04.12.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Fadime Tuncer entschuldigt sich nach "Rassismus-Vorwurf"

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Fadime Tuncer entschuldigt sich nach "Rassismus-Vorwurf"

Bürgermeisterkandidatin Fadime Tuncer ging am Sonntag mit ihrer Familie in der Strahlenberger Grundschule wählen. Im Wahlkampf musste sie sich anhören, wieso ihre Kinder türkische Vornamen haben – womit sie „eine Grenze überschritten“ sieht. Foto: Dorn
Die unterlegene Bürgermeisterkandidatin revidiert ihre Aussage, wollte aber auf Anfeindungen im Wahlkampf aufmerksam machen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Aussage der unterlegenen Bürgermeisterkandidatin Fadime Tuncer am Tag nach der Wahl hatte es für viele Leser in sich: "Da gab es eine Angst vor der ,Fremden’, vor der Frau, Muslima und einer mit Migrationshintergrund", hatte sie gegenüber der RNZ gesagt (RNZ vom Dienstag). Das verstanden etliche Leser so, als wollte Tuncer den Schriesheimer Wählern unterschwelligen Rassismus unterstellen – worauf eine Flut von Leserbriefen und von Kommentaren im Internet einsetzte. Im Gespräch mit der RNZ erklärt sie, wie sie die Aussage gemeint hat – und wie sie sich den Wahlausgang erklärt.

Frau Tuncer, war es denn so klug, die Schriesheimer Wähler, oder doch zumindest die Wähler Oeldorfs, in eine rechtspopulistische oder gar rassistische Ecke zu stellen?
Das war gar nicht von mir beabsichtigt. Vorab will ich erst einmal feststellen, dass es gut war, dass so viele Bürger wählen gegangen sind. Ich akzeptiere natürlich das Ergebnis, habe Oeldorf gratuliert und ihm eine gute Zusammenarbeit angeboten. Ich hadere auch nicht mit dem Ergebnis, 42 Prozent sind doch mehr als respektabel. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es auch Reaktionen auf meine Kandidatur gab, die ich nicht erwartet habe.

Da Sie es ansprechen: Was ist Ihnen denn im Wahlkampf begegnet?
Auch hier, ganz grundsätzlich: Herr Oeldorf und ich haben einen fairen Wahlkampf gemacht, und von seiner Seite gab es keinerlei Anfeindungen persönlicher Art. Aber was mich doch überrascht hat: Ich wurde beispielsweise gefragt, warum meine Kinder türkische Namen haben. Oder wann der Muezzin vom Kirchturm ruft, wenn ich gewählt werden sollte. Da war für mich eine Grenze überschritten. Und in manchen Chatgruppen wurde weit unter der Gürtellinie diskutiert. Am Wahlkampfstand wurden mir fast jede Woche abstruse Dinge an den Kopf geworfen, die immer wieder mit meiner Herkunft zu tun hatten. Das war sicher nicht die Masse der Wähler, aber es hat mich doch beschäftigt.

Sie sagen ja selbst, dass das nicht die Masse der Wähler war. War Ihre Wahlinterpretation in der RNZ-Dienstagsausgabe dann nicht missverständlich?
Aber es gab ja diese Personen, die sich so abfällig und fast schon rassistisch geäußert haben. Das wird dann in deren Familie und mit Freunden weiter ausgetauscht, das kann schon zu einem Lauffeuer werden. Und ich habe auch von anderen erfahren, welche abfälligen Bemerkungen über meine Herkunft gemacht wurden. Natürlich wissen wir im Endeffekt nicht, wie viele so denken. Aber man muss schon sagen: Meine Herkunft war schon ein Thema im Wahlkampf, was ich bewusst nie thematisiert habe. Das habe ich über mich ergehen lassen. Aber ich finde, man kann und muss im Nachhinein darüber reden.

Man weiß, dass es auch in Schriesheim eine nicht ganz kleine rechtspopulistische Wählerschaft gibt: Seit der Kommunalwahl hat die AfD einen Stadtrat, bei der Landtagswahl kam diese Partei auf 6,9 Prozent der Stimmen und bei der Bundestagswahl auf 6,5 Prozent der Zweitstimmen. Inwiefern überraschten Sie da solche Anfeindungen?
In diesem Ausmaß wie jetzt bei der Bürgermeisterwahl ist mir das noch nie begegnet, ich habe das noch nie so geballt mitbekommen. Dabei weiß ich es noch nicht mal, ob es die Leute wirklich rassistisch gemeint haben, wenn sie sagten, sie wollten keine Türkin als Bürgermeisterin. Möglicherweise war das auch eher eine diffuse Angst. Vielleicht war es ein Fehler, solche Aussagen nicht im Wahlkampf thematisiert zu haben. Je weniger ich darauf reagiert habe, desto häufiger kamen solche Aussagen. In Birkenau und Sandhausen gab es bei den Bürgermeisterwahlen keine Probleme (in Birkenau wurde am 14. März der indischstämmige Milan Mapplassary und in Sandhausen am 9. Mai der türkischstämmige Hakan Günes gewählt, Anm. d. Red.).

Aber war es denn so klug, diese Aussage "Da gab es eine Angst vor der ,Fremden’, vor der Frau, Muslima und einer mit Migrationshintergrund" als Erklärung für Ihre Niederlage anzubieten?
Vielleicht hätte ich es mit dem Satz "Das war eine demokratische Wahl, die ich akzeptiere", bewenden lassen sollen.

Aber es hatten etliche der Oeldorf-Wähler doch so aufgefasst, als würden sie Ihnen Rassismus unterstellen ...
Das tut mir leid, wenn dieser Eindruck erweckt wurde. Und wenn dem so war, entschuldige ich mich auch dafür. Das war vielleicht ungeschickt formuliert und etwas verkürzt wiedergegeben.

Es könnte doch sein, dass diese Bürger Oeldorf deswegen gewählt haben, weil er ein Verwaltungsfachmann ist – und nicht weil sie "einen weißen, christlichen Mann" wollten ...
Das hat bestimmt schon eine Rolle gespielt. Wobei ja 42 Prozent der Wähler nicht so wichtig war, dass ich keinen derartigen Berufshintergrund habe.

In einem Leserbrief wird gefordert, dass Oeldorf ein Machtwort spricht. Und im jüngsten Mitteilungsblatt gratuliert ihm die AfD zu seinem Wahlsieg. Sollte sich Oeldorf von den Rechtspopulisten distanzieren?
Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie man damit umgeht.

Mal weg von der Wahl: Bleiben Sie Erste Bürgermeisterstellvertreterin?
Ja. Daran ändert sich ja nichts. Ich bin ja bis zur nächsten Kommunalwahl gewählt.

Und wie wird das Verhältnis zwischen dem neu gewählten Bürgermeister Christoph Oeldorf und der Ersten Stellvertreterin Fadime Tuncer aussehen?
Fair und respektvoll. Etwas anderes kommt für mich auch nicht in Frage. Die Kommunalpolitik geht weiter, ich habe noch so viele Themen, gerade aus dem Bürgermeisterwahlkampf, auf der Agenda. Ich werde mich keinesfalls zurückziehen und in der Ecke schmollen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung