04.12.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: "Es gab eine Wechselstimmung, und viele wollten einen Verwaltungsfachmann"

Christian Wolf und Bernd Molitor von der Grünen Liste deuten das Wahlergebnis anders als Fadime Tuncer.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Mit ihrer Aussage zum Ergebnis der Bürgermeisterwahl hat die grüne Kandidatin Fadime Tuncer für hohe (Leserbrief-)Wellen unter etlichen Schriesheimer Wählern gesorgt – auch wenn sie mittlerweile im Interview etwas zurückgerudert ist. Nun meldet sich auch die Fraktionsspitze der Grünen Liste im Gemeinderat zu Wort: Fraktionssprecher Christian Wolf und sein Vize Bernd Molitor haben nicht nur eine andere Erklärung für das Ergebnis, sondern die stärkste Kraft im Rat blickt vor allem nach vorn – und will das Gespräch mit dem neuen Bürgermeister Christoph Oeldorf suchen.

Herr Wolf, Herr Molitor, Fadime Tuncer hat in einer ersten Analyse der Bürgermeisterwahl gesagt, die Wähler hätten Angst vor der "Fremden, der Frau und Muslima mit Migrationshintergrund" gehabt. Zwischenzeitlich hat sie ja per RNZ-Interview diese Aussage relativiert. Aber machen Sie sich diese Interpretation zu eigen?

Wolf: Die Aussage ist wohl kurz nach der Wahl aus der Enttäuschung heraus entstanden. Ich halte andere Faktoren für ausschlaggebender. Denn in der Öffentlichkeit hat Tuncers Herkunft keine Rolle gespielt. Allerdings ist in den sozialen Medien oder auch am Stand beim Wochenmarkt die eine oder andere sehr unschöne Bemerkung gefallen.

Da Sie die "anderen Faktoren" ansprechen: Wie ist Ihre Wahlanalyse?

Wolf: Ich sehe zwei entscheidende Faktoren. Es gab eine Wechselstimmung nach den 16 Jahren mit einem grünen Bürgermeister. Nach der "Ära Riehl" gab es auch eine Wechselstimmung, und das kennt man ja auch aus dem Bund oder dem Land. Und viele Wähler haben gesagt, sie wollten jetzt einen Verwaltungsfachmann. Oeldorf erschien ihnen wohl als der bessere Verwaltungsfachmann.

Die erste Aussage, die Tuncers Herkunft und ihr Geschlecht thematisierte, kam von Uli Sckerl: Schriesheim sei noch nicht bereit für eine solche Frau. Wie stehen Sie dazu?

Molitor: Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit der Schriesheimer Wähler nach den Kriterien "Frau", "Herkunft" oder "Religionszugehörigkeit" entscheidet. Das mag bei einigen eine Rolle gespielt haben, aber sicher nicht bei der Mehrheit. Für die war Oeldorf der attraktivere Kandidat.

Der "Mannheimer Morgen" hat diese Erklärung: Da siegte das "alte Schriesheim" gegen das "neue Schriesheim". Was halten Sie davon?

Molitor: Das hat vielleicht noch bei der Höfer-Wahl 2005 eine Rolle gespielt. Aber heute glaube ich nicht daran. Bei uns ist "altes" und "neues" Schriesheim so gut durchmischt, da gibt es diesen Gegensatz kaum noch.

Wolf: Ich halte diese Analyse, auch wenn sie anfangs schlüssig erscheint, doch für falsch. Denn schon seit einigen Jahren hörte man immer wieder, dass sich viele Bürger einen Verwaltungsmann wünschen – egal ob Alt- oder Neubürger.

Das "bürgerliche Lager" triumphiert im Moment. Werden Sie nun als Grüne Liste auf Opposition schalten?

Molitor: Ganz klar nein. Das ist nicht das, was wir in den nächsten Jahren vorhaben. Wir haben Oeldorf gratuliert und schon ein paar erste Worte gewechselt. Wir gehen ganz offen auf ihn zu.

Wolf: In Schriesheim beginnt eine neue Zeitrechnung – wie das immer ist, wenn ein neuer Bürgermeister kommt. Christoph Oeldorf wird sicher einiges anders machen. Wir sind offen dafür, und ich habe auch das Gefühl, dass er offen für unsere Anliegen ist. Insofern: Wir wollen keine Opposition, sondern Schriesheim mitgestalten – am besten in einer guten Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister. Und mal davon abgesehen: Die Grüne Liste hat mit Fadime Tuncer ein sehr gutes Ergebnis erreicht. Darauf kann man aufbauen – und das muss auch der neue Bürgermeister berücksichtigen.

Dafür scheinen ja die Zeichen nicht ungünstig zu stehen. Denn im Wahlkampf gab es zwischen Oeldorf und Tuncer keine großen inhaltlichen Differenzen.

Wolf: Das ist ein Zeichen der Zeit, dass viele Kandidaten im Wahlkampf sich so wenig wie möglich festlegen und klare Kante zeigen wollen. Das ist auch bei anderen Wahlen der letzten Zeit so gewesen. Ich verstehe das auch: Klare Kante heißt immer auch, dass man einen Teil der Gesellschaft gegen sich hat. Wer will das schon?

In einem Punkt unterschied sich Oeldorf ja doch von Tuncer: bei der Windkraft. Haben Sie da als Grüne Liste nicht innerlich geschluckt?

Wolf: Nein. Ich habe eher gedacht, dass Oeldorf damit eine bestimmte Wählerklientel ansprechen wollte. Aber es wird ja nicht in Schriesheim entschieden, ob im Staatswald Windräder errichtet werden. Das wird wohl in erster Linie von deren Ertrag abhängen.

Molitor: Dieses Thema war im Wahlkampf gar nicht so wichtig – und schon gar nicht entscheidend.

Welche Themen waren es denn?

Wolf: So richtige Themen gab es dieses Mal nicht. Aber recht oft tauchte das Verkehrsthema auf. Und da werden wir unsere Vorstellungen dem Bürgermeister gegenüber schon vertreten, denn wir haben die Erwartung, dass da viel gemacht werden muss – vom Radweg- bis zum Verkehrskonzept. Man sagt ja gern: "Neue Besen kehren gut". Wir sollten dem neuen Bürgermeister die Chance geben, das zu beweisen.

Was sind denn Ihre wichtigen Themen?

Molitor: Dass moderne Politik in Schriesheim gemacht wird. Also zum Beispiel Digitalisierung oder eben der Verkehr.

Oder die klimaneutrale Stadt, wie Tuncer vorgeschlagen hat?

Molitor: Das ist langfristig ein sehr wichtiges Ziel, aber nicht das einzige.

Wolf: Das Wichtigste ist doch eine gute Kommunikation.

Da Sie das erwähnen – zumal Transparenz Ihr Kommunalwahlkampfmotto war und Tuncer die Bürgerbeteiligung propagierte: Was ist denn von einer stärkeren Einbeziehung der Bürger zu halten?

Molitor: Auch das gehört für mich zu einer modernen Politik, die Betroffenen und Beteiligten an einen Tisch zu bringen und das auch zu moderieren. Das erwarten wir schon.

Wolf: Aber wir sollten jetzt die Erwartungen nicht überfrachten, sondern erst mal langsam anfangen und gegenseitig Vertrauen schaffen.

Und wie wollen Sie Vertrauen schaffen?

Molitor: Es besteht ja gar kein Misstrauen. Wir sollten einfach mal anfangen, zusammenzuarbeiten.

Wolf: Daher ja auch der Vorschlag, mit Oeldorf schnell einen Termin machen und zu schauen, auf welchen Feldern wir inhaltlich zusammenpassen. Es gibt immer etwas, was zusammenpasst.

Ist ein neuer Bürgermeister gut, um die Gräben im Gemeinderat zuzuschütten?

Molitor: Gerade in der letzten Zeit wurden viele Themen interfraktionell diskutiert, dazu haben wir ja auch eine Menge Videokonferenzen durchgeführt.

Wolf: Ich sehe keine Gräben, auch nicht durch die Wahl. Im Wahlkampf wird vielleicht mal ab und an emotional überreagiert. Aber das ist hinterher vorbei. Letzten Endes ist unser aller Ziel, das Beste für Schriesheim zu erreichen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung