20.05.2021

Hausärzte im Impfstress

Hausärzte im Impfstress

Die Impfkampagne der Hausärzte nimmt Fahrt auf, aber die zugeteilten Kontingente sind zu knapp bemessen. Foto: Dorn
DIe Freigabe der Vakzine bringt Probleme mit sich. Die Praxen sind jetzt schon am Limit.

Von Max Rieser

Schriesheim. Die Impfpriorisierung ist aufgehoben, und jeder ist ab sofort theoretisch impfberechtigt. Theoretisch? Ja, denn die Lieferungen der Impfstoffe sind weiter äußerst schleppend, wie Schriesheims Hausarztpraxen berichten, die außerdem die Grenze ihrer Belastung erreicht haben.

Kurt Hieronymus berichtet: "Die Nachfrage ist wirklich sehr groß, und die Liste wird täglich länger." Die Ärzte, vor allem aber ihre Angestellten sind am Limit. Es werden Listen geführt, kurzfristig Patienten eingeschoben und Extrastunden gearbeitet, um so schnell wie möglich alle Impfwilligen zu versorgen. Trotzdem würden sich viele Patienten benachteiligt fühlen und nicht verstehen, dass es trotz aller Anstrengung nicht sofort für alle an die Nadel gehen kann. Bei der Beschaffung gibt es unterschiedliche Probleme. Hieronymus berichtet, dass, wenn er dienstags eine bestimmte Menge Impfstoff bestellt, er erst donnerstags erfährt, wie viel er tatsächlich bekommt. Das sei auch für die Medizinischen Fachangestellten ein "Riesen-Aufwand", um alle Patienten einzubestellen und zu koordinieren, dass auch alle verfügbaren Dosen verimpft werden.

Eduard Fischer berichtet, dass seine Praxis in der Bismarckstraße mit nur einem Arzt 30 Dosen des beliebten "Biontech"-Präparates erhalte. Für die Praxis am Schillerplatz gab es für diese Woche sogar nur zwölf Einheiten. Das sei angesichts Hunderter Personen auf der Warteliste ein "schlechter Witz", wie Alexander Tecl sagt. Es sei außerdem schwierig, dass viele Leute zwar sofort einen Termin wollten, aber "Astra-Zeneca" verschmähen würden. Das sei gerade bei erwachsenen Männern eigentlich unverständlich, da für diese kaum Nebenwirkungen mit dem Präparat zu erwarten seien. Darüber hinaus ist das Vakzin von "Astra-Zeneca" deutlich besser verfügbar. Wer also nicht in die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlene Gruppe für "Biontech", wie etwa Schwangere, fällt, muss mit deutlich längeren Wartezeiten rechnen.

Kai Wachter aus dem Praxiszentrum im "Dok:Tor" sieht auch das Problem, dass die Zweitimpfung jetzt zügig anlaufen, während die Erstimpfungen auf sich warten lassen, denn die Präparate für den zweiten Termin seien jetzt schnell verfügbar: "Die Impfstoffmenge für die Erstimpfungen ist nur zehn Prozent der Zweitimpfungen. Das heißt, wenn ich theoretisch 300 Personen mit der Zweitimpfung versorgen kann, kann ich nur 30 zum ersten Mal impfen."

Fischer hofft, dass die Impfkampagne in seiner Praxis schon ab nächste Woche Fahrt aufnehmen kann, denn dann trudeln die ersten Lieferungen von "Johnson & Johnson" ein. Positiv sei auch, dass die europäische Zulassungsbehörde den Zeitraum ausgedehnt hat, indem die Impfstoffe bei entsprechender Kühlung gelagert werden können, berichtet Hieronymus. Beim Präparat von "Biontech" wurde die Lagerfrist von 120 Stunden auf 31 Tage ausgedehnt, was etwas den Druck von den Praxen nimmt. Auch wurde bei den sogenannten Vektorimpfstoffen wie "Astra-Zeneca" die Zeit zwischen den beiden Impfungen von zwölf auf sechs Wochen verkürzt. Das sei vor allem für Leute, die sich noch vor dem Sommerurlaub impfen lassen möchten, von Vorteil, wie Fischer berichtet.

Am liebsten würden alle Ärzte sofort jeden impfen, der möchte. Das ist aber nicht so einfach möglich, denn neben den geringen personellen Kapazitäten, die eine Hausarztpraxis hat, gilt es auch nach wie vor abzuwägen, für wen eine Impfung am dringlichsten ist. Die Hausärzte haben deshalb eine interne Priorisierung, die zum Beispiel alte Menschen, Diabetiker oder übergewichtige Menschen bevorzugen, da diese eher einen schweren Verlauf von Covid-19 zu befürchten haben. Sie alle hoffen auf das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigte erhöhte Impfstoffkontingent ab 7. Juni. Da dann aber auch Betriebsärzte beliefert werden, befürchtet Tecl, dass für die Hausärzte nicht unbedingt mehr Dosen zur Verfügung stehen.

Um den Ansturm auf ihre Rezeption etwas einzudämmen, kann ab Ende dieser Woche in der Praxis im "Dok:Tor" nur noch online ein Termin vereinbart werden. So würden laut Wachter auch die Abläufe besser planbar. Die Praxis hat, um den Ablauf zu beschleunigen, sogar zehn Extra-Helfer eingestellt, um so viele Impfungen wie nur irgendmöglich zu bewerkstelligen. So konnten in den vergangenen Wochen allein in dieser Praxis 2000 Erstimpfungen in Schriesheim geleistet werden. Das soll auch den Druck vom normalen Praxisgeschehen nehmen – denn wie Wachter berichten alle, dass die Zeit, die für das Impfen genutzt wird, oft an anderer Stelle fehlt.

Durch eine Initiative der Schriesheimer Hausärzte und der Stadtverwaltung wird ab dem heutigen Donnerstag die Mehrzweckhalle in regelmäßigen Abständen den hier ansässigen Hausarztpraxen zur Verfügung gestellt, um noch mehr Impfungen durchführen zu können. So kann sich dann wöchentlich abgewechselt werden. Am heutigen Donnerstag startet die Praxis am Schillerplatz.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung