20.09.2021

Die Weinstadt liegt offiziell auf dem Jakobsweg

Die Weinstadt liegt offiziell auf dem Jakobsweg

Seit gestern ist die evangelische Kirche von Schriesheim offiziell Pilgerkirche auf dem Jakobsweg: Mit einer kleinen Zeremonie wurde der neue Hinweis enthüllt. Es freuten sich Pfarrerin Suse Best (l.) und Pfarrer Kieren Jäschke (3. v. l.), selbst überzeugte Pilger. Foto: Dorn
Die evangelische Kirche von Schriesheim darf sich jetzt Pilgerkirche nennen.

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Eine kleine Muschel brachte eine große Aktion ins Rollen: Mitten in Schriesheim entdeckte Suse Best an einem Laternenpfahl zum "Mainzer Land" einen Aufkleber mit der Jakobsmuschel, den ein Unbekannter als Wegzeichen für Pilger auf dem mehr als 1000 Kilometer langen Weg nach Santiago de Compostela angebracht hatte. Die Pfarrerin an der evangelischen Kirche war sofort hellwach: Konnte es sein, dass Schriesheim auf der Route des Pilgerwegs liegt? Dies sei schon verraten: Es ist wirklich so. Seit Sonntag ist die evangelische Kirche offiziell Pilgerkirche.

Suse Best ist den Jakobsweg selbst mit ihrem Mann und zwei Freunden in Etappen über mehrere Jahre gepilgert: "Das Pilgern bringt mir die Nähe zu Gott. Beim Pilgern komme ich zur Ruhe. Es ist, als wäre ich zwischen den zwei Polen "Plus" und "Minus" – dort kommt in mein Tohuwabohu eine Ordnung, dann kann ich wieder für andere da sein. Das Pilgern ist Beten mit den Füssen, aber auch eine Gaudi." Als sie in Santiago de Compostela ankam, läuteten die Glocken. Sie setzte den Weg bis ans Kap Finisterre fort: "Dort bin ich wirklich angekommen." Die gelbe Jakobsmuschel ist das Zeichen der Pilger, an dem sie einander erkennen.

Als Wegweiser gibt sie die Richtung an, in die man weiterlaufen soll: So prüfte Suse Best nun, wer gerade in Schriesheim die Jakobsmuschel als Wegzeichen hinterlassen hatte. Es war Gottfried Wiedemer, der einen Wander- und Pilger-Führer für den Jakobsweg von Laudenbach bis nach Schutterwald verfasst hat. Der Autor ist in diesem Jahr verstorben. Sein Engagement wird ihn wohl noch lange überdauern.

Als Suse Best gerade ihre Erkenntnisse im Treff "Mittendrin" besprach, betrat "wie bestellt" ein Pilger das Café. Sie kamen ins Gespräch. Zum Schluss bat der Pilger um den Jakobs-Stempel. Diese sammeln die Pilger als "Belege", dass sie den Weg gegangen sind. Best musste passen: Schriesheim hatte keinen Stempel. Stattdessen trug sie den Pfarr-Stempel ein.

Danach machte sie sich erneut kundig und fand heraus: Ihre Kirche erfüllte fast alle Kriterien für eine Jakobs-Pilger-Kirche: Sie hat tagsüber geöffnet, es ist ein Raum der Ruhe und Besinnung, mit dem "Mittendrin" ist die Kirche gastfreundlich. Ja, es gibt sogar ein Kirchenfenster des Jakobus, eigentlich ein Heiliger der katholischen Kirche. Damit ist das Pilgern zu einer ökumenischen Bewegung geworden, ganz ohne Absicht. Nur eines fehlte noch: der Pilger-Stempel.

Kurzerhand nahm Best mit dem Badischen Oberkirchenrat in Karlsruhe Kontakt auf: Nach nur wenigen Stunden erhielt sie das "Okay". Außerdem macht ein Schild vor der Kirche bekannt, dass Schriesheim eine Pilgerkirche hat. Am Sonntag wurde die Hinweistafel enthüllt. Dabei wurde bekannt, dass auch Pfarrer Kieren Jäschke den Jakobsweg gepilgert ist: "Ich bin den Weg während meines Studiums in den Semesterferien in einem Stück gelaufen." Anlass war – wie bei vielen Pilgern – eine seelische Krise: "Eine Beziehung war zerbrochen.

Ich brauchte eine Auszeit. Mit dem Pilgern habe ich mich neu auf Gott ausgerichtet. Das brachte Heilung." Auch er wanderte bis zum Kap Finisterre. "Dort schaut man auf das Meer und fühlt die Weite. Ein besonderer Moment." Sowohl Best als auch Jäschke haben nur ein Paar Schuhe gebraucht. Denn: "Wichtiger ist die tägliche Pflege der Füße." Jäschke wandert bis heute in diesem Paar Schuhe. In den vergangenen Jahren hat Best immer wieder Pilgertouren angeleitet – manche mehrtägig, manche eintägig, wie etwa auch kommenden Samstag (mehr Infos unter www.ekisa.de).

Nun hat sie Pensionen und Hotels angeschrieben, ob sie in eine Liste aufgenommen werden wollen. Eine Bedingung: Die Pilger brauchen die Erlaubnis, dass sie abends ihre Kleider per Hand auswaschen und zum Trocknen aufhängen dürfen.

Hintergrund: Der Jakobsweg wird auch Sternenweg genannt. Im Jahr 1987 hat der Europarat die Wege der Jakobspilger zur europäischen Kulturroute erklärt. Die Wege, wie sie heute noch begangen werden, entstanden in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts.

> Wo der Weg beginnt: "Der Weg beginnt vor Ihrem Haus." Ziel ist das angebliche Grab des Heiligen und Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Neben Rom und Jerusalem ist Santiago de Compostela das dritte Hauptziel der christlichen Pilgerfahrt. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es Beglaubigungsschreiben. Heute belegen die Pilger mit Stempeln im Pilgerheft, dass sie den Weg gegangen sind.

> In der Moderne haben etwa Shirley MacLaine ("Der Jakobsweg") und Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg") den Weg entdeckt. Neben der Kerkeling-Verfilmung gibt es zum Beispiel den Film "Ich trag dich bis ans Ende der Welt" mit Elmar Wepper und Ann-Kathrin Kramer. mio

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Jakobspilger wie Susan Best sammeln auf ihrem Weg Stempel. Nun hat Schriesheim auch einen Jakobsstempel. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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