22.05.2021

Wie soll die Zukunft des Mathaisemarkt aussehen?

Die Meinungen gehen weit auseinander. Die Reizworte in der Diskussion lauten Festzelt, Mallorca-Party und Oktoberfest samt Bier.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es ist eine so emotionale wie komplizierte Frage: In welche Richtung sollte sich der Mathaisemarkt entwickeln? Darüber debattierte der Markt- und Kulturausschuss bereits in der letzten Woche – mit dem Ergebnis, dass jetzt die Stadträte eine Arbeitsgemeinschaft bilden wollen. Die RNZ hörte sich um – bei den Schriesheimern selbst, aber auch bei den Kommunalpolitikern, Machern, Experten und Vereinen. Das Stimmungsbild ist gemischt: Manche sehen Veränderungsbedarf, andere gar keinen.

"Alles so losse"? Für Bürgermeister Hansjörg Höfer ist im Grunde alles gut, so wie es ist. Das gilt auch für Marktmeisterin Ariane Haas-Bruch: "Warum sollte man etwas Gutes verändern? Ich sehe keinen großen Veränderungsbedarf." Im Markt- und Kulturausschuss wurde vor allem das Festzelt, das angeblich immer leerer wird, angesprochen – was das Programm und auch, was die Qualität des Essens angeht. Haas-Bruch ist da gelassen: "Die Festzeltwirtin macht ein gutes Programm, aber das Freizeitverhalten hat sich eben geändert." Und generell sollte man auch wegen des unsteten Wetters froh sein, dass es überhaupt ein Festzelt gibt: "Es ist ja schon schwer genug, überhaupt jemanden zu finden, der es macht." Festzeltwirtin Ilona Böhm sieht wenig Grund zur Klage: "Wir haben keine Rückgänge, in den letzten Jahren sind die Besucherzahlen gestiegen." Sie ist im Großen und Ganzen zufrieden. Kritik am Essen versteht sie nicht: "Daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert – außer dass die Gerichte wechseln."

Sollte sich nicht doch etwas ändern? Hauptpunkt der Kritik am bisherigen Fest ist, dass es kaum mehr Angebote für die mittlere und ältere Generation gebe. Stattdessen ziele gerade das Festzelt mit seiner Mallorca-Party zu sehr auf die Jugend ab, es gebe zu viel Remmi-Demmi und zu wenig Schriesheimer Identität. Das sieht auch der langjährige Vorsitzende des Verkehrsvereins, Karl-Heinz Schulz, so: "In meinem Bekanntenkreis höre ich oft: Der Mathaisemarkt ist nicht mehr das, was er war." Ja, die Krönung sei noch ein Höhepunkt, aber seit die Vereine nicht mehr den Montag gestalten, hätten viele Schriesheimer keinen Grund mehr, ins Festzelt zu gehen. Er könnte sich, gerade für den Montag, eine andere Ausrichtung vorstellen. Das sieht auch Bernd Hegmann (Freie Wähler) so: "Ich gehe eigentlich nur noch zur Krönung ins Festzelt, ansonsten zum BdS." Auch für ihn wird mittlerweile zu viel für jugendliches Publikum angeboten. "Wenn man das alles so laufen lässt, ist der Mathaisemarkt in drei, vier Jahren tot." Tobias Heising von den Raubritter-Baseballern ist auch nicht mehr so oft im Festzelt, dabei feierte sein Verein vor sechs Jahren dort noch groß sein 25-Jähriges. Für ihn wäre es keine schlechte Sache, wenn sich wieder die Einheimischen um den Festmontag kümmern würden. Böhm entgegnet: "Die Vereine wollen ja nichts machen." Ginge es nach Heising, würde er auch etwas am Essensangebot im Zelt ändern – vielleicht mehrere Stände mit einem breiteren und auch hochwertigerem Angebot. Auch Hegmann meint zum bisherigen Angebot: "Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht." Karl-Heinz Spieß, der Vorstandsvorsitzende der Winzergenossenschaft, hat beobachtet: "Das Festzelt ist – bis auf die Krönung – niemals vollständig gefüllt."

Expertise von außen holen? Geht es nach Christiane Haase (CDU), sollte sich das Rathaus Rat von außen holen. Sie ist an sich nicht festgelegt, was sich alles ändern könnte – dazu sollten ja externe Experten Vorschläge machen, und zwar ergebnisoffen. Deswegen wurden ja auch 25.000 Euro im Haushalt eingestellt. Jetzt schon Details zu diskutieren, hält sie für wenig sinnvoll: "Das ist doch nur wieder ein Klein-klein." Für den Experten-Rat gibt es Sympathien, wie beispielsweise die von Spieß: "Neutrale, objektive Ideen sind förderlich. Aber das müsste der neue Bürgermeister beschließen. Eine Hau-Ruck-Aktion zum jetzigen Zeitpunkt wäre nicht gut." Auch Heising würde die Organisation des Mathaisemarktes "aus der Hand geben und professionell organisieren". Dabei gebe es, so sagte Hegmann, durchaus Experten vor Ort – wie den Schriesheimer Christian Merkel. Der organisiert vor allem Galas, aber er hätte nichts dagegen, zu Rate gezogen zu werden – zumal er schon ein paarmal erfolglos versucht hat, mit Böhm ins Gespräch zu kommen. Denn er teilt Hegmanns Ansicht: "Es werden zu wenig die Schriesheimer angesprochen, man setzt zu viel auf die Jugend. Man sollte sich schon Gedanken machen, den Mathaisemarkt für alle Altersklassen attraktiver zu gestalten."

In Richtung Oktoberfest gehen? Hegmann hat sich umgeschaut – und beobachtet, wie gut Feste nach bayerischem Vorbild in Mannheim und Heidelberg laufen: "Die sind immer ausverkauft." Auch Merkel ist aufgefallen, wie sehr das alle Generationen anspricht – zumal er auch entsprechende Bands wie die "Dirndljäger" oder die "Schlagerhasen" an der Hand hat. Doch "Oktoberfest" ist ein Reizwort: "Man sollte mit der Tradition nicht brechen", sagt Heising. Haas-Bruch findet solch einen Gedanken "schrecklich": "Dirndl und Schriesheim passt nicht zusammen. Vom Wein in Maßkrügen ganz zu schweigen." Auch Spieß hält nichts von der Idee: "Das ist doch der Mathaisemarkt. Und Oktoberfest ist mir zu nah am Bier." Aber vielleicht könnte man ja auch Oktoberfest-Musik an einem Abend anbieten? Festzeltwirtin Böhm berichtet, dass sie auch schon darüber nachgedacht habe: "Aber so etwas kostet deutlich mehr als andere Bands. Ich wollte das im letzten Jahr für den Montag anbieten, aber dann hätte ich Eintritt verlangen müssen." Im Übrigen findet sie, dass sie sehr wohl Musik für alle im Festzelt biete – mit der Stimmungsmusik von den "Würzbuam", dem Rock von "Just for Fun" und den Schlagern von den "Nachteulen", nur eben keine Blasmusik. Generell sei es aber "für Leute ab 45 schwierig: Die kommen nicht ins Zelt." Für Merkel hingegen ist das Programm im Festzelt "nichts Besonderes, es geht noch einen Tick besser".

Bier – ja oder nein? Hegmann ist da unaufgeregt, "Oktoberfest" ist schließlich auch mit Bier verbunden – und man sollte den Leuten ihre Trinkvorlieben nicht vorschreiben. Auch Heising hat kein Problem mit Bier. Für Schulz gibt es – und da ist er sich mit dem Bürgermeister einig – kein Vertun: "Bier gehört weder ins Festzelt noch in den Zehntkeller." Denn: "Mit Bier ist das kein Mathaisemarkt mehr". Nicht ganz überraschend sieht das auch Spieß so: "Jeder, der zum Mathaisemarkt kommt, weiß, worauf er sich einlässt." Und mit dem "Welde"-Bierstand seien auch die Nicht-Weintrinker "ausreichend versorgt".

Wieder "Mallorca-Partys"? Laut Bürgermeister ist der Mathaisemarkt auch für die Jugend da – und die sollte sich auch austoben dürfen. Auch Heising hält das für "okay": "Mich stört es nicht." Andere hingegen schon. Spieß – und mit ihm viele aus der "mittleren Generation" – fühlt sich "nicht mehr so ganz aufgehoben. Mir ist das zu viel Remmi-Demmi. Ich brauche keinen ,Ballermann’". Ihm sei das alles "zu sehr ausgeufert". Festzeltwirtin Böhm hingegen verweist auf die strengen Alterskontrollen: "Es gibt nicht mehr wie früher Krawalle oder Schnapsleichen im Zelt."

Doch kein Festzelt – oder wenn ein kleineres? Auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. An einem Zelt an sich will wohl niemand rütteln – wegen des oft kühlen Wetters. Bliebe die Frage, ob es nicht auch ein kleineres täte. Zumindest könnte sich Spieß mit dieser Idee anfreunden: "Den Mathaisemarkt sollte man in seiner Form erhalten, aber er müsste sich gesundschrumpfen, um attraktiv zu bleiben." Auch Schulz könnte es sich vorstellen, das Fest "kleiner zu machen". Für die Festzeltwirtin ist das keine Option, denn die jetzige Personenzahl von 2200 sei die untere Grenze der Wirtschaftlichkeit; ein kleineres Festzelt würde sich niemals rentieren. Zumal es ja durchaus Schlangen vor den Veranstaltungen gebe. Außerdem steht sie zur "Schriesheimer Zeltkultur". Was sie sich aber vorstellen kann: Schriesheim sollte mehr bei Touristen für den Mathaisemarkt werben – mit einem Komplettpaket: "Morgens eine Fahrt mit der Kutsche durch die Weinberge, mittags eine Weinprobe im Zehntkeller und abends auf den Mathaisemarkt."

Wann wird sich etwas ändern? Niemand rechnet, dass sich so schnell etwas ändern wird – denn eines ist ausgeschlossen: dass Höfer bis zum Ende seiner Amtszeit gravierende Neuerungen vornimmt. Und die Zeit für seinen Nachfolger, der sein Amt im Januar antritt, ist zu kurz. Deswegen sagt Haase: "Wir warten alle auf den Neuen." Hegmann hingegen macht Druck: "Mein Ziel ist, dass wir bei der nächsten Gemeinderatssitzung über Veränderungen reden."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung