30.11.2021

Schriesheimer Überfall-Serie: Angeklagter zeigte wenig Mitgefühl für Opfer

Schriesheimer Überfall-Serie: Angeklagter zeigte wenig Mitgefühl für Opfer

Einer der Tatorte: die Schriesheimer Aral-Tankstelle an der B3. Foto: Dorn
Ein 18-Jähriger steht wegen Serie von Einbrüchen und Überfällen vor Gericht.

Von Max Rieser

Mannheim/Schriesheim. Eine kurze Serie von Überfällen und Einbrüchen hat im Frühjahr in Schriesheim und der Umgebung für Aufregung gesorgt. Seit Montag muss sich der 18-jährige Alessio V. vor der Jugendkammer des Mannheimer Landgerichts verantworten, es sind insgesamt drei Verhandlungstage angesetzt.

Begonnen hatte die Serie am Abend des 5. April. Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte, bewaffnet mit einem Küchenmesser und mit einer Sturmhaube maskiert, die Schriesheimer Aral-Tankstelle an der Bundesstraße B3 betreten haben. Als er keinen Angestellten antraf, verließ er die Tankstelle und kehrte einige Minuten später zurück, bedrohte den Kassierer und raubte 1085 Euro. Bei der zweiten Tat soll der Mann den Edeka-Markt in der Schriesheimer Bismarckstraße überfallen haben, in dessen unmittelbarer Nähe Alessio V. zuletzt wohnte – ebenfalls maskiert und mit einem Messer.

Zum Prozessauftakt ging es vor allem um diese beiden Taten, drei Einbrüche und der versuchte Überfall auf einen Edelmetallhandel in Heidelberg sollen am kommenden Donnerstag verhandelt werden. Der Tatverdächtige konnte dank gründlicher Polizeiarbeit überführt werden. Durch DNA-Abgleiche an den mutmaßlichen Tatwaffen und Funkzellenabfragen an den jeweiligen Tatorten konnten die Reviere Weinheim, Heidelberg und Schriesheim Alessio V. identifizieren. Das bezeugten die vier vom Gericht als Zeugen geladenen Polizisten.

Der Angeklagte hinterließ beim Vorsitzenden Richter Joachim Bock keinen guten Eindruck. Der 18-Jährige sagte, er habe die Taten begangen, weil er mit seiner Arbeit in einem Restaurant und als Bäcker zu wenig verdiente. Bock warf dem abgeklärt wirkenden Mann vor, es mangele ihm an Empathie. Das lag vor allem daran, dass Alessio V. dem Angestellten der Schriesheimer Tankstelle nur ein gezwungenes "Tschuldigung" hinwarf, anstatt sich bei ihm "richtig" zu entschuldigen. Verteidiger Jens Klein erklärte, er habe seinen Mandanten als umgänglich wahrgenommen und könne sich sein etwas schroffes Verhalten nur durch seine Nervosität erklären.

Vor allem bei der Vernehmung der Kassierer der Tankstelle und des Supermarkts versuchte der Richter wiederholt, Reue beim Angeklagten hervorzurufen, indem er deren Traumata nach den Taten ansprach. Beide gaben an, nach den Überfällen mehrere Wochen mit Schlafproblemen und Angstzuständen gekämpft zu haben. Der Edeka-Mitarbeiter schilderte, dass er sich lange Zeit davor fürchtete, in einem Supermarkt einzukaufen, da er befürchtete, der Angeklagte könne ihm dort auflauern.

Alessio V. schien weitestgehend unbeeindruckt und sagte, er habe die Kassierer ja nicht tatsächlich angegriffen, sondern nur bedroht. Da der Angeklagte, der erst vor zwei Jahren aus Italien in die Region gekommen ist, sich größtenteils über eine Dolmetscherin verständigte, könne seine Uneinsichtigkeit auch an der Sprachbarriere liegen, vermutete Anwalt Klein. Um seine plötzliche Gemütsveränderung zu erklären, beantragte der Verteidiger, die Mutter des Angeklagten, die als Zuschauerin anwesend war, in den Zeugenstand zu laden. Bock stimmte zu, und die Frau versuchte, das veränderte Verhalten ihres Sohnes damit zu erklären, dass dessen Vater, der die Familie 2014 verlassen haben soll, an Schizophrenie leide. Der Richter sagte, dass man dies beobachten müsse, es zum jetzigen Zeitpunkt aber keinen Anhaltspunkt für eine psychische Erkrankung bei Alessio V. gebe. Es gehe den meisten Eltern so, dass sie ihre Kinder auf der Anklagebank nicht wiedererkennen würden.

Im Adelsheimer Jugendgefängnis, wo er zunächst in Untersuchungshaft saß, habe der 18-Jährige zwar gut gearbeitet, sei aber immer wieder durch anmaßendes Benehmen und aufbrausendes Verhalten aufgefallen. Aktuell hat Alessio V. im Mannheimer Gefängnis eine Ausbildung als Koch begonnen. Dort fühle er sich wohler. Er könne sich anschließend vorstellen, eine weitere Ausbildung zu absolvieren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung