04.12.2021

Schriesheimer Überfall-Serie: Unterschiedliche Zeugenaussagen zum Täter (Update)

Schriesheimer Überfall-Serie: Unterschiedliche Zeugenaussagen zum Täter (Update)

Einer der Tatorte: die Schriesheimer Aral-Tankstelle an der B3. Foto: Dorn
War er entschlossen und bedrohlich oder nervös und unsicher? Der Prozess um den 18-jährigen Angeklagten geht weiter.

Von Max Rieser

Mannheim/Schriesheim. Eigentlich hätte es ein ruhiger Prozesstag werden können. Denn nachdem Alessio V. schon am Montag eingeräumt hatte, eine Tankstelle und einen Supermarkt in Schriesheim sowie einen Edelmetallhandel in Heidelberg überfallen zu haben sowie bei seiner damaligen Arbeitgeberin eingebrochen zu sein, sollte es nur noch um die Anhörung von Zeugen und die Beweisführung gehen.

Doch auch beim zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen V., der zur Zeit seiner Festnahme im Juli in Schriesheim wohnte, stand das Benehmen des Angeklagten im Fokus. Joachim Bock, Vorsitzender Richter der siebten Großen Strafkammer und der Großen Jugendkammer, hatte registriert, dass V. mehrfach auf Fragen von ihm und Staatsanwältin Tina Haltrich schroff und genervt geantwortet oder bei einer Zeugenaussage dazwischengeredet hatte. Er falle nicht durch besondere Höflichkeit auf und habe laut Bericht auch in der Untersuchungshaft Schwierigkeiten gehabt, merkte Bock an. Der Angeklagte entgegnete, dass die Schwierigkeiten aus der schlechten Behandlung in der Justizvollzugsanstalt in Adelsheim rührten. Seit er in Mannheim inhaftiert sei, ginge es besser, da sowohl Wärter als auch Mitgefangene dort freundlicher seien.

Bei der Vernehmung des Edelmetallhändlers aus Heidelberg, dessen Geschäft V. kurz vor seiner Festnahme überfallen wollte, entstand ein anderes Bild des Angeklagten als am ersten Prozesstag. Hier hatten Zeugen aus der Schriesheimer Tankstelle und dem Supermarkt ihn als entschlossen und bedrohlich geschildert. Bedroht hätten sie sich nicht gefühlt, erklärten der Inhaber des Edelmetallhandels und sein Neffe, der zur Tatzeit im Laden aushalf. V. sei nervös und unsicher gewesen. Durch das lautstarke Auftreten des Betreibers habe V. den Tatort dann auch ohne Beute verlassen. Auch bei der Verhaftung sei der Angeklagte ruhig und kooperativ gewesen, berichtete ein Polizeibeamter der Weinheimer Dienststelle, der mit einem Kollegen nach dem versuchten Überfall in Heidelberg an der Fahndung beteiligt war.

Der einzige Zeuge, der den Angeklagten und auch dessen Bruder schon vor seiner Festnahme als "verbal aggressiv" erlebt hatte, war ein Beamter des Schriesheimer Polizeipostens, bei dem V. eine Anzeige im Namen seiner ehemaligen Arbeitgeberin machen wollte. Als der Beamte ihm erklärte, dass sie das selbst erledigen müsse, sei V. ihm "komisch" vorgekommen. Ungereimtheiten gab es bei den Angaben des Angeklagten zu seiner Flucht vom Tatort in Heidelberg. Bei der polizeilichen Vernehmung habe er angegeben, von einem Freund, dessen Namen er vergessen habe, mit dem Auto von Heidelberg zurück nach Schriesheim gefahren worden zu sein. Durch die Auswertung von Videoaufnahmen habe sich aber ergeben, dass der Angeklagte mit der Straßenbahn gefahren sei und es keinerlei Hinweise auf einen zweiten Täter gebe, so ein Zeuge. Warum V. behauptete, dass er einen Komplizen gehabt habe, wurde nicht weiterverfolgt.

Als Tatmotiv hatte der junge Mann angegeben, nicht mit dem Geld auszukommen, das er aus seinen Tätigkeiten als Koch und Bäcker verdient hatte. Zuletzt seien das rund 2200 Euro monatlich gewesen. Dass ihm das Geld nicht reichte, könnte am Online-Glücksspiel gelegen haben, bei dem V. aktiv gewesen sein soll.

Auf zwei weitere mutmaßliche Taten, ein Einbruch in ein Schriesheimer Hotel und ein weiterer bei einer Privatperson, wurde nicht näher eingegangen, da Verteidiger Jens Klein angegeben hatte, dass sein Mandant sich nur zu den anderen vier Taten äußern würde. Das Urteil wird voraussichtlich am kommenden Montag, 6. Dezember, gesprochen.

Update: Donnerstag, 2. Dezember 2021, 19.29 Uhr

Angeklagter zeigte wenig Mitgefühl für Opfer
Ein 18-Jähriger steht wegen einer Serie von Einbrüchen und Überfällen vor Gericht.
Von Max Rieser

Mannheim/Schriesheim. Eine kurze Serie von Überfällen und Einbrüchen hat im Frühjahr in Schriesheim und der Umgebung für Aufregung gesorgt. Seit Montag muss sich der 18-jährige Alessio V. vor der Jugendkammer des Mannheimer Landgerichts verantworten, es sind insgesamt drei Verhandlungstage angesetzt.

Begonnen hatte die Serie am Abend des 5. April. Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte, bewaffnet mit einem Küchenmesser und mit einer Sturmhaube maskiert, die Schriesheimer Aral-Tankstelle an der Bundesstraße B3 betreten haben. Als er keinen Angestellten antraf, verließ er die Tankstelle und kehrte einige Minuten später zurück, bedrohte den Kassierer und raubte 1085 Euro. Bei der zweiten Tat soll der Mann den Edeka-Markt in der Schriesheimer Bismarckstraße überfallen haben, in dessen unmittelbarer Nähe Alessio V. zuletzt wohnte – ebenfalls maskiert und mit einem Messer.

Zum Prozessauftakt ging es vor allem um diese beiden Taten, drei Einbrüche und der versuchte Überfall auf einen Edelmetallhandel in Heidelberg sollen am kommenden Donnerstag verhandelt werden. Der Tatverdächtige konnte dank gründlicher Polizeiarbeit überführt werden. Durch DNA-Abgleiche an den mutmaßlichen Tatwaffen und Funkzellenabfragen an den jeweiligen Tatorten konnten die Reviere Weinheim, Heidelberg und Schriesheim Alessio V. identifizieren. Das bezeugten die vier vom Gericht als Zeugen geladenen Polizisten.

Der Angeklagte hinterließ beim Vorsitzenden Richter Joachim Bock keinen guten Eindruck. Der 18-Jährige sagte, er habe die Taten begangen, weil er mit seiner Arbeit in einem Restaurant und als Bäcker zu wenig verdiente. Bock warf dem abgeklärt wirkenden Mann vor, es mangele ihm an Empathie. Das lag vor allem daran, dass Alessio V. dem Angestellten der Schriesheimer Tankstelle nur ein gezwungenes "Tschuldigung" hinwarf, anstatt sich bei ihm "richtig" zu entschuldigen. Verteidiger Jens Klein erklärte, er habe seinen Mandanten als umgänglich wahrgenommen und könne sich sein etwas schroffes Verhalten nur durch seine Nervosität erklären.

Vor allem bei der Vernehmung der Kassierer der Tankstelle und des Supermarkts versuchte der Richter wiederholt, Reue beim Angeklagten hervorzurufen, indem er deren Traumata nach den Taten ansprach. Beide gaben an, nach den Überfällen mehrere Wochen mit Schlafproblemen und Angstzuständen gekämpft zu haben. Der Edeka-Mitarbeiter schilderte, dass er sich lange Zeit davor fürchtete, in einem Supermarkt einzukaufen, da er befürchtete, der Angeklagte könne ihm dort auflauern.

Alessio V. schien weitestgehend unbeeindruckt und sagte, er habe die Kassierer ja nicht tatsächlich angegriffen, sondern nur bedroht. Da der Angeklagte, der erst vor zwei Jahren aus Italien in die Region gekommen ist, sich größtenteils über eine Dolmetscherin verständigte, könne seine Uneinsichtigkeit auch an der Sprachbarriere liegen, vermutete Anwalt Klein. Um seine plötzliche Gemütsveränderung zu erklären, beantragte der Verteidiger, die Mutter des Angeklagten, die als Zuschauerin anwesend war, in den Zeugenstand zu laden. Bock stimmte zu, und die Frau versuchte, das veränderte Verhalten ihres Sohnes damit zu erklären, dass dessen Vater, der die Familie 2014 verlassen haben soll, an Schizophrenie leide. Der Richter sagte, dass man dies beobachten müsse, es zum jetzigen Zeitpunkt aber keinen Anhaltspunkt für eine psychische Erkrankung bei Alessio V. gebe. Es gehe den meisten Eltern so, dass sie ihre Kinder auf der Anklagebank nicht wiedererkennen würden.

Im Adelsheimer Jugendgefängnis, wo er zunächst in Untersuchungshaft saß, habe der 18-Jährige zwar gut gearbeitet, sei aber immer wieder durch anmaßendes Benehmen und aufbrausendes Verhalten aufgefallen. Aktuell hat Alessio V. im Mannheimer Gefängnis eine Ausbildung als Koch begonnen. Dort fühle er sich wohler. Er könne sich anschließend vorstellen, eine weitere Ausbildung zu absolvieren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung