20.04.2021

Das sind die lokalpolitischen Stimmen zur grünen Kanzlerkandidatin

Nach Baerbocks-Kandidatenkür: Die Stimmung in den Schriesheimer Parteien könnte unterschiedlicher nicht sein.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Schriesheimer, insbesondere die Grünen, haben eine besondere Beziehung zu Annalena Baerbock, die am Montag zur ersten grünen Kanzlerkandidatin gekürt wurde: Denn Baerbock war schon mal in der Stadt, genau genommen am 6. Januar 2019, zum grünen Neujahrsempfang im Zehntkeller. Die Co-Vorsitzende der Grünen Liste Schriesheim, Dagmar Wenger, erinnert sich noch genau an die Stimmung damals: "Alle saßen mit leuchtenden Augen da, alle waren begeistert." Und entsprechend begeistert war Wenger, als sie von Baerbocks Kandidatur erfuhr: "Ich bin begeistert, sie war auch meine persönliche Favoritin." Sie hätte auch Robert Habeck "gut gefunden", und so sei auch die Stimmung bei den Grünen insgesamt: "Egal wer, beide wären getragen worden." Für Wenger spielt am allerwenigsten eine Rolle, dass erstmals eine Frau für die Grünen Kanzlerin werden will, für sie ist die Persönlichkeit entscheidend: "Ich könnte das sachlich noch nicht einmal so genau begründen. Bei meiner Einschätzung spielt auch das Bauchgefühl eine Rolle. Baerbock hat so eine Leichtigkeit."

Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass die Schriesheimerin Habeck noch nicht live erlebt hat – im Gegensatz zu Baerbock, die damals, als sie im Zehntkeller war, alle mitgerissen hat. Vielleicht war gerade ihr Optimismus ansteckend: Denn wer wolle schon bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachen, wenn dort nur gestritten werde, fragte Baerbock damals rhetorisch in den Gewölbekeller. Ihre Rede dort dauerte nur gut 20 Minuten, danach ging es weiter zum grünen Neujahrsempfang in Heidelberg, wo sie ähnlich begeistert empfangen wurde wie in Schriesheim.

Wenger ist für die kommenden Monate im Wahlkampf guter Dinge: "Ich freue mich darauf!" Und mit etwas Glück kann sie Baerbock auch mal wieder nach Schriesheim holen: "Sie hat damals gesagt, dass sie gerne wiederkommt."

Fast spiegelbildlich die gedrückte Stimmung bei der CDU: "Die Basis ist sehr unglücklich, dass die Partei intern so sehr mit der Kandidatenfrage und nicht mit den Sachthemen beschäftigt ist", sagt die Schriesheimer CDU-Vorsitzende Christiane Haase. "Da haben uns die Grünen jetzt was voraus." Die Mitglieder vor Ort, so glaubt Haase, hätten eine klare Tendenz zu Markus Söder; sie selbst hat mit den beiden Kandidaten ihre Schwierigkeiten, denn bei der Wahl des CDU-Parteichefs vor gut drei Monaten war sie für Norbert Röttgen, weil der der bessere Teamplayer sei. Denn im Moment sei "das Schlimme, das alles öffentlich ausgetragen wird" – und "von einer Schlammschlacht mitten in der Pandemie halte ich nicht viel". Zumal ein Ende der Auseinandersetzung ja noch nicht abzusehen sei, schließlich gäbe es momentan in keiner anderen Partei einen Streit um die Kanzlerkandidatur.

Das gilt insbesondere für die SPD, die seit acht Monaten mit Olaf Scholz ihren Mann gefunden hat. Deswegen war der Schriesheimer Parteivorsitzende Axel Breinlinger auch ziemlich gelassen, als er von der Kandidatenkür bei den Grünen erfahren hat: "Die Paarung Baerbock-Scholz halte ich für interessant." Nicht nur, weil die Wähler zwischen Frau oder Mann entscheiden könnten, sondern auch zwischen unterschiedlichen Politikertypen: hier der erfahrene Sachpolitiker, dort die unverkrampfte und unverbrauchte Grüne ohne Regierungserfahrung. "Habeck hätte ich es eher zugetraut, da mithalten zu können", schließlich war der ja auch schon mal Minister in Schleswig-Holstein. Aber für ihn und die SPD macht es keinen großen Unterschied, ob nun Baerbock oder Habeck für die Grünen antreten, zumal die beiden sich ja auch kaum von ihrer jeweiligen Agenda unterscheiden.

Und da sich Breinlinger einen interessanten Wahlkampf wünscht, hofft er, "dass sich die CDU für Söder entscheidet". Laschet sei vom Stil her Kanzlerin Merkel zu ähnlich, bei ihm sei es schwer, "ihn inhaltlich an die Wand zu nageln". Zumal Breinlinger davon ausgeht, "dass die CDU auf die Dauer um Söder nicht herumkommt". Die politische Konkurrenz solle die Kandidatenfrage möglichst schnell klären – sonst gäbe es möglicherweise einen "Strauß-Effekt". Im Bundestagswahlkampf 1980 hatte die Bundes-CDU den damaligen Kanzlerkandidaten, den bayerischen Ministerpräsident Franz-Josef Strauß, eher halbherzig unterstützt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung