14.05.2021

Wenn die "99 Luftballons" für Inklusion stehen

Die neue Inklusionsbeauftragte warb mit der Aktion für Barrierefreiheit in der Stadt und gleiche Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

Schriesheim. (max) Viele bunte Tupfer schmücken den Festplatz seit Dienstag. Für Farbe sorgen knapp 100 Luftballons, die an Absperrpfosten befestigt sind. Sie sind ein Beitrag zum europäischen Protesttag für Menschen mit Behinderung der "Aktion Mensch". Eigentlich war dieser Tag am 5. Mai, also vor einer Woche. Die Organisatorinnen fürchteten jedoch, Sturmtief Eugen würde die Ballons abreißen. Also verschob man den Termin um eine Woche.

Verantwortlich für die Ballons sind Schriesheims Inklusionsbeauftragte Karin Reichel und ihre Nachfolgerin Karin Stangl, die seit dem 1. März eingearbeitet wird. Reichel war seit Oktober 2014 Inklusionsbeauftragte und wechselt ins Standesamt. Sie berichtet, dass ihr der Tag wichtig sei, um ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung in Deutschland und Schriesheim einzufordern. Das Datum des Protesttags orientiert sich am Gründungsdatum des Europarats am 5. Mai 1949. Begangen wurde der Protesttag zum ersten Mal 1992, nachdem die USA zwei Jahre zuvor ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet hatten. Gleichstellung vor dem Gesetz forderten Aktivisten und Betroffene dann auch für Deutschland. Mittlerweile zieht der Aktionstag mehr und mehr Menschen auf die Straße.

Die Materialien für den Schriesheimer Beitrag stellte die "Aktion Mensch". Durch die weitläufige Verteilung der Ballons wird das Geschehen entzerrt, was in Zeiten von Corona wichtig ist. Auch an Schulen und Kindergärten wurden Ballons verteilt. Mit Helium befüllt wurden die Luftballons dann von den beiden Inklusionsbeauftragten selbst. Außerdem ist eine Karte an der Ballonschnur befestigt, auf der steht: "Wo sehen Sie Hindernisse bzw. Barrieren in Schriesheim/Altenbach/Ursenbach?". Jeder kann sein Anliegen notieren und den Zettel dann in den Briefkasten am Rathaus werfen. "Wir sind auf den Input der Betroffenen angewiesen und können so direkt an den Stellschrauben drehen", so Reichel. Nach Hinweisen von Menschen mit Behinderung hat die Stadt bereits einen zusätzlichen Behindertenparkplatz am Friedhof eingerichtet. Nach vielen Bemühungen war auch die Post bereit, einen zusätzlichen Briefkasten am Schillerplatz zur Verfügung zu stellen: "Es ist im Postgesetz vorgeschrieben, dass die Briefkästen mindestens einen Kilometer auseinander seien müssen. Hier waren es nur 700 Meter, aber das ist für Menschen mit einer Gehbehinderung weit", sagt Reichel.

Auch bei den Bauarbeiten am Spielplatz in Altenbach soll auf eine behindertengerechte Ausrichtung geachtet werden, außerdem seien barrierefreie Bushaltestellen im Ortsteil geplant, so Stangl. Für sie ist es der erste Pressetermin in ihrer neuen Funktion. Sie freue sich sehr auf die große Aufgabe und habe schon einige Barrieren entdeckt, derer sie sich annehmen will. Zunächst hätten jedoch die Betroffenen den Vortritt. Was sie aber verriet, war, dass sie das Rathaus und auch die Internetpräsenz der Stadt für alle gleichermaßen zugänglich machen will. Dafür arbeitet sie an einem Konzept, um alles in "Leichte Sprache" zu übersetzen. Die Vernetzung mit anderen Initiativen und Projekten laufe schon gut an.

Bürgermeister Hansjörg Höfer betont, dass er froh über die Inklusionsbeauftragte sei, da es eine solche Stelle nicht in jeder Gemeinde gebe. Für ihn sei sie jedoch unabdingbar, um Schriesheim für alle gut bewohnbar zu machen. Sie sei nach außen Ansprechpartnerin, und nach innen würde sie etwa Bauvorhaben überprüfen.

Info: Wer seine "Ballon-Ideen" einbringen möchte, kann dies noch bis zum 12. Mai, tun. Auch danach steht Karin Stangl jederzeit zur Verfügung.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung