08.08.2021

Manch ein Chor bangt um sein Fortbestehen

Dramatisch ist die Lage in Ursenbach: Zur ersten Probe nach dem Lockdown kamen nur fünf Sänger. Auch beim Liederkranz gibt es Probleme.

Schriesheim. (max) Für viele war vor allem der Wegfall des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens durch die Pandemie ein bitterer Einschnitt. Als nicht wegzudenkender Teil der städtischen Kultur nehmen die Chöre ihren Betrieb zaghaft wieder auf. Doch für einige stellt sich die Frage: Wie soll es weitergehen?

> Sängerchor Ursenbach: Am drängendsten ist die Frage nach der Zukunft im kleinen Odenwald-Ortsteil. Die Vorsitzende Miriam Köster berichtet, dass bei ihrer ersten Singstunde in diesem Jahr Anfang Juli nur noch fünf Sänger anwesend waren. Sie seien im letzten Jahr schon nur noch zwölf gewesen, was für drei bis vier Stimmen sehr wenig sei: "Da war die Situation schon bedenklich." Mit nur noch fünf wird es aber grenzwertig. Als Köster im Chor angefangen hatte, waren es noch mehr, vor allem ältere Mitglieder. Gerade für die Älteren seien die hohen Stimmen, wie der Sopran, mittlerweile zu anstrengend. Ein weiteres Problem sei, dass viele der Aktiven nicht aus Ursenbach selbst, sondern aus der Kernstadt, Hirschberg oder Weinheim kämen.

Da sei das Überwinden des "inneren Schweinehunds" noch schwieriger, schätzt der Zweite Vorsitzende Rolf Pranner ein. Viele hätten sich daran gewöhnt, den Abend jetzt auf der Couch zu verbringen. Abends um 20.30 Uhr nach Ursenbach zu fahren, würden sich die von "außerhalb" dann zweimal überlegen. "Wir brauchen dringend Mitglieder aus dem Ort", appelliert Pranner. Denn das Singen im Chor mache Freude und sei fester Bestandteil des Ortsteils. Immerhin gibt es den Sängerchor seit 110 Jahren. Chorleiter Jun Won Lee würde bei der Auswahl der Stücke immer nach dem Geschmack der Sänger gehen, und es würde nie langweilig. Lee hielt den Ursenbachern auch über den Lockdown die Treue, worüber Köster sehr froh ist: "Wir sind sehr zufrieden mit ihm, hoffentlich bleibt er noch lang."

Die Kosten seien zwar gering, da die Proben im Dorfgemeindehaus stattfinden und man sich ein eigenes Vereinsheim sparen kann. Trotzdem merken sie die ausgefallenen Feste wie die Ursenbacher Kerwe oder das Dorfgemeinschaftsfest mit der Feuerwehr, bei denen man die Kasse etwas auffüllen konnte. Für dieses Jahr sei die Kerwe nicht ganz abgeschrieben, da man sie auch kurzfristig auf die Beine stellen könnte. Fest steht aber noch nichts.

Um die Mitglieder in die Pflicht zu nehmen, wollen Köster und Pranner jetzt genau nachfragen, mit wem sie noch rechnen können: "Danach müssen wir uns einen Schlachtplan überlegen, um Mitglieder zu gewinnen", so Pranner. Wer Interesse hat mitzusingen, meldet sich bei Köster per E-Mail an koestermiriam@gmail.com.

> Kammerchor Schriesheim: Hier sieht es besser aus. Sogar die Online-Proben waren erstaunlich gut besucht. 25 bis 30 der 40 Sänger nahmen regelmäßig daran teil, berichtet die Zweite Vorsitzende Heidrun Burgdörfer. Bis im letzten Oktober dann gar nichts mehr ging, traf sich Chorleiter Markus Karch mit den Mitgliedern zu Einzelproben, damit man wenigstens ein bisschen in der Übung blieb. Durch die Einzeltreffen und die anschließenden Online-Veranstaltungen konnten alle ihre stimmlichen Leistungen aufrechterhalten. Das Programm des ausgefallenen Konzerts im letzten Herbst und in diesem Juli konnte zwar nicht aufgeführt werden, wurde aber komplett eingeübt.

Seit Mitte Juni darf sich der Kammerchor wieder unter den üblichen Coronaauflagen treffen. Um alle Abstände gut einhalten zu können, finden die Proben aktuell draußen auf dem Leutershausener Weingut Teutsch statt. Allerdings sind die Treffen auf 15 Mitglieder limitiert, da man sich sonst zu nahe käme. Aktuell sucht der Vorstand deshalb eine Ausweichmöglichkeit, auch falls das Wetter schlecht ist. Die großen Abstände zwischen den Sängern sei zwar ungewohnt, aber eine tolle Übung, um richtig zuzuhören, findet Burgdörfer.

Austritte gab es keine, und auch die Beiträge wurden weiterhin gezahlt, wofür die Zweite Vorsitzende sehr dankbar ist. Um mal wieder vor Publikum zu singen, ist ein Konzert im Herbst angedacht, für das das Programm auch schon steht. Genauere Pläne gibt es aber noch nicht: "Die Zahlen müssen nur ein bisschen steigen, dann kann man alles wieder absagen", so Burgdörfer. Bevor man sich endgültig entschließe, fahre man noch etwas auf Sicht.

> Liederkranz Schriesheim: Angesichts der unsicheren Situation und der Sommerferien entschied sich der Vorstand um Vorsitzenden Klaus Urban, die Proben erst im September wieder aufzunehmen. Auch Dirigent Thorsten Gedak fand wenige Proben vor der Sommerpause nicht sinnvoll. Um aber den zweitwichtigsten Aspekt im Chor, nämlich das Beisammensein, wieder zu ermöglichen, treffen sich die Mitglieder wieder ohne Gesang – beim Stammtisch im Vereinsheim. Der kam gut an und füllte die Vereinskasse. Als Nächstes sollen auch die Mitgliedswirte wie von der Weinstube Hauser, dem Gasthaus "Zum neuen Ludwigstal" oder der Weinstube Müller wieder mit dem ganzen Chor besucht werden. Virtuelle Proben waren für den Laienchor kein Thema, berichtet Urban. Sie hätten es zweimal versucht, aber die Verbindung sei meist zu schlecht gewesen. Gedak hatte einige Lieder eingesungen und auf CD an die Mitglieder verteilt, so konnte wenigstens zu Hause etwas gesungen werden.

Die Veranstaltungen wie das Weihnachtssingen wurden alle abgesagt. Urban hofft, dass dieses Jahr vielleicht noch ein Grill- oder Herbstfest möglich sind. Immerhin gab es eine Generalversammlung am 20. Juli. Auf der wurde beschlossen, dass aus dem nicht mehr singfähigen Frauenchor nun ein gemischter Chor werden soll.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung