oktober zu ihrer Gastfamilie in die Nähe von Madrid reisen, doch durch die stark steigenden Infektionszahlen verschob sich der Start auf Januar. Das öffentliche Leben in Spanien sei momentan relativ wenig eingeschränkt, Bars und Restaurants hätten geöffnet. Es werde zwar überall, selbst wenn man allein spazieren geht, Maske getragen, dafür könne man sonst aber einem halbwegs normalen Alltag nachgehen. "Morgens bin ich immer in der Sprachschule im Zentrum von Madrid." Nachmittags sei sie dann in der Familie und würde die Kinder betreuen. "Die Wochenenden habe ich frei." Anfangs sei es durch Corona schwer gewesen, neue Kontakte zu knüpfen, doch mittlerweile sei sie mit anderen Au-pairs essen gewesen und habe Freunde vor Ort gefunden.

In der Zeit vor ihrem Auslandsaufenthalt habe sie ein Praktikum im Heidelberger Krankenhaus Salem gemacht und sei mit Anna Katharina Hedderich und den weiteren Freundinnen auf der Deutschlandtour gewesen. Seit Ende März ist sie wieder zurück in Schriesheim. Hier will sie sich auf den Medizinertest im Mai vorbereiten, um dann hoffentlich ein Medizinstudium anfangen zu können.

Diese Beispiele zeigen, dass die Zeit seit dem Abschluss für viele Abiturienten des Jahrgangs 2020 anstrengend war und einiges nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatten. Dennoch lassen sie sich nicht unterkriegen und hoffen, dass sich die Lage bald verbessert, damit sie wenigstens einen Teil des Verpassten nachholen können.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung