08.06.2021

Das Waldschwimmbad wird 85 Jahre alt

Das Waldschwimmbad wird 85 Jahre alt

Das Waldschimmbad zu früheren Zeiten. Foto: Dorn
Ein Ort für viele Schriesheimer Erinnerungen. Auch sein Trägerverein IEWS feiert das 30. Jubiläum. Das "aufrührerische Murren" rettete das Schwimmbad einst.

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Das Waldschwimmbad ist nicht nur ein Schwimmbad – es ist ein Symbol für Freizeit, Gemeinschaft und Glück. Bürgermeister Hansjörg Höfer erinnert sich an seine Kindheit: "Wir spielten ,Fangerles übers Eck’ und waren so lange in dem – damals noch nicht beheizten – Wasser, bis die Lippen blau gefroren waren. Später, in der Pubertät, bildete die Wiese hinter der Hecke den Ort, an dem man heimlich seine erste Zigarette gepafft oder auch zum ersten Mal ein Mädchen geküsst hat." Genau dieses Waldschwimmbad wird nun 85 Jahre alt, und sein Trägerverein IEWS hat 30. Jubiläum. Feiern wird es aufgrund der Corona-Krise vermutlich nicht geben. Sabine Portz, Erste Vorsitzende des IEWS, sagt: "Es ist alles ungewiss."

Normalerweise wird das Waldschwimmbad jedes Jahr am 1. Mai eröffnet. Schon 2020 verschob sich der Termin auf den 1. Juli. In diesem Jahr war es schließlich der 28. Mai, bis dahin wurden Zäune erneuert und der Bereich am Eingang saniert. Ein ehrenamtliches Team kümmerte sich derweil um die Gartenarbeiten. Umso erleichterter waren alle, dass seit dem gestrigen Montag die Testpflicht vor dem Badbesuch entfallen ist. Der im Rückblick vielleicht noch wichtigere Schritt war die Entscheidung der Mitglieder für die Beckensanierung in der Edelstahlvariante, die eine Woche zuvor, am 21. Mai, fast einstimmig ausgefallen war.

Trotz Corona-Krise ist das Jubiläum einen Rückblick wert. Schon 1925 gab es in Schriesheim erste Ideen für den Bau eines kommunalen Freibads. Doch das Projekt scheiterte am notorischen Geldmangel der Gemeinde. Erst zehn Jahre später wurde man wieder aktiv. In seinem Buch "Wo Bürgersinn Oberwasser hat" beschreibt der Journalist Konstantin Groß offen die Hintergründe. "1933 waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Das Ideal vom ’gestählten Körper’ diente aber nicht der physischen Gesundheit, sondern der Propagierung der angeblichen Überlegenheit der sogenannten arischen Rasse." Er zitiert Stadtarchivar Dirk Hecht, der in seiner Stadt-Chronik schreibt: "Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren ausschlaggebend für den Bau des Waldschwimmbads."

Die Planungen wurden so intensiv verfolgt, dass tatsächlich 1936 mit dem Bau begonnen werden konnte. Es gab einige Hindernisse. Unter anderem stieß man beim Erdaushub auf Felsen, die Experten mit Dynamit sprengen mussten. Wenige Wochen später wurde das Becken am 19. Juli 1936 eingeweiht. Groß schreibt: "Mit all jenem NS-Pomp: Hakenkreuzfahnen wurden am Rande der Becken aufgezogen. Die Anwesenden, auch jene in Badehose oder Bademantel, erhoben die Arme zum Hitler-Gruß." Es gab ein Wettschwimmen in Staffelform und ein Wasserballett mit mehreren Schwimmerinnen.

Man darf bei der Erinnerung ruhig ein wenig schaudern: Das Becken wurde gespeist aus dem kalten Wasser des Kanzelbachs, das nicht geheizt wurde. Von Anfang an gab es Schwimmunterricht. Leonhard Göhrig, genannt "Hartel", wurde zum Bademeister bestellt. Mit seiner Frau Gretel, den Söhnen Gerd und Traugott und der Schwägerin Lotte führte er den Erfrischungsraum. Also wurden nachts plattenweise Kuchen für die Gäste gebacken.

"Schnell wurde das Bad ein Publikumshit, rund 5000 Menschen täglich sollen es damals besucht haben", so Konstantin Groß. 1937 fanden die Schwimmwettkämpfe der Heidelberger "Reichsfestspiele" im Waldschwimmbad statt. Unter den Gästen war Ufa-Star Heinrich George, Vater des 2016 verstorbenen Schimanski-Darstellers Götz George. Auch Schauspielerin Marika Rökk hat das Bad besucht. 1939, nur wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war das Waldschwimmbad Schauplatz der Deutschen Hochschulmeisterschaften im Schwimmen, so Groß.

Auch das verschweigt der Chronist nicht: "Am Eingang war damals ein großes Schild, das Juden den Zutritt zu dieser Einrichtung verwehrte." Herbert Marx, der aus einer alteingesessenen jüdischen Familie stammte – an sie erinnert seit 2018 ein "Stolperstein in der Friedrichstraße 18 – und 1938 als 19-Jähriger nach New York fliehen konnte, wo er 2017 im Alter von 96 Jahren starb, erinnerte sich: "Da guckten alle betreten. Meine Freunde sagten, wenn ich nicht hineingehen dürfte, wollten sie wieder umkehren. Aber ich redete ihnen zu, und sie gingen hinein. Ich musste dann ganz allein zurückfahren."

Nach dem Krieg wurde das Schwimmbad von den Amerikanern beschlagnahmt. Erst 1946 durften zunächst einheimische Kinder wieder das Bad betreten, ab der Badesaison 1947 wurden erwachsene Schriesheimer zu bestimmten Zeiten zugelassen. Im Laufe der nächsten Jahre erlebte das Schwimmbad einen Boom. Das knallrot gestrichene Drei-Meter-Brett wurde zum Treffpunkt der Jugendlichen.

Anfang der siebziger Jahre begann der langsame Niedergang. Bürgermeister Peter Riehl setzte sich zunächst dafür ein, das Bad zu erhalten. Doch 1990 war klar: Das Bad musste saniert oder geschlossen werden. Es begann das einzigartige Wunder von Schriesheim: Aus einem "aufrührerischen Murren" wurde eine Bürgerinitiative: Die Bürger machten mobil für die Erhaltung ihres Schwimmbads. Die Schriesheimer bewiesen sich und anderen, dass sie gemeinsam eine "Mammutaufgabe" stemmen können. Zwischen Stadtverwaltung und dem am 25. Oktober 1991 extra gegründeten Verein IEWS (Interessensgemeinschaft Erhaltung Waldschwimmbad) kam es zu einem Kompromiss, in dem genau geregelt wurde, wer für welche Kosten und Aufgaben zuständig sein würde.

Ehrenamtlich legten sich die Schriesheimer ins Zeug, um "ihr" Bad zu sanieren. Wieder Konstantin Groß: "Jeden Samstag waren an die 15 bis 20 Vereinsmitglieder vor Ort, um jene Arbeiten zu erledigen, die sie selbst machen konnten. Insgesamt leisteten die Ehrenamtlichen für die Sanierung des Waldschwimmbads 16.500 Arbeitsstunden." Mit einer Spendenaktion nach der anderen wurde Geld für den Erhalt des Schwimmbads gesammelt.

Am 13. Juni 1995 wurde nach fünf Jahren wieder Wasser in das Becken eingelassen. Am 24. Juni konnte das Schwimmbad erneut geöffnet werden. Täglich wurden bis zu 1600 Besucher gezählt. Schriesheim beweist, dass ehrenamtliches Engagement von Dauer sein kann.

Auch jetzt, in schwierigen Zeiten, ist der Vorstand des Vereins aktiv. "Wir haben die Erlaubnis, uns zu unseren Sitzungen im Waldschwimmbad im Freien zu treffen – mit dicken Jacken", so Sabine Portz. Noch ist ungewiss, ob und wie das Jubiläum gefeiert werden könnte. Vielleicht wird sogar ein 86. Jubiläum im kommenden Jahr daraus. Auf alle Fälle zieht Groß eine positive Bilanz: "Das Beispiel Waldschwimmbad Schriesheim zeigt, dass historische Traditionen auch in einer modernen Gesellschaft eine stärkere politische Gestaltungskraft entwickeln können als technokratische Zwänge. Es zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement mit seinen vielfältigen Ideen Problemlösungen ermöglichen kann."

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In diesem Jahr feiert das Waldschwimmbad sein 85. Jubiläum. Foto: Dorn

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Ein historischer Abend: der Gründungsvorstand der IEWS am 25. Oktober 1991 (v.l.) Frank Jörder, Gabriele Noack, Claus O. Köhler, Uschi Müller, Hans Waldenmayr, Vorsitzende Hannelore Kammlodt und Hartmut Leciejewski. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung