18.05.2021

Winzergenossenschaft Schriesheim: Corona zum Trotz war 2020 ein gutes Jahr

Winzergenossenschaft Schriesheim: Corona zum Trotz war 2020 ein gutes Jahr

Die Flaschen des neuen WG-Jahrgangs tragen alle ein einheitliches Etikett mit dem Logo aus Strahlenburg und Stadtwappen.
Die meisten Weine des vergangenen Jahres sind in Flaschen abgefüllt. Der 2020er hat eine höhere Qualität als der 2019er. Corona sorgte auch für neue Wege beim Absatz.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es ist mit einer der ersten offiziellen Termine von Manuel Bretschi als neuer Geschäftsführer der Winzergenossenschaft (WG): die Vorstellung des neuen Jahrgangs 2020, der größtenteils schon in Flaschen gefüllt ist. Allerdings kann der 39-Jährige nicht ganz so früh seinen Job antreten, wie es er sich und die WG-Spitze gewünscht haben: erst zum 1. Juli, "vielleicht ein paar Tage früher", so Bretschi. Damit hatte die WG ein Dreivierteljahr keinen Geschäftsführer. Harald Weiss war zum 1. Oktober in den Ruhestand gegangen.

Das letzte Jahr war, vor allem wegen Corona, auch für die WG nicht einfach – mit dem Wegfall der Feste und dem Lockdown in der Gastronomie. Im Grunde bleib nur der Weinverkauf im Laden – und im Einzelhandel, der oft genug die Preise drückt. "Das ist eine Herausforderung", sagt Bretschi, "der Einzelhandel ist Fluch und Segen zugleich." Fluch wegen des Preisdrucks, aber auch Segen, weil die Supermärkte verstärkt die in der Regel zahlungskräftigen Weintrinker für sich entdeckt haben – und entsprechend ihr Sortiment aufgestockt haben. Doch in den letzten Wochen versuchte die WG, durch eigene Aktionen wie "Spargel und Wein" am Kelterhaus (RNZ vom 26. April) und mit einem Rucksack für die Maiwanderung den Trend zu brechen und für mehr Absatz zu sorgen.

Im neuen Jahr gab es einen Schreckensmoment: Einige Weinbauregionen, vor allem in Süd- und Mittelbaden, aber auch in Teilen Württembergs meldeten vor gut einem Monat nach dem Kälteeinbruch teils erhebliche Frostschäden. Davon blieb die Bergstraße verschont, die Reben treiben ganz normal, wenn auch etwas zeitverzögert, aus. "Das ist der Vorteil der Steillage", sagt Bretschi.

Umso beruhigender, dass der 2020er-Jahrgang mittlerweile auf Flaschen gezogen ist. Der kann sich sehen und schmecken lassen: "Der Jahrgang ist im Großen und Ganzen qualitativ besser als der 2019er, wenn auch bei zehn Prozent weniger Menge", sagt der Geschäftsführer. "Das Schöne an diesem Jahrgang ist: Er ist nicht zu breit, hat viel Frische und Frucht. Also das, wohin wir eigentlich wollen." Auch Mustafa Taslaman vom Vertrieb ist zufrieden: "Der Jahrgang präsentiert sich sortentypisch und nicht mehr so wuchtig. Bei uns im Außendienst ist das Feedback gut, man merkt die Freude der Kunden am Wein." Das bestätigt auch sein Kollege Ronny Grüber: "Wir haben die Flaschenanzahl verdoppelt – und der 2019er ist ausgetrunken." Tatsächlich ist die Vielfalt bei der WG, sowohl von den Sorten – auch dank der noch relativ neuen "Piwis", der pilzresistenten Sorten – wie auch von den Qualitätsstufen angestiegen.

Allein die Hauptsorte, den Spätburgunder, der erst seit 1988 als Rotwein (vorher als Weißherbst) ausgebaut wird, gibt es momentan in elffacher "Ausfertigung" – wenn man den Weißherbst und die weiß- und roségekelterten Varianten dazuzählt, sind es sogar 16: von der einfacheren Stufe in der Literflasche bin hin zur "Selection" oder gar der "Grande Cuvée" zum 90. WG-Jubiläum, die sich auch gut mehrere Jahre lagern lassen. Tendenziell schätzen die Verbraucher wieder mehr die Qualität: Die Literflasche ist auf dem Rückzug, wie Taslaman berichtet, neuer Standard ist die Dreiviertel-Liter-Flasche: "Die Kunden sind bereit, das zu bezahlen", so Grüber.

Einen Blick in die Zukunft der Weinwelt erlauben die "Piwis", die im Moment noch ein Nischenprodukt sind: "Das ist die Antwort auf die ökologischen Herausforderungen", sagt Bretschi. Denn diese Rebsorten müssen deutlich weniger gespritzt werden. Aber ihr Problem ist, dass sie vielen Weintrinkern im Moment noch unbekannt sind. Aber: Ihre Anbaufläche steigt, im letzten Jahr wurden erstmals Satin Noir und Cabernet Blanc gepflanzt. Aber noch ist die Bergstraße, wie ganz Baden, "Burgunderland": Spät-, Weiß- und Grauburgunder machen 54 Prozent der Flächen aus, richtig im Trend liegen der Rosé und der Weißherbst. Der traditionelle Silvaner ist eher auf dem Rückzug, "fängt sich aber gerade", so Bretschi. Der einst so weit verbreitete Müller-Thurgau gehört zu den Verlierern – zu Unrecht, so Bretschi: "Das kann ein großartiger Wein sein, aber er hat ein Imageproblem, der alte Name ist verbrannt." Allerdings gibt es ihn in Schriesheim auch nur in der Literflasche und in der eher einfachen "QbA"-Qualitätsstufe.

Dass die Weine relativ spät auf die Flaschen gezogen wurden, ist gewollt: "Wir geben den Weinen die Zeit, die sie brauchen." Und was trinkt "der Neue" selbst am liebsten? Blanc de Noir, den weißgekelterten Spätburgunder, aber auch den Riesling vom Schlossberg und den Sauvignon Blanc: "Wein ist eine Stimmungssache. Und wir haben den Wein für jede Stimmung."

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Der designierte Geschäftsführer der Winzergenossenschaft, Manuel Bretschi (Mitte), präsentiert die Weine des neuen Jahrgangs zusammen mit (v.l.) Rigo Röger, Astrid Spies, Thomas Callas, Christian Pförtner, Heike Gaber, Mustafa Taslaman, Ronny Grüber und Katrin Klein. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung